(Zusammen-)leben auf einem Hausboot

Was, ihr wollt ganzjährig auf einem engen Boot leben!? Habt ihr euch das gut überlegt? Kriegt ihr euch da nicht ständig in die Wolle? Ihr kennt ja da niemanden!

So oder ähnlich tönte es ab und zu, als wir uns daran machten unsere Pläne in die Tat umzusetzen. Tatsächlich haben wir uns dies kaum überlegt. Wir sind beide nicht so der Typ, der sich das Pro und Contra endlos überlegt und alles durchdenkt, sondern eher so «Jump and see»-Menschen. Bis jetzt ist es ja auch immer gut gegangen, also meistens.

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Tiere an Bord

Hunde, die auf Booten leben sind sehr häufig anzutreffen, allein hier im Hafen hat es mindestens ein Dutzend Hunde auf den wenigen Booten, die rund ums Jahr bewohnt sind. Dazu kommen auch noch zwei Katzen. Sicher befindet sich noch das eine oder andere Meerschweinchen oder Kaninchen irgendwo an Bord. Vögel habe ich noch nie auf einem Schiff gesichtet, dafür auf mehreren Mobil-Homes und Camper!

Wir haben unsere zwei Hunde und wünschen uns eigentlich auch noch eine Katze dazu. Wir hatten stets Hund und Katz und eine Mieze fehlt uns noch zum totalen Glück. Eine Katze zu finden wäre natürlich ganz einfach, aber wir denken, unsere Miau wird uns ganz von alleine finden und, typisch Katze, ohne zu fragen bei uns einziehen. Wir sind schon des Öfteren von Katzen «gefunden» worden. Weiterlesen „Tiere an Bord“

Elastisch bleiben, bitte!

Wir haben viele Jahre in Asien verbracht, wovon vier Jahre in Indonesien. Vieles damals beeindruckte mich tief und es gibt einige Dinge, die bis heute noch nachklingen. Eins davon ist die jam karet, die Gummi-Zeit, ein elastischer Zeitbegriff. Indonesier brauchen den Ausdruck gerne um anzugeben, dass Zeit- oder Terminangaben nicht so eng verstanden werden sollten.

Dieses erste Jahr auf dem Hausboot wurde die jam karet so richtig aktuell. Der Ausdruck hat bei uns beiden sozusagen ein Revival erlebt. Ich würde ihn eigentlich noch gerne ausdehnen und in hidup karet umbenennen, Gummi-Leben. Ja, Elastizität ist hier gefragt. Nicht alles läuft wie gewünscht, geplant, getimed. Aber das ist ok.

Unsere Anpassungsfähigkeit wurden diesen Sommer nämlich von Natur, Mensch und Technik so richtig ausgetestet. Wundersamerweise störte uns das nicht gross, trotzdem wir beide nicht gerade für Geduld und Langmut bekannt sind. Eigentlich waren wir meistens ziemlich zen und nahmen Unvorhergesehenes nur ab und zu vielleeeeicht etwas genervt zur Kenntnis. Aber nur ganz kurz. Schnell schaltete eines von uns dann auf Ohm und rückte die Dinge wieder an ihren Platz: Hey, das spielt doch keine Rolle, warten wir zu, bleiben wir halt hier, warten wir ein paar Minuten-Stunden-Tage ab, kehren wir um, reparieren wir das halt, pumpen den Schiffsbauch eben aus, essen wir  kalt, besuchen wir die Stadt ein anderes Mal, und so fort.

Vieles, das ich gerne gesehen hätte, haben wir leider nicht besuchen können. Meist war es schlicht zu heiss, für uns und die Vierbeiner. Oft war weder die Hunde an Bord lassen noch sie mitnehmen eine gute Wahl. So „verpassten“ wir einige Sehenswürdigkeiten oder mussten es bei einem Kurzbesuch belassen.

