Die Welt ist wieder in Ordnung

Das Boot ist im Wasser, wir sind umgezogen und wohnen wieder im Hausboot. Der Anlegeplatz ist hübsch; wir liegen am Kopfende eines der Stege und haben auf der Aussenseite freie Sicht in die Natur.

Alles ging gut, bloss ist das Ganze nicht gerade so abgelaufen wie wir uns das vorgestellt hatten. Weiterlesen „Die Welt ist wieder in Ordnung“

Aufregungen ohne Ende

Sowohl Überraschungen als auch Aufregungen mag ich überhaupt nicht. Und Aufregungen habe ich jetzt langsam genug gehabt!

Seit heute früh weht ein starker Wind und soeben waren wir in der Werft um noch 2 Fender zu kaufen. Dabei kamen wir natürlich nicht umhin einen Blick auf die Aktivitäten rund ums Boot zu werfen. Rein zufällig! Weiterlesen „Aufregungen ohne Ende“

Eine herrliche Fahrt

hatten wir heute Vormittag. Es wurde ein sehr heisser Tag gemeldet, wieder bis zu 33°C. Also starteten wir gleich um 9 Uhr. Ihr wisst, das ist sehr früh für mich. Ich musste gleich nach sieben aufstehen!

Auf spiegelglatter Saône glitten wir südwärts. Es war noch frisch und ein strahlend blauer Himmel sorgte für eine wunderschöne Morgenstimmung. Wir rechneten in gut 3 Stunden am geplanten Hafen anzukommen. Ich genoss die Fahrt und die Morgenluft in vollen Zügen. Überraschenderweise änderte das nach einem weiten Flussbogen auf einen Schlag: ein heftiger Südwind blies uns ins Gesicht, der Fluss war nunmehr alles andere als glatt. Die Wellen, die der Wind gegen die Strömung aufbaute, zeigten ab und an sogar Schaumkrönchen. Dem grossen Hund, Janusz, gefiel das dann überhaupt nicht mehr, die Kleine schlief indessen selig weiter. Er hingegen fing an herum zu tigern; er hasst das Schlagen der Wellen an den Rumpf. In der Tat, es rummste und schlug, Gischt flog am Bug auf. Trotz der beginnenden Hitze spürten wir sie in diesem Wind kaum. Erst in der Schleuse von Ormes, etwas geschützt, von den Mauern, merkten wir etwas davon und dann natürlich später, nach dem Anlegen. Für die Fahrt wendeten wir am Schluss eine Stunde mehr auf als geplant. Nicht nur wegen dem Gegenwind. Den einzigen Schleusengang auf der Strecke teilten wir mit zwei anderen Booten. Die Leute im Boot gleich hinter uns, vertäuten ihr Boot fest (wir schleusten runter). Zum Glück bin ich stets neugierig und gucke, wie andere das machen. Hätte der Schleusenvorgang schon eingesetzt, sie hätten sich glatt aufgehängt! Der Schleusenwärter gab anschliessend eine Durchsage über die Lautsprecher, die niemand verstehen konnte. So stieg er denn von seinem Turm herunter und korrigierte das eben erwähnte Boot, respektive dessen Crew: sie hatten eine Leine um den Lautsprecherpfosten gelegt, gleich neben einem Poller! Also, wie blöd kann man denn noch sein? Die Leinen darf man nicht wahllos um jedes senkrechte Objekt in der Nähe legen! Endlich gings doch noch los (runter) und ich konnte nicht mehr nach anderen gucken. Keine Zeit, hatte genug zu tun mit dem eigenen Boot, das partout nicht ruhig an der Schleusenwand liegen wollte! So eine Schleuse mit 180 Metern Länge und 16 in der Breite kann auch ihre Tücken haben.

Die Abenteurer aus der Schleuse blieben dann eine weitere Stunde hinter uns. Lieber hinter als vor uns. Unglaublich wie sorg- und arglos sich manche Mietboots-Kapitäne auf diesen Gewässern benehmen. Hier über die durch grosse Pfeiler ausgezeichnete Fahrrinne hinaus fahren, da, hoppla, diesen Pfosten hätte ich jetzt fast übersehen, und ja nie die Flussbiegungen in einer eleganten Linie ausfahren, sondern im Zickzack, ist doch viel lustiger, und auf welcher Seite ist schon wieder die grüne und auf welcher die rote Markierung? Ach, egal, es hat ja überall Wasser! Wir liessen dieses Boot dann in Tournus gerne an uns vorbei ziehen. Ich hoffe, sie kommen heil an. Wo auch immer.

