Wir sind zurück beim Start

Unsere Hauptreise 2018 ist zu Ende; wir sind wieder zurück in Chalon-sur-Saône. Ein wenig bin ich traurig aber auch froh, ist alles gut gegangen. Ein paar Aufregungen und Überraschungen hatten wir zwar schon, jedoch zum Glück ohne wirkliche Gefährdung von uns oder Anderen. Das schlimmste Ereignis war wohl der gerissene Pumpenschlauch kurz vor Nevers. Wegen dem Motorengeräusch merkten wir nicht, dass die Pumpe in Folge des Druckabfalls ohne Unterlass den Frischwassertank leerte und die Bilgenpumpe angesprungen war. Hopp, alles in den Schiffsbauch! Schöne Bescherung: rund 1500 Liter Wasser in der Bilge. Tataaa, ihr dürft das jetzt alles rauspumpen! Klar haben wir eine kleine elektrische Pumpe, aber bei soviel Wasser war diese etwas gar gefordert. Sie brauchte 2 Stunden fürs Grobe und wir dann nochmals eine Stunde für das manuelle Pumpen der Restwässerchen, die der Kärcher nicht erreichen konnte. Zum Glück war es heiss und mit offen lassen der Luken trocknete alles bestens fertig ab. Na ja. Ab und zu ein solches Abenteuerchen muss wohl sein und ich merke, mittlerweile nehmen wir solches ganz anders als noch vor einem halbem Jahr. Da hätte ich Angst um unser Überleben gehabt. Nichts desto trotz erweisen sich regelmässige Kontrollen als nicht übertrieben. Lieber einmal zu oft als zu spät.

Abgesehen von diesem und vielleicht noch anderen kleinen Malheurs, welche ich schon wieder vergessen habe, fanden wir diese Reise einfach nur schön! Die beiden Kanäle führen einen durch das, was die Franzosen La France profonde nennen. Sie nennen gerne alles was nicht Paris oder zumindest eine Grossstadt ist so. Frankreich ist ein zentralistisches Land und Franzosen äussern sich gerne despektierlich über das Hinterland. Klar gibt es Gegenden, wo Arbeitslosigkeit und Prekariat sich bemerkbar machen. Wir haben auf unserer Fahrt nichts davon gesehen. Im Gegenteil, herrliche Naturlandschaften haben sich mit hübschen Ortschaften abgelöst, die allermeisten absolut lebenswert. Schon mehrfach habe ich hier die Naherholungsgebiete gleich vor der Haustüre erwähnt. Die Parisiens et Parisennes müssen für dasselbe Stunden fahren, respektive im Stau verbringen.

Die Kanäle mit ihren vielen Kurven, schmalen und niedrigen Brückendurchfahrten haben uns zu Beginn etwas Nerven gekostet. Das Gute daran ist, dass wir viel gelernt haben; über das Verhalten des Boots und wie wir am besten solche Hindernisse überwinden. Das klingt jetzt total falsch für mich, mit einem Boot kann man keine Hindernisse überwinden! Wie dann? Wie wir uns am Besten durch Engpässe durchwinden? Schon besser!

Mann ist ganz stolz auf die neu erworbene Erfahrung, das Boot elegant durch jede Situation führen zu können (ich darf das ja noch nicht, kein Führerschein). Einzig die Hotelboote sind bei uns nicht beliebt, da sind wir nicht alleine damit. Sie sind riesig, im Grössenverhältnis zum Kanal jedenfalls, und kommen einem meist an den dümmsten Stellen entgegen. Dazu haben sie immer Vorfahrt und wir laufen jedes mal Gefahr, mit unserem Heck vom Hotelboot „angesaugt“ zu werden.

Eigentlich wollten wir noch für eine Woche in den Rhein-Rhonekanal einfahren und dort ein wenig schnuppern. Da es immer noch nicht geregnet hat und immer mehr Kanäle oder Kanalabschnitte wegen den Wasserproblemen reglementiert, wenn nicht gar geschlossen wurden, können wir es nicht riskieren, plötzlich tage- oder gar wochenlang in einem Kanal blockiert zu werden. Wir müssen in der dritten Woche September in Pont-de-Vaux sein, und so schippern wir noch ein wenig hier auf der altbekannten Saône herum. Vorerst machen wie jedoch (wieder mal) Pause in Chalon.

Im Bordbuch trage ich alle Vorkommnisse nach. Ich notiere alles über unsere Etappen, wie viele Schleusen, Maschinenstunden und Kilometer wir bewältigt haben. Einen Gesamtüberblick habe ich mir erst heute verschafft; es wäre schwierig gewesen auch nur so eine grobe Schätzung abzugeben:

Wir waren für die Strecke Chalon – Briare – Chalon 99 Tage unterwegs, hatten 48 Navigationstage und 48 Ruhetage (reiner Zufall!), dies für insgesamt 630 Kilometer und 200 Schleusen, die reine Fahrzeit betrug 147 Stunden, im Schnitt ergibt das knapp 4,3 Kilometer pro Stunde. Die grösste Tagestrecke betrug 25 km und die kürzeste bloss 3 km. Beweis genug, dass wir es nicht, aber auch gar nicht eilig hatten!