Andererseits war die gesamte Reisezeit – eigentlich sind wir noch nicht am Ende, aber wir befinden uns wiederum in sehr bekannten Gefilden und deshalb ist es nicht mehr so aufregend – also, die gesamte Zeit war schön entspannt für uns. Wir glitten gemächlich durch tolle Landschaften. Wir hatten und liessen uns dabei Zeit; ein Luxus der absolut neu war für uns. Zum Glück konnten wir uns, konnte ich mich, gut anpassen an eine Zeit ohne Job und Termine. Ich habe mir vorgängig zwar nie Sorgen gemacht, ob mir dann nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fällen würde. Das Bewusstsein, einen grossen Schritt zu machen mit dem Wechsel von Job, Haus und Garten auf ein Leben auf einem Hausboot war hingegen schon da.

Auch nach so langer Zeit zusammen, ein derart enges Zusammenleben konnten wir nicht testen, haben Mann und ich nicht die Köpfe eingeschlagen. Auch hier ist Langmut und Geduld, also eine gewisses karet gefragt; Damit man nicht beginnt, ständig am anderen herum zu meckern (eher meine Spezialität!). Deshalb bin ich froh ist unser Boot zwar klein, aber gross genug um kleine Zonen zum Alleinsein zu ermöglichen; eine Leseecke, ein Pult um mal in Ruhe zu surfen oder zu arbeiten (ja, ab und zu gibt’s einen kleinen Job), ein Sofa oder ein Bett auf das man sich einfach mal hinfläzen kann und eine Terrasse wo eines von uns auch mal alleine einen Kaffee trinken kann.

Immerhin sind wir hier zu viert auf begrenztem Raum (ich habe es nie genau ausgerechnet, aber mehr als 50 m² haben wir als Wohnraum bestimmt nicht). Die Hunde zähle ich mit, sie nehmen schliesslich auch Raum ein und haben ihre Bedürfnisse, allerdings kaum die, endlich einmal alleine sein zu wollen :-)!

Ich glaube, den grossen Test haben wir bestanden, darüber sind wir alle glücklich! Zu behaupten, dass stets eitel Sonnenschein herrsche, wäre übertrieben, aber allermeistens haben wir’s gut zusammen. Und wenn ich hier so raus blicke, auf die anderen Boote hinaus und dahinter die grossen Bäume, darunter die Ufer mit den Spazierwegen im Grünen, auf der anderen Seite die Kaimauer und die dreibogige, alte Steinbrücke, dann macht mich das einfach nur happy! Ich froh darum, vor über zwei Jahren den Entscheid getroffen zu haben, etwas für uns ganz Ungewöhnliches zu wagen und dies dann auch durchgezogen zu haben. Leute die ähnliches gewagt haben, dazu zähle ich einige Blogbekanntschaften, werden dies bestätigen: Etwas Neues zu wagen ist nur zu empfehlen. Aber bleibt elastisch!

Dichtestress

Man kann sich darüber streiten, ob unsere Entscheidung auf einem Boot zu leben, weit weg vom Leben anderer, eine Gute war. Wir merken, wie wir uns verändern und uns langsam etwas entfernen von der ….  tja, was genau? Von der Gesellschaft, der gelebten mitteleuropäischen Normalität, dem täglichen Leben von Millionen? Weg von den Herausforderungen des Zusammenlebens in einer Stadt, mit vielen verschiedenen Menschen, die alle in erster Linie für sich schauen?

Nachdem wir in den letzten Tagen kaum ein Boot und kaum einen Menschen gesehen, geschweige den gesprochen haben, nachdem wir die letzte Nacht wohl an einer offiziellen Anlegestelle verbracht haben, dies jedoch als einziges Boot, kommen wir heute hier an und – peng – alles ist voll!