Ich frage mich, wie solche Piloten sich auf der Strasse bewegen. Die wünscht man sich ja nicht gerade im Gegenverkehr, nicht?

Die Fahrt auf dem breiten Fluss, ohne gefühlt alle paar Minuten eine Brücke, eine Schleuse, eine enge Stelle mit Gegenverkehr wie in den Kanälen meistern zu müssen … wunderschön entspannend. Kilometerlang nur Fluss und Landschaft, wenn Gegenverkehr, dann sieht man den schon lange zum Voraus! Die Brücken sind hoch und weit. Bedenkenlos kann darunter durch gefahren werden (wobei es von Vorteil ist, dort durchzufahren wo die Durchfahrt auch angezeigt ist), keine Bedenken mehr haben müssen wegen der Höhe oder Breite des Boots! Herrlich! Einfach fahren, sich den Wind durch die Haare streichen lassen, den Fischern zuwinken und Ausschau halten nach Wasservögeln. Die frei am Ufer weidenden und ruhenden Charolais-Rinder begeistern mich heute noch, immer wieder. Mann lacht mich jeweils aus wenn ich rufe: „schau, Kühe!“, wie eine Dreijährige. Tja, jedem seine kleine Freude.

Diese beiden hinter uns werden etwas später mit uns in die Schleuse einfahren
Diese beiden werden mit uns in die Schleuse einfahren
Da kommt das Ausflugsboot von Pont-de-Vaux! Der Kapitän kommt extra raus um uns zu winken!
Da kommt das Ausflugsboot von Pont-de-Vaux! Der Kapitän kommt extra raus um uns zu winken!
Schau, Kühe! Charolais-Rinder am Ufer der Saône
Schau, Kühe!

Vor einem halben Jahr hatten wir genug vom breiten Fluss und Sehnsucht nach den Kanälen. Diese genossen wir jetzt über 3 Monate lang und heute, zurück auf der Saône,  freuen wir uns wieder über das Fahren auf einem Fluss. Beides hat seinen Reiz und Charme! Und ich mag beides gerne.

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Regen und Sturm

Dachte ich mir es schon: Wenn es kommt, dann kommt es richtig!

Letzte Nacht hatten wir etwas Regen. Wahrscheinlich gerade genug um alles zu benetzen. Heute früh wollten wir gerade frühstücken, da rauschte es auf einmal und aus dem Nichts hatten wir Sturmböen! Da wir unter Bäumen lagen und gestern schon einige riesige Äste und einen Baum im aus unserem Weg schieben mussten, wollten wir nicht riskieren so ein Ding aufs Dach zu kriegen. Also noch schnell raus um das Boot 20 Meter kanalabwärts von den grossen Bäumen weg in Sicherheit ziehen. Keine Chance! Blätter und kleine Holzstücke flogen uns nur so um die Ohren. Der Wind war so stark, er hätte uns die Leinen samt Boot buchstäblich weggerissen. Bange schauten wir zu wie tausende von wirbelnden Blättern und haufenweise kleine und grössere Äste runterkamen. Die Bäume ums Boot herum bogen sich beträchtlich im Wind und schliesslich krachte einer etwa 20 Meter von uns weg in den Kanal. Inzwischen peitschte und prasselte der Regen nur so auf uns runter. Wir konnten nichts tun, nur zuschauen und hoffen, dass die piquets, die Pflöcke, welche wir zum Anlegen eingeschlagen hatten, halten würden. Und, dass kein Baum auf uns fällt!

Der ganze Spuk dauerte vielleicht 20-30 Minuten, vielleicht nicht einmal das. Aber es kam mir vor wie Stunden. Unser Boot wurde über und über mit Blättern und Ästen eingedeckt, aber nichts Schlimmes ist passiert. Glück gehabt. Und wir haben wiederum etwas gelernt: vor dem Festmachen unter Bäumen erst den Wetterbericht konsultieren!