Allerlei Erlebnisse und kleine Erfolge

Im Hafen von Decize liegend und bereits in Temperaturen um die 30°C schmorend schwante uns Böses. Die Wetterapp zeigte uns einen sehr heissen Sonntag an. Am Samstag legten wir ab mit dem Vorhaben, einen richtig schattigen Platz zu finden und dort das heisse Wochenende auszusitzen. So einfach war das nicht, aber an einer langen geraden Strecke im Wald fanden wir den richtigen Platz wo wir bloss ein paar Morgenstunden Sonne haben würden. Tatsächlich stieg das Thermometer dann am Sonntag auch bis auf 38° C. Janusz mochte die Hitze gar nicht, obwohl noch ein Windchen wehte. Ich kann es ihm nicht verdenken, auch wir drei andern fanden es heiss, aber wir geben das – nun, sagen wir es so – nicht derart übertrieben zum Ausdruck. Er kann das ausnehmend gut! Einen mit leidenden Hundeaugen anschauen als sei er kurz vor dem Sterben. Der Test mit etwas Fressen zeigt sofort, dass dem keineswegs so ist. Absolut beruhigend. Also werden die Hunde fleissig abgeduscht und kriegen ständig frisches, kaltes Wasser. Monsieur und Madame haben jetzt Wasser, halb vom Wassertank und halb aus dem Kühlschrank. Dazu am Nachmittag ein Hunde-Eis; mit einem Löffelchen Joghurt angereichertes gefrorenes Wasser. Das lieben sie.

Hafenvolk in Decize

Langsam hat es sich so eingependelt, dass wir 2-3 Tage fahren, und dann eine Pause einlegen. Entweder in einem Freizeithafen wo wir Strom und Wasser kriegen oder „out in the wilderness“, irgendwo an einem hübschen Plätzchen, wo es Schatten gibt und das steile Kanalufer in eine flache Wiese übergeht auf die ich vom Boot aus springen kann um einen Pflock einzuschlagen und das Boot festzumachen. Mann ist immer etwas ungeduldig, wenn ich einen Platz nach Unterwasserhindernissen und Brennnesseln am Ufer absuche bevor ich das Zeichen gebe zum anlegen. Er sieht von der Brücke aus schlecht was ich tue und deshalb höre ich dann plötzlich „hesch es de öppe“ *, zu gut deutsch und (viel) netter „Liebling, sagst du mir bitte Bescheid, wenn du soweit bist und ich das Anlegemanöver einleiten kann“. Man sieht, der berndeutsche Dialekt ist viel knapper, wenn auch etwas plump.

ländliches Frankreich

Allgemein setzt die momentane Hitze uns etwas zu. Der Hausfrieden hängt zuweilen etwas schief. Short tempered, sagen die Engländer so treffend. In der Tat, die Nerven liegen etwas blank wenn einem der Schweiss in die Augen rinnt und ein Hund zudem in Selbstmitleid zerfliesst und nicht aufhört laut zu seufzen. Aber wir schaffen das.

Seit einiger Zeit haben wir am Abend nach dem Fahren etwas Wasser im Boot bei der Kurbelwelle. Kein Problem, dachten wir, die Bride bei der Kurbelwelle kann sich durch die Vibrationen etwas lösen und deshalb etwas Wasser reintröpfeln. Leider nützte mehrmaliges Anziehen nichts und im Moment sind wir wirklich etwas ratlos. Wir sehen nichts tropfen und keine Röhre oder Leitung ist feucht. Die Bilgenpumpe geht nicht von selbst an, soviel Wasser ist es nicht. Aber trotzdem pumpen wir jeweils 20 Liter nach einer Fahrt von 4 Stunden raus. Heute hab ich mich damit vergnügt alle 15 Minuten nachzusehen. Trocken, trocken, trocken …. und plötzlich nach über 2 Stunden Fahrt war das Wasser da. Einfach so und anschliessend kommt nichts mehr hinzu trotz Weiterfahrt. Ein grosses Rätsel! Wir bleiben dran.

Eine andere Sorge bereiten uns die Batterieanzeigen. Normalerweise kommen die Batterien relativ schnell wieder auf 100%, auch wenn man wild übernachtet hat. Eine Stunde Fahrt und voilà, Batterien voll. Nun aber zeigen die Anzeigen ein sehr langsames Aufladen und das ist nicht normal. Nochmal etwas zum weiter verfolgen; möglicherweise benötigen wir hier professionelle Hilfe. Wird schon wieder.

Hat uns nicht jemand gesagt, mit einem Boot ist stets etwas. Nein, nicht jemand – alle sagen das. Ok, dann bewegen wir uns wohl im Durchschnitt (ist aber nicht besonders beruhigend!)

Dank der Probleme mit dem Aufladen der Batterien und den entsprechenden Sparmassnahmen hatten wir heute aber noch ein riesen Erfolgserlebnis: Trotz relativ heftigem Wind haben wir die Bug- und Heckstrahler (für nicht Eingeweihte: das sind die Antriebe, die erlauben, das Boot seitlich zu bewegen) nicht benutzt. Bloss mit dem Ruder, Vor-und Rückwärtsgang haben wir ganz sauber mehrere enge Brückenunterfahrten, 3 Schleusen, auf kleinen Raum wenden und das längs Anlegen hingekriegt! Ohne zu streifen und ohne Anschreien! Ausserdem mussten wir wegen der Panne eines Schleusentores wieder rückwärts aus einer Schleuse fahren und anlegen und überholten eine 39 Meter lange Péniche in einem engen Kanalstück. Dies auf „Befehl“ des Capitaine de Péniche, und da widerspricht man nicht. Die Reihenfolge stimmt jetzt nicht ganz, aber egal, wir sind ganz glücklich über diese Leistung. Klopf auf Holz!

*Wort für Wort lässt sich das kaum übersetzen, aber so ungefähr bedeutet dies: Bist du jetzt dann endlich soweit? Echt ‹leicht genervtes Schweizerdeutsch› und erst noch von jemandem der die edle französische Sprache seine Muttersprache nennt!

– fadegrad

Wir treffen oft, ich schwör!

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