Wirre Zeiten und überhaupt

Die Zeiten sind etwas seltsam, finde ich. Der Winter ist seltsam, die Weltlage ist seltsam, die Sache mit dem neuen Virus macht es nicht besser. Mehr und mehr habe ich den Eindruck, wir (die!) spinnen Alle. Die einen eindeutig ein wenig mehr, die andern fast gar nicht. Ich spinne auch ein bisschen und habe mir noch nie so viele Gedanken gemacht über die Weltlage allgemein und die Politik im Speziellen. Auch habe ich das Gefühl, noch nie so oft über die Produktion und die Herkunft der Nahrung gewusst zu haben, mich noch nie derart drum gekümmert wo und was wir einkaufen und essen, was nun gesund ist und warum nicht. Die Menschen rund um mich waren immer gesund und haben nun auf einmal das eine oder andere gesundheitliche Problem oder gleich mehrere gleichzeitig. Nein, es ist nicht nur die Altersklasse, es betrifft alle. Es fängt mit Unverträglichkeiten an, geht über Allergien und Infektionen bis hin zu allen Arten von gutartigen oder malignen Tumoren. Dazu kommen psychische Probleme und Ausgebrannt sein.

Hilfe! Das alles macht einen ja verrückt, wenn man eh nicht schon völlig durchgeknallt ist. Eigentlich geht es uns ja gut. Noch. Irgendwie habe ich das Gefühl, wir verharren ein wenig wie die Maus vor der Schlange, versuchen uns nicht zu bewegen in der Hoffnung übersehen und verschont zu werden.

Selbst hier, in unserer kleinen Welt, im Hafen und im Städtchen hören wir von den abstrusesten Ideen und Ängsten. Von totalem Kopf in den Sand stecken bis hin zur unterschwelligen Panik ist alles dabei. Die Bedenken betreffen alles, was irgendwie in den Medien oder von der Politik thematisiert wird. Von Soziallabbau betroffen zu sein, von Flüchtlingen überrollt oder von Industrie und Politikern vergiftet zu werden! Die Stelle zu verlieren oder den Lebensstandard nicht halten zu können ist noch das mildeste.

Ich lebe natürlich im Land der weltbesten raleurs, der sich Beklagenden; im Land der vielartigen Privilegien. Als Ausländerin verstehe ich meist gar nicht genau worüber sich die Franzosen ständig so aufregen. Sie gehen auf die Strasse, weil sie in Gefahr sind, nicht mehr mit 50 in Rente gehen zu können, weil der Diesel ein paar Cents teurer wird, weil die Wochenarbeitszeit um eine Stunde verlängert werden könnte, also so irgendwie von 35 auf 36  Stunden (als Schweizerin habe ich eh das Gefühl, die Franzosen arbeiten bloss zu 4 von 5 Tagen). Wir Schweizer beklagen uns auch, und wie. Aber irgendwie spüre ich dabei stets den Optimismus, politisch etwas dagegen unternehmen zu können. Die Franzosen hingegen sind sehr zentralistisch organisiert. Paris nimmt alles und ist an allem Schuld. Es sind immer DIE und nie WIR. Der Franzose versteht sich kaum als Teil eines Ganzen, ausser es ist der 14. Juli und er singt gerade die Marseillaise oder jemand kritisiert die Cuisine française. Ça alors, cela ne va pas du tout, non!!! Aber darüber hinaus? C’est foutu, es ist ruiniert, umgangssprachlich würde ich es mit „es ist verkackt“ übersetzen.

Erstaunlicherweise fühlt sich der Franzose nun vom Virus nicht sonderlich gestört. Nirgends sieht man irgendwelche Masken oder leere Regale. Die copains und copines kriegen nach wie vor Küsschen, letzten Sonntag war es am Karneval hier brechend voll. Jedenfalls bis zum Zeitpunkt, als nach einem wundervollen sonnigen Tag um halb fünf Uhr nachmittags ein Hagelsturm mit Blitz und Donner dem Treiben ein brüskes Ende machte. Allerdings hat Macron landesweit sämtliche Mundschutzmasken beschlagnahmt. Mediziner und Spitäler werden also in Frankreich kaum mit Lieferengpässen zu kämpfen haben. Soweit mit bekannt ist, ist dies jedoch fast die einzige Massnahme, die der französische Staat bislang getroffen hat. Alles also noch ziemlich locker vom Hocker!

Das hat mir jetzt gut getan, mich da ein bisschen abzuregen. Stets, wenn ich Ärger oder Kummer zu Papier gebracht habe, geht es mir danach wieder besser. Dies ist jetzt der Fall. Ich backe jetzt mal einen Wohlfühl-Kuchen. Dann geht’s gleich noch besser!

 

 

 

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

2 Kommentare zu „Wirre Zeiten und überhaupt“

  1. Also ganz genauso. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass diese ‚Begrüßungsknutscherei‘ bei den Franzosen ein wenig durch Corona aus der Mode gerät, denn als Nordlicht war mir das schon immer etwas suspekt. Aber komischerweise geben sie nun noch viel weniger die Hand, aber auf Küsschenküsschen mögen sie irgendwie nicht so wirklich verzichten. 😉 Im 57er sollen nun wohl für zwei Wochen die Schulen geschlossen werden. 🤔 Aber genau weiß ich das nun auch nicht.

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    1. Haha! Wir Schweizer haben diese “ Begrüssungsknutscherei“ ja auch! Ist z.Z. ausgesetzt. Das Ganze macht ja schon unsicher. Wir versuchen uns vernünftig zu verhalten, beobachten aber schon, dass wir auf einmal zögern bei gewissen Dingen: sollen wir ÖV benutzen? Was passiert, wenn wir im Supermarkt mit der Einkaufskutsche herumfahren und ständig diese Griffstange berühren? Sollen wir noch auswärts essen gehen, und und und? Bizarr irgendwie 🤔

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