Ein Schuss vor den Bug

Auf den Kanälen und Flüssen cruisen ist ein Traum und tut Körper und Seele gut. Ein Boot zu führen ist relativ einfach und jeder kann das. Man mietet oder kauft ein Boot und fährt los. Für ein Mietboot braucht es nicht mal eine einen Führerschein; er wird vom Vermieter zur Verfügung gestellt.

Trotzdem, ein Boot ist kein Auto und vorausdenken ist nicht verboten. So manches Mal sehen wir Verhalten oder Manöver, die schlicht fahrlässig und gefährlich sind. Wir sind davon nicht gefeit. Obwohl wir Manöver absprechen, dabei Wind, Strömung und das Verhalten des Boots in Rechnung nehmen, passieren Dummheiten auch uns.

Vor ein paar Tagen hat Mann eine Slapstick-Nummer geboten, die zum Glück glimpflich ausgegangen ist. Es hätte aber zu einem veritablen Unfall führen können. Sein Pech, dass es in einer Schleuse passiert ist, wo – wie so oft – Zuschauer am Rand standen und sehen wollten, wie eine Schleuse funktioniert.

Der Zünder war mein Fehler. Weil wir das Sonnenverdeck während der Fahrt nicht unter den Brücken durchbringen haben wir einen mobilen Sonnenschirm. Meine Aufgabe ist es, den rechtzeitig zusammen zu klappen, wenn wir uns einem Höhenhindernis nähern. Und ich habe das vergessen zu tun.

Schleuseneinfahrt aus Distanz - die Querstange ist kaum sichtbar
Schleuseneinfahrt – die Querstange ist kaum sichtbar

Wenn wir in eine Schleuse einfahren hat es hier auf dem Canal du Centre meist zwar keine Brücke, aber ein Metallprofil mit einer Lichtschranke, ein Teil der Schleusenautomatik. Ich habe dieses übersehen und befand mich bereits vorne am Bug um rasch festmachen zu können und den eigentlichen Schleusenvorgang zu lancieren. Mann sah auf den letzten Drücker, dass der Schirm offen geblieben war, liess das Steuerrad los, klappte den Schirm zusammen, und kriegte den Metallbogen voll an den Hut. Mann kippte um und fiel auf den Hintern.

Schleuseneinfahrt mit Schleusenhäuschen - Vergrösserung, die Querstange ist nun sichtbar
Schleuseneinfahrt – sieht jemand die Querstange?

Mal abgesehen von der Beule am Kopf und dem Hämatom am Hintern, war das allerschlimmste, dass ich vorne am Bug das Ganze überhaupt nicht mitgekriegt habe! Mein Platz ist fast 15 Meter weiter vorne, da plätschert Wasser und das Motorengeräusch, obwohl nicht laut, wirkt wie eine akustische Barriere zwischen Bug und Heck. Mann hätte das Bewusstsein verlieren oder sogar über Bord gehen können, ich hätte das nicht sofort bemerkt weil ich ihn von vorne nicht sehe. Ich wage mir die Situation gar nicht auszumalen: einer von uns alleine an Bord, der andere im Wasser, und das Boot müsste sicher vom Schwimmer wegplatziert und gleichzeitig die Leiter runtergelassen werden, damit der über Bord gegangene wieder ins Boot steigen kann. Horrorvorstellung!

Kinder, Hunde, Schwimmer und Nichtschwimmer, können leicht über Bord gehen. In einer Schleuse ist das der absolute Supergau. Ich habe ja selber auch schon einen (banalen) Taucher gemacht, der mich völlig überrascht hat. Seither bin ich viel vorsichtiger als vorher und versuche nie unüberlegt zu handeln.

Mann hat sich dann zum Schluss über sich selbst geärgert. Er meint, er hätte den Schirm halt Schirm sein lassen und seine eigene Sicherheit voranstellen sollen. Das stimmt wohl. Für mich ist dieser kleine Unfall das Zeichen, noch viel intensiver alle Manöver, seien sie noch so unscheinbar und lapidar, durchzudenken um nie, nie, nie impulsiv reagieren zu müssen. Ein Schirm kaputt, das Boot eine Beule oder ein Kratzer mehr, egal. Mensch und Tier haben Vorrang und müssen jederzeit und überall sicher sein. Wir beten uns jetzt noch viel öfter die Vorgänge vor und stellen sicher, dass jeder weiss was genau der andere als seine Aufgabe betrachtet und was genau er tun wird und in welcher Abfolge. Wenn einer von uns einen Unfall hätte oder über Bord ginge, hätten wir ein massives Problem!