Wofür brauchen Camper noch so viele Autos? Einige haben regelrechte Wagenburgen aufgestellt
Wofür brauchen Camper noch so viele Autos? Einige haben regelrechte Wagenburgen aufgestellt
Bei den Campern schon eher etwas chaotisch und überstellt, daneben sehen die Boote direkt ordentlich aufgereiht aus
Bei den Campern schon eher etwas chaotisch und überstellt, daneben sehen die Boote direkt ordentlich aufgereiht aus

Beaulon hat eine kleine Ausbuchtung im Kanal, an der haben ein knappes Dutzend Boote Platz und unter Bäumen auf der Wiese nebenan befinden sich Stellplätze für etwa 20 Mobil Homes und Camper. Wir konnten uns gerade noch so reinschieben, jetzt ist alles voll. Seit Briare haben wir nie mehr so viele Leute an einem Ort gesehen! Die Kombi von Campern und Bootlern gibt eine etwas seltsame Stimmung. Normalerweise sind Bootler ziemlich offen, man hilft anderen beim Anlegen, redet über Boote und gibt einander die letzten Infos von „Radio Canal„, tauscht gute Tipps aus und verleiht auch mal ein Verlängerungskabel oder lässt ein Boot à couple, längs an seinem Boot festmachen, weil sonst kein Platz mehr frei ist.

Bei Campern ist die Stimmung etwas anders. Schon des Öfteren haben wir beobachtet: sie helfen einander selten beim einparken, jeder versucht sich sein Revier abzustecken so gut es geht , Kontakte gibt es viel weniger, und wenn überhaupt, dann ist es oft eine Zurechtweisung, weil man vermeintlich etwas total falsch gemacht hat. Hier in Beaulon wird diese latente Missstimmung noch durch die Tatsache verstärkt, dass Wasser und Strom für Boote gratis ist, für Camper jedoch nicht! Den Grund kann ich mir nicht vorstellen, aber es ist nicht das erste Mal, dass wir sowas antreffen.

Eine etwas unangenehme Situation, die sicher auch dazu beiträgt, dass sich die Leute etwas argwöhnisch beäugen. Könnte ja sein, einer der Wohnmobile schafft es, sich bei den Steckdosen der Bootler kostenlos anzuhängen!

So sitzen wir hier in wunderbaren Natur, könnten einen fantastischen Abend und die allmähliche Abkühlung der Luft  geniessen. Stattdessen stellen wir bei uns zwei Symptome von Dichtestress fest! Wir fühlen uns nicht so recht wohl. Sollten wir etwa langsam zu dünnhäutig werden?

 

Zurück bleiben nur die Originale

Das fast stets miese Wetter diesen Winter hat dazu geführt, dass viele hier im Hafen das Handtuch geworfen haben und geflüchtet sind. Nach und nach verlieren wir unsere (menschlichen) Nachbarn, zurück bleiben nur die Boote, ein paar Unverbesserliche, ein paar Originale und wir. Wobei man uns wohl zu einer der zwei vorherigen Kategorien fügen kann. Bin mir nicht ganz sicher, zu welcher.

Wir haben eine geschlossene Facebook-Gruppe des Hafens und dort werden wir von diesen „Zugvögeln“ bombardiert mit tollen Bildern am Strand, Barbecues unter freiem Himmel, schönen Mittelmeer-Städtchen, tropischen Inseln oder exotischen Ländern. Ja sind wir denn blöd, hier auszuharren?  Ein Winter in einem halbverlassenen Küstenort im Süden Europas mit fast ausschliesslich pensionierten Kälteflüchtlingen wäre allerdings jetzt auch nicht grad mein Traumziel. Jetzt sind wir doch schon Ende Februar und ich bin überzeugt, wenn wir heute das Boot noch schnell frostsicher machen würden um für ein paar Wochen abzudüsen, bräche umgehend der Frühling an hier und wir könnten tatsächlich früh weg um die letzten Arbeiten am Boot vornehmen zu lassen um dann zügig in eine lange Cruising-Saison starten zu können. Aberglaube hin oder her, wir haben entschieden zuzuwarten. Auf nächsten Winter können wir immer noch etwas Besonderes planen, vielleicht mal ein richtiger Winter in Schweden? Gefahr besteht allerdings, dass es hier dann einen tollen, milden Winter gibt mit vielen Sonnentagen. Was solls.