Die von uns informierte Feuerwehr leitete die Meldung umgehend an VNF (Voies Navigables de France) weiter. Bereits ein paar Minuten später kamen drei bestens ausgerüstete VNF-Männer vorbei und entfernten den Baum, der 2/3 der Kanalbreite blockiert hatte. Sie machten das eindeutig nicht zum ersten Mal. Das ging ruck-zuck.

Das Ablegen verzögerte sich dennoch nochmals. Weiter oben, vor der nächsten Schleuse lag eine grosse Eiche im Wasser. «Unser» Baum sei peanuts, meinten die VNF-Menschen. Die grosse Eiche hingegen – das dauere ein wenig länger, sprachens, packten ihre Sachen und zogen von dannen. Ich muss sagen, mir hätte „unser“ Baum gereicht, wenn er aufs Boot gefallen wäre, ich brauch’ nicht unbedingt eine Eiche um einen besonderen Kick zu haben!

Sobald der Wind etwas nachgab, platzierten wir das Boot um, räumten die Sauerei auf dem Boot etwas weg und warteten auf die Freigabe des Kanals für die Navigation. Das Thermometer war auf 18°C gesunken und ich fror ganz gerne einmal ein wenig.

Die nachmittägliche Fahrt war ein Kampf gegen den Wind und ein Slalom um Äste und Baumteile herum. Wir genossen es trotzdem. Es blieb relativ kühl und die Sonne blitzte nur ab und zu zwischen den Wolken hervor. Eine angenehme Abwechslung nach den vielen heissen Wochen. Unsere Hunde waren selig und lagen ausgestreckt auf dem Deck und liessen sich vom Wind zerzausen.

In der Nacht soll der Wind zunehmend deutlich schwächer werden. Da wir überall Dreck und Blätter haben, beschlossen wir morgen eine Generalüberholung des Boots zu machen. Wasserschlauch, Schrubber, Besen und Staubsauger raus, it’s time to clean up the mess!

 

Ziemlich geschafft

Gestern haben wir für Hausboot-Leute einen ziemlichen Marathon hingelegt und waren am Abend auch entsprechend geschafft. Gestartet in Gergy um 8 Uhr morgens (schon das ist eine Leistung, denn um diese Zeit ist es eigentlich für mich noch in der Nacht!), Mittags um 13 Uhr in St-Jean-de-Losne kurz angehalten um etwas zu essen und dann gleich weiter bis Auxonne.  Insgesamt 7 Stunden reine Fahrzeit für  65 Kilometer und drei Schleusen.

Höre ich da jemanden lachen? Ich weiss, für Autofahrer sind 65 Kilometer ein Klacks. Aber diese fahren ja auch nicht draussen bei Wind und Wetter und langsam fahren braucht irgendwie auch Energie! Wir fahren wenn immer irgendwie möglich vom Aussenführerstand aus, der Überblick ist einfach viel umfassender. Allerdings waren die Temperaturen gestern – und auch heute noch – alles andere als frühlingshaft, geschweige denn sommerlich. Wenigstens regnete es nicht und wir hatten in St-Jean-de-Losne für ein Stündchen genug warm um etwas geschützt auf einer Terrasse zu essen. Immerhin. Soviel Spass muss sein!

Abends waren wir alle Vier dann ziemlich müde und für unsere Verhältnisse sehr früh  schon im Bett. Trotzdem hatten wir vorher noch die Gelegenheit genutzt allen Hiergebliebenen und den aus dem Winterquartier im Süden Zurückgekehrten schnell Hallo zu sagen. Zur Zeit ist recht viel Bewegung hier. Alle die, welche noch nicht auf und davon sind, sind mindestens am Boot vorbereiten. Jeder hat irgend etwas vor, zumindest in Bezug auf die Hauptrichtung: nach Süden Richtung Midi, nach Norden Richtung Nordfrankreich, Belgien oder Holland (dahin führen mehrere Routen), oder nach Osten via Canal-du-Rhône-au-Rhin, leider immer noch wegen Hangrutsch nicht durchgehend, oder via die Vogesen. Freunde von uns sind unterwegs nach Berlin, sitzen aber seit bald einem Monat kurz vor Mulhouse fest, eben wegen diesem Hangrutsch, der den Kanal beschädigt hat. Da heisst es Ruhe bewahren und – eine wichtige Lehre für uns – sich nicht allzu fest versteifen auf einen genauen Zeitplan. Relaxed ist die Devise. Für uns manchmal doch auch noch schwierig: sich Zeit geben und lassen. Oooohhhmmmm.