Wie sagte uns der Verkäufer unseres Bootes, der uns immer noch mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn es nötig ist: Gefährlich wird es spätestens dann, wenn man das Gefühl hat, man habe es im Griff und viel Routine. Er hatte nicht unrecht.

Hallo? Hilfe, wir sind auf Grund gelaufen!

Nein, nicht wir selbst, touchons du bois, touch wood, tocca ferro, klopf auf Holz!

Aber noch jedes Mal wenn wir mit dem ehemaligen Besitzer am Boot arbeiten oder uns an seinem Ponton befinden, wie gerade jetzt, erhält er einen Notruf von einem aufgelaufenen Boot. Die Bootsverleiher haben sich regional organisiert und je nach dem wo genau ein Boot aufläuft oder sonst eine Panne hat, macht sich der auf die Socken, der sich am nächsten befindet um zu dépanner, „entpannen“. Ich find dieses französische Wort so treffend und finde kein Äquivalent in Deutsch. Man hat eine Panne und jemand kommt und entpannt einen. Das Wort gibt’s nicht auf deutsch, keine Frage, aber das ist doch eine absolut logische Wortkonstruktion. Oder etwa nicht?

Zurück zur Panne des Urlauberboots. Mein Mann geht gerne mit, um a) zu helfen, b) um etwas zu lernen und c) um den Kollegen nicht alleine gehen zu lassen. Und dieses Mal handelt es sich beim aufgelaufenen Boot um ein Mietboot mit sechs jungen Frauen an Bord! Aber das habe ich erst erfahren, als es schon „zu spät“ war, da waren die extralangen Leinen, das Dingi, die dicken Handschuhe und mein Mann schon an Bord der Lone Star und bereit zum Ablegen. Na ja, ich habe ihm dann kurzum vom Ponton aus noch sein Lieblingsdessert versprochen für heute Abend 😉

Leider kann ich jetzt von dieser Aktion nicht aus erster Hand berichten weil ich nicht dabei bin/war. Ich weiss theoretisch wie ein aufgelaufenes Boot befreit wird, aber es geht mir auch gar nicht so sehr um die Aktion selbst sondern ums Vermeiden. Bereits auf unserem allerersten Bootsurlaub haben wir so einen Fall live mitbekommen. Wir waren mit einer besseren Sardinenbüchse unterwegs, nichts Schnittiges. Vor unserer Nase stets der Streckenführer, in welchem wirklich jedes Hindernis, jede Brücke und auch alle Anlegemöglichkeiten und sonst Wichtiges oder Interessantes verzeichnet sind. Auf unserer gemächlichen Fahrt auf der Mayenne, im Westen Frankreichs, wurden wir von einer Bootsladung übermütiger junger Italiener in einem modernen Boot überholt. Viel Gejohle und Winken. Junges Gemüse eben. Wir zottelten hintendrein und sahen gerade noch wie sie am Ende einer grossen Flussschleife aufliefen. Tja, die Sandbank war eingezeichnet! Sie winkten wieder, diesmal etwas weniger enthusiastisch. Scusate ragazzi, dovete chiamare qualcun’altro per aiutarvi! Sorry Jungs, ihr müsst jemand anderen rufen um euch zu helfen. Wir hätten eh nicht gewusst, was zu tun gewesen wäre und – bei aller Hilfsbereitschaft – das war nicht unsere Aufgabe. Aber es war unangenehm, die Typen einfach da hängen zu lassen.

Hier auf der Saône gibt es in regelmässigen Abständen riesige Pfosten die den Fahrkanal bezeichnen. Wir sehen immer wieder Bootsführer, die offenbar Mühe haben sich den schiffbaren Kanal im Fluss bildlich vorzustellen. Sie fahren buchstäblich von einem Pfosten zum nächsten und schneiden in diesem Fall die Kurve wie auf einer Strasse. Die Saône hat sehr breite und flache Uferzonen, deshalb auch der Fahrkanal, der regelmässig wieder ausgebaggert wird. Klar, dass da die Gefahr besteht einer Biegung die nötige Tiefe nicht mehr zu haben und stecken zu bleiben.

