Das kleine Glück an Bord

Wir werden immer noch, nach weit über zwei Jahren, regelmässig gefragt, ob wir unseren Entscheid, allen unseren Besitz zu veräussern und auf ein doch relativ kleines Boot (im Vergleich zu einem Haus oder Wohnung) zu ziehen, bedauern.

Diese Frage kann ich gut verstehen. Ebenso klar kann ich sie für mich persönlich beantworten: Nein!

Grundsätzlich finde ich die Tatsache, sich von tausend verschiedenen Sachen verabschiedet zu haben, im wahrsten Sinn des Wortes, befreiend. Ich hätte nie gedacht, dass viel Besitz auch viel Belastung bedeutet. Aber es ist so: weniger Besitz, weniger Sorgen. Ich vermisse nichts, im Gegenteil, ich tue mich schwer etwas Neues zu kaufen.

Ausserdem liebe ich dieses Leben. Es gibt tausend Dinge, die ich immer wieder aufs Neue toll finde: angefangen von der frühmorgendlichen Wasserspiegelung an der Kabinendecke, über die Ruhe und der Natur rundum, das ewige Plätschern und Platschen oder das Rauschen einer nahen Schwelle, bis hin zu den Sonnenuntergängen, und den blauen Stunden im Boot an der Wärme oder an lauen Abenden an Deck. Ich mag das Trommeln des Regens auf dem Kabinendach, den frühmorgendlichen Dunst über dem Wasser, das laute Gurgeln der Regenrinnen und -Abläufe. Ich liebe das im Boot resonierende tok-tok-tok der Enten wenn sie Gräser und Moos vom Schiffsrumpf abpicken. Sogar an die Spiele der Fische unter dem Boot und dem entsprechenden Lärm in der Nacht habe ich mich gewöhnt und schrecke deshalb nicht mehr aus dem Schlaf auf.

Im Moment ist noch Winterzeit und wir liegen fest. Aber ich freue mich auf die aktiven Monate, in denen wir fast jederzeit die Wahl haben zwischen bleiben oder abreisen. Das finde ich absolut toll. Treffen wir es schlecht, sind wir schnell wieder weg, Koffer packen erübrigt sich ja. Da wir nicht einmal Gartenstühle draussen stehen haben, müssen wir wirklich bloss die Leinen lösen und weg sind wir. Fühlen wir uns irgendwo ausgesprochen wohl, können wir tage- oder sogar wochenlang bleiben und Land und Leute kennen lernen. Der Kontakt ist meist leicht hergestellt und aus irgend einem Grund sind Leute von Booten überall gerne gesehen und ein Gesprächsthema als Einstieg ergibt sich automatisch. Natürlich muss man auch offen sein und ein wenig Sprachkenntnisse sind hilfreich. Beide sind wir nicht explizit extrovertiert, haben jedoch keine Probleme damit, neue Kontakte zu knüpfen. Erstaunlicherweise ergeben sich trotz der Mobilität sogar solide und dauerhafte Freundschaften!

Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass dieses Leben absolut nicht jedermanns Sache wäre. Wir gehören nirgends wirklich dazu, haben keine Heimat – was immer das auch sein soll. Sehr oft, unterwegs sogar fast täglich, müssen wir uns überlegen wo kaufen wir ein, wo entsorgen wir Abfall, wo bringen wir Dinge zum recyclen hin, manchmal müssen wir auf die Schnelle einen Arzt oder Tierarzt finden, oder uns schlau machen, wo wir jetzt bestimmte Ersatzteile herkriegen. Wir fragen uns, wo wir gezielt Infos erfragen könnten, wo legen wir am besten an, wer kann uns einen Tipp geben, wie kommen wir jetzt ohne Auto dahin, wohin lasse ich dieses Paket senden und wann werden wir dort sein um es abzuholen….. Wir leben oft einfach in den Tag hinein, aber ganz normale Bedürfnisse haben wir natürlich auch, und es kann manchmal ziemlich umständlich werden! Das darf einen aber nicht stressen; wer alles ständig in Ordnung und auf Zack haben möchte, die Freunde in der Nähe, in seinem Supermarkt zielsicher in die Regale greifen möchte, und generelle Beständigkeit liebt oder sogar braucht, für so jemand ist dieses Leben auf Dauer sicher nichts.

Uns jedoch passt dies alles. Auf dem Boot und in diesem Leben fühlen wir uns belebt, angeregt, ungemein lebendig. Uns stört es an Bord nicht im geringsten, mit elektrischem Strom haushalten zu müssen, den Wasservorrat im Auge zu behalten und zu planen wo wieder Nachschub an Nahrungsmitteln möglich ist. Im Gegenteil; ich finde das eigentlich nur natürlich und es lehrt einen, sich zu bescheiden und auch mal zu improvisieren. Ein Haushalt auf einem Boot ist – nun – ein Haushalt. Wir müssen auch aufräumen, saubermachen und waschen. Dank den beschränkten Raumverhältnissen ist ein Boot jedoch schnell mal auf Vordermann gebracht und wenn es regelmässig regnet erledigt sich das draussen, wenigstens auf unserem Boot, grad von alleine, und sonst krempeln wir die Ärmel hoch, und machen dem Schmutz mit Schrubber und Lappen den Garaus.

Leben auf einem Boot? Idyllisch, spannend und abenteuerlich oder doch eher langweilig, kompliziert und einsam? Beides, jeder erlebt das persönlich anders und das ist gut so. Es müssen ja nicht alle dasselbe lieben.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

4 Kommentare zu „Das kleine Glück an Bord“

  1. Liebe Suzy
    Du schreibst nicht nur gut, du ziehst auch faszinierende Konklusionen! Complimenti!
    Sich von Unnötigem zu trennen ist, mit oder ohne Schiff, eine Erleichterung. Sich vermehrt an der Natur zu erfreuen und beglücken, ist schiffsunabhängig, aber wesentlich für unser Wohlbefinden. Du beschreibst es vorbildlich für Land- und Wasserratten.
    Hiermit danke ich dir von Herzen für die vielen wertvollen Denkanstösse, das Vergnügen deiner Beiträge, die zu meinen täglichen highlights gehören.
    Ich nehme an, dass es für dich wichtiger ist, dich in deine nächsten Beiträge zu vertiefen, als 1000 thanks-messages zu verschicken, deshalb lese ich sie mit höchstem Vergnügen und melde mich selten.
    Liebe Claude+Suzy seid herzlich umarmt
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

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