Heute, mehr oder weniger ausgeschlafen, sind wir froh, gut in Auxonne angekommen zu sein und machen uns gleich daran, die verschiedenen Dinge die auf unserer Todo-Liste stehen abzuarbeiten. Heute noch ganz unspektakulär: Waschtag, Post holen gehen und den Hunden ausgiebige Spaziergänge zu bieten; obwohl, sooo fit sind diese auch noch nicht heute!

 

Lebensschule auf dem Wasser

Als Jugendliche bin ich gesegelt. Nicht von der Schule, sondern als Sport. Vielleicht heisst es richtig auch: ich habe gesegelt, dann wäre also alles klar. Mein Segeln war in einem anderen Beitrag bereits einmal kurz ein Thema. Zurückblickend würde ich sagen, abgesehen davon, dass Segeln mir unheimlich Spass gemacht hat, war es auch eine gute Lebensschulung.

Beim Segeln muss man damit auskommen, was die Natur gibt: Wind und Wasser. Es gilt auf kleine Details in Wind, Wetter und Strömungen zu achten. Ohne ein feines Sensorium dafür kann man nicht erfolgreich segeln. Man kommt nicht voran, nicht zum Zielpunkt und landet im schlimmsten Fall im Wasser.

Beim Segeln habe ich gelernt auf kleine Zeichen zu achten. Wir hatten feine Wollfäden an den Wanten, die jederzeit angaben, wohin der Wind weht – oder woher, wie man will. Die Wellen waren nicht einfach Wellen; an ihnen konnte man die ungefähre Windstärke ablesen und die Wasserfarbe und die Kräuselung der Seeoberfläche zeigten an wo es unruhig war, ob sich eine Bö anmeldete oder eine Flaute. Eigentlich genauso wie im richtigen Leben. Voraussicht und das Lesen von kleinen Zeichen ist das halbe Segeln und auch das halbe Leben.

Nicht immer sollte man warten bis die Sturmwarnung angeht und einem signalisiert, dass es jetzt genug ist. Es ist aber ratsam spätestens dann zu reagieren, wie im richtigen Leben.segeln_fd

Ich habe es geliebt im Trapez zu stehen und nur mit einem Draht und der Bootskante unter meinen Füssen mit etwas Festem verbunden zu sein. Der Wind und die aufspritzende Gischt gaben einen kleinen Adrenalinstoss und ein tolles, intensives Lebensgefühl. So kann man sich im richtigen Leben auch ab und an so richtig hinauslehnen, ein sicherer Fuss und eine Notleine kann jedoch nicht schaden.

Der See, auf dem wir segelten, hatte nicht immer einfache Windverhältnisse. Ich glaube mich zu erinnern, dass es berüchtigte Fallwinde gab, die einem Boot ziemlich rasch und, wenn man nicht aufpasste, unvorbereitet in die Segeln fahren konnte. Wie im richtigen Leben, da bläst es einem manchmal auch unvorbereitet und heftig ins Gesicht, wenn man nicht aufpasst.

Ab- und Anlegen war in unserem Fall nicht so einfach, lag unsere Anlegestelle doch talwärts im Fluss. Um rauszufahren mussten wir hundert Meter auf dem Fluss bewältigen bevor wir auf den See gelangten. Ab und an hatten wir da richtige Mühe rauszukommen da wir in engen Verhältnissen kreuzen mussten. Manchmal ging es halt gar nicht und ich stieg am gegenüberliegenden Quai aus und zog das Boot von Hand bis zum See hinauf. Etwas beschämend, wie manchmal im richtigen Leben, aber umgebracht hat es mich nicht.

Das Einfahren am Abend in den winzigen Anlegeplatz war noch schwieriger. Wir mussten aufpassen, dass Fluss und Wind uns nicht zu viel Tempo gaben um die kleine Lücke a) zu treffen und b) nicht in die Mauer zu prallen. Alles eine Frage des Austarierens der Kräfte, wie im richtigen Leben. Da ist manchmal viel eben zu viel oder wenig zu wenig. Alles eine Frage des Gleichgewichts der Kräfte.

Soviel zu der Theorie – jetzt wäre es doch schön wenn ich das im richtigen Leben jederzeit so toll umsetzen könnte wie damals beim Segeln! Ich bleibe dran.

 

Glorious Day and Bumpy Night!

Gestern Freitag hatten wir einen fantastisch schönen Tag um von Verdun-sur-le-Doubs nach Tournus zu kommen. Wolkenloser Tag, 55 km Fahrt und einer einzigen Schleuse in viereinhalb Stunden. Mit Ausnahme der Durchfahrt von Chalon, sahen wir nur ab und an ein kleines Dorf, meistens sogar nur von Weitem. Wir waren stundenlang alleine in der Natur und hörten die Singvögel in den Baumwipfeln ihre Lieder trillern.

Die Saône und ihre überschwemmten Ufer. Oberhalb von Chalon noch spiegelglatter Fluss und dünn besiedelt
Die Saône und ihre überschwemmten Ufer
Ab und zu kommt doch ein Dörfchen langsam ins Blickfeld, sonst sind wir allein mit der Natur: Fluss, Ufer, blauer Himmel
Ab und zu kommt doch ein Dörfchen langsam ins Blickfeld, sonst sind wir allein mit der Natur

In den In den Genuss der versprochenen 20°C kamen wir aber erst am späteren Nachmittag, da waren wir längst schon sicher vertäut. Während der Fahrt war es sehr kühl, aber wir liessen es uns nicht nehmen, diesen prachtvollen Tag auf dem oberen Deck am Aussensteuer in vollen Zügen zu geniessen. Ich war meist mit fotografieren beschäftigt.

Chalon-sur-Saône

Unsere erste Nacht in Tournus war eine der besonderen Art. Der Fluss hat leichtes Hochwasser, fliesst sehr rasch und ein heftiger Südostwind schiebt das Wasser gegen den Strom, was ziemliche Wellen aufschiebt. Tournus hat trotz der Grösse der Stadt nie einen Hafen gebaut. Was zur Verfügung steht, ist ein Anlegequai, der jetzt vollends überflutet ist und langer Schwimm-Ponton gute 12 Meter weg vom Quai; wir liegen also faktisch im Fluss. Entsprechend kriegen wir die ganze Wasserkraft zu spüren: alles was beweglich ist, schwingt herum und am Bug vorne plätschert, saugt, poltert und klatscht es heftig. Unser Bett steht im Bug ;-).

Tournus

So richtig gut geschlafen habe ich nicht. Mehrmals in der Nacht erwachte ich ob dem Lärm direkt unter uns, hörte ab und zu ein Stück Holz an den Bug prallen und mehrere Äste gingen unten durch; das poltert dann so den ganzen Bootsrumpf entlang und es scheint endlos bis das Ding dann wieder hinten heraus kommt. Ich habe heroisch gegen den Drang angekämpft, kontrollieren zu gehen ob wir überhaupt noch am Ponton festlagen. Wenn ich damit mal anfange…. lieber nicht.

Die Strömung ist derart stark, dass die Schiffsschraube, die sich im Leergang befindet, sich sogar von selber dreht. Unter den Bodenplatten hören wir die Kurbelwelle sich drehen. Das ist nicht laut, aber mehr oder weniger konstant. Sehr speziell!

Eigentlich mag ich Wind gar nicht und hoffe nun sehr, dass die Wetterprognosen stimmen und er heute Nacht abflaut. Ich möchte auch lieber wieder in der übliche Stille schlafen können. Auf dem Boot leben ist toll, letzte Nacht war es mir jedoch eher, wenn auch nur akustisch, zu nass.

Mein Herz weint!

Eigentlich wollten wir ursprünglich heute los und nun ist totaler Programmwechsel. Ich bin richtig enttäuscht – aber es ist vernünftiger. All odds are against us! Alles ist gegen uns. Ich sage mir immer, es hat keinen Zweck sich zu nerven, wenn etwas nicht klappt, vielleicht ist es sogar besser so und es muss einfach sein. Also nerve ich mich jetzt nicht, ich reg mich nicht auf, nicht, nein. Aber traurig bin ich schon etwas (und frustriert).