Von anfänglich etwa 20 Personen sind wir noch rund die Hälfte. An unserem Steg D (nur C und D sind wintersicher) sind wir jetzt noch 4½ Boote, die bewohnt sind.  Das halbe Boot deshalb, weil der Eigner, Typ alter Seebär, auch noch eine Wohnung hat und sich die Zeit zwischen den beiden Orten aufteilt. Wir kennen ihn nur vom sehen. Er zählt also nur halb.

Ausser uns ist noch ein französisches Paar hier, das seit 18 Jahren sein Boot um- und fertigbaut (!). Ich finde sie beide sehr sympathisch; wir laden uns gegenseitig ein  und verbringen sehr lustige Stunden miteinander. Die Abende, die wir zusammen verbringen sind stets sehr kurzweilig und inzwischen kennen wir uns schon recht gut. Sie wollen dieses Jahr bis über Berlin hinaus fahren. Ich bin schon heute gespannt auf die Berichte. Die Fertigstellung des Bootes ist wohl ein ewiges (Kampf)Thema der beiden. Ich würde da mal Gas geben und alles fertig stellen. In einer ewigen Baustelle zu wohnen, wäre nichts für mich! Aber jedem sein Ding; ist ein freies Land hier.

Weiter haben wir ein in Scheidung lebender Familienvater mit komplizierter Geschichte; bin nicht sicher ob ich alle Details begriffen habe. Er ist noch gar nicht so alt für vier Kinder und wirkt ziemlich desillusioniert und müde. Das Leben auf dem Boot ist wahrscheinlich die günstigste Lösung für ein plötzlich sehr verteuertes Leben. Er arbeitet viel in einem Lehramt und hat auch die Kinder ab und zu. Meist pendelt er aber hin und her zwischen seinem Wohnort, dem Wohnort der Kinder, wo er sie zur Schule bringt oder abholt, und seinem Arbeitsort, in einer dritten Stadt. Ich wäre da auch müde. Aber echt!

Schliesslich ist da noch einer und der ist ein echtes Original. Der wohnt alleine mit seinem Hund auf seinem ziemlich kleinen und deswegen auch ziemlich vollgestopften Boot; alle drei gehen unter demselben Namen, den ich hier jetzt nicht nennen will.  Einfachheitshalber, wie er meint. Nennen wir sie alle drei Harry. Ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass Boote eigentlich weiblich sind. Harry für ein Boot hört sich für mich irgendwie seltsam an. Ausserdem ist der Hund auch eine sie, und das ist noch merkwürdiger. Sie, die Harry? Komisch. Immerhin ist der Bootsbesitzer eindeutig männlich. Wir haben ihm vor Wochen eine Flasche Wein zum Geburtstag geschenkt. Dass es sein Geburtstag war, hatte er uns glücklich wie ein kleiner Junge erzählt. In der Folge kamen wir 10 Tage lang in Genuss von Gerichten, die er für Vier gekocht hatte: Für sich und seinen Hund, und für uns. Als Dank für den Wein! Er ist ein guter Koch, aber das war uns dann mit der Zeit dann doch fast ein wenig peinlich. Noch heute bringt er uns ab und an zu essen; und wir sehen ganz bestimmt nicht ausgehungert aus!

Eine seltsame Gemeinschaft also hier auf unserem Ponton D. Menschen die wir, wären wir „zu Hause“ geblieben, nie und nimmer kennen gelernt hätten. Natürlich gibt es sie überall, nur kommt man einfach gar nicht in Kontakt. Hier hingegen ist es so eine kleine Welt, wie eine Insel! Ich finde das toll und Horizont erweiternd. Es ist ja nicht für immer. Es gehört aber einfach dazu, wenn man seine Komfortzone verlässt von Allerlei herausgefordert zu werden und sei es bloss durch die Nachbarschaft einiger Originale oder die eigene, langsame Verwandlung hin zu Sonderlingen. Hoffentlich netten Sonderlingen!