Auflaufen ist keine Bagatelle. Ich habe schon Boote gesehen mit verbogenen Rudern, geknickten Schraubenblättern oder vom Rausziehen herausgerissenen Klampen. O-oh, das wird teuer! Es kann stets etwas Dummes passieren und manchmal hat man einfach Pech. Aber alle können wir viel selbst tun um Dummheiten zu verhindern. In den Führern steht wirklich fast alles drin, aber man muss sie LESEN und nicht einfach nur dabeihaben! Die meisten sind hier im Urlaub, ok, aber es ist doch ratsam Vernunft und Vorsicht walten zu lassen, eine Bootsfahrt ist keine Fahrt im Vergnügungspark.

Mal sehen was die beiden Männer heute Abend erzählen. Sie haben eine Fahrt von einer Stunde; der Pannenort befindet sich etwas 13 Kilometer südlich von hier bei Uchizy. Die jungen Frauen werden nach dem Freischleppen noch mindestens ein zusätzliches Problem haben: Es wird ziemlich spät werden bis sie wieder fahren können (falls das Boot noch fahrtüchtig ist) und bis dann haben sie auch noch in beide Richtungen rund eine Stunde um die nächsten Anlegeplätze zu erreichen. Da wird es weit nach 20 Uhr sein und um diese Zeit sind die Plätze oft schon besetzt und ausserdem wird es dann irgendwann mal dunkel. Mir wäre das zu stressig!

Also wenn überhaupt auflaufen, dann lieber Vormittags.

Auf dem Bild sieht man die Pfosten für die Fahrrinne (links grün-weiss, rechts rot-weiss) deutlich. Das auf Grund gelaufene Boot befindet sich eindeutig im flachen Uferbereich und lag auf Felsen!

Dumm gelaufen 1
Dumm gelaufen 1!

Dumm gelaufen! Das Boot befindet sich weit von der Fahrrinne entfernt
Dumm gelaufen 2!

 

PS. Es waren am Ende doch keine 6 junge Frauen, ich wurde veräppelt von den Beiden: es waren zwei bestandene Ehepaare 🙂 aber die Savarins au Rhum sind schon gemacht.

 

Lebensschule auf dem Wasser

Als Jugendliche bin ich gesegelt. Nicht von der Schule, sondern als Sport. Vielleicht heisst es richtig auch: ich habe gesegelt, dann wäre also alles klar. Mein Segeln war in einem anderen Beitrag bereits einmal kurz ein Thema. Zurückblickend würde ich sagen, abgesehen davon, dass Segeln mir unheimlich Spass gemacht hat, war es auch eine gute Lebensschulung.

Beim Segeln muss man damit auskommen, was die Natur gibt: Wind und Wasser. Es gilt auf kleine Details in Wind, Wetter und Strömungen zu achten. Ohne ein feines Sensorium dafür kann man nicht erfolgreich segeln. Man kommt nicht voran, nicht zum Zielpunkt und landet im schlimmsten Fall im Wasser.

Beim Segeln habe ich gelernt auf kleine Zeichen zu achten. Wir hatten feine Wollfäden an den Wanten, die jederzeit angaben, wohin der Wind weht – oder woher, wie man will. Die Wellen waren nicht einfach Wellen; an ihnen konnte man die ungefähre Windstärke ablesen und die Wasserfarbe und die Kräuselung der Seeoberfläche zeigten an wo es unruhig war, ob sich eine Bö anmeldete oder eine Flaute. Eigentlich genauso wie im richtigen Leben. Voraussicht und das Lesen von kleinen Zeichen ist das halbe Segeln und auch das halbe Leben.

Nicht immer sollte man warten bis die Sturmwarnung angeht und einem signalisiert, dass es jetzt genug ist. Es ist aber ratsam spätestens dann zu reagieren, wie im richtigen Leben.segeln_fd

Ich habe es geliebt im Trapez zu stehen und nur mit einem Draht und der Bootskante unter meinen Füssen mit etwas Festem verbunden zu sein. Der Wind und die aufspritzende Gischt gaben einen kleinen Adrenalinstoss und ein tolles, intensives Lebensgefühl