Die Franzosen haben Schuld. Erstens waren wir überzeugt – so lauteten unsere Informationen zumindest – zur Préfecture in Mâcon zu müssen, um uns endlich in diesem Land anzumelden. Zweitens müssen wir nach Tournus um gewisse Arbeiten fertig stellen zu lassen bevor es auf die grosse Tour geht. Drittens haben wir ab 12. März ab Seurre flussabwärts bis Lyon „chomage„, was eigentlich Arbeitslosigkeit bedeutet, aber eben auch benutzt wird um die periodische Schliessung der Schleusen zwecks Reinigung und Unterhalt zu bezeichnen. Wir sind dadurch blockiert, da wir durch drei dieser riesigen Schleusen müssten.

Also wollten wir die viertägige Fahrt nach Mâcon diese Woche noch machen. Reinzwängen, könnte man auch sagen. Diese Sache mit der Anmeldung ist zum aus der Haut fahren; kein Amt erzählt einem dasselbe. Es gibt in Frankreich unzählige offizielle Stellen und jede macht genau ihr Ding, hat aber keine Ahnung vom ganzen Prozess. Die Details erspare ich euch. Hier die kürzest mögliche und neueste Version: Schweizer brauchen sich nicht anzumelden, ok, ABER wir müssen eine Steuernummer kriegen, sonst gibt’s im Rahmen des bi-nationalen Informationsaustauschs ganz grosse Probleme. Wir befinden uns also in der abartigen Lage, Steuern bezahlen zu wollen müssen! Alles klar?

Mâcon ist nicht die richtige Stelle. Die Gemeinde, in der das Boot gemeldet ist, auch nicht! Immerhin haben wir herausgefunden, dass die Gemeinden keine eigenen Steuerstelle haben, sich um Steuern überhaupt nicht kümmern. Das macht eine separate, zentrale Steuerbehörde und dort müssen wir uns melden. Dies versuchen wir seit Tagen; der für uns Zuständige (internationaler Dingsbums) ist nie im Büro, sondern in der Pause, im Mittag, gerade sonst abwesend oder krank. Hallooo?!

Also, wir brauchen nicht nach Mâcon zu fahren, obwohl es da ganz schön wäre. Schöne Stadt, toller Hafen in parkähnlicher Umgebung, Weingebiet und, und, und. Dann also nur bis Tournus. Von Tournus erhalten wir den Bescheid, dass die Zugangspasserelle zum Schwimmsteg noch nicht repariert ist/wird. Wir könnten am Ponton anlegen, müssten aber an Land schwimmen!!! Es gibt zwar da einen kleinen hübschen Quai. Das ginge für kurze Zeit bei stabilen Wasserverhältnissen. Für die Arbeiten sollten wir aber mindestens 2 Wochen bleiben und wenn Hochwasser kommt – was man nie weiss, Wettergott ist sowas von unorganisiert  – ist ein fester Anlegeplatz gefährlich; das Boot kann mit dem Hochwasser über den festen Boden geraten und bei wieder sinkendem Wasserstand sitzen 25 Tonnen auf dem Quai auf. Zu riskant und eine Alternative gibt es nicht.

Wir sind dazu gezwungen abzuwarten und zu hoffen, dass alles sich regelt bis nach der „chomage“, also bis in 3 Wochen. Und beten und hoffen und zünden Kerzen an und sind brav, damit in der Zwischenzeit die Passerelle repariert wird.

Was wir jetzt tun können, ist vor hier aus nordwärts zu fahren, da sind die Schleusen offen. Wenn es das Wetter zulässt werden wir das sicher tun und einfach so zum Plausch ein wenig herum schippern. Motor testen, die Bordtätigkeiten wieder einüben und so. Wir haben nächste Woche für ein paar Tage einen Gast auf dem Boot und das wäre eine schöne Gelegenheit. Das wäre sogar super, und bitte bei prächtigem  Wetter ohne Wind. Das sollte doch möglich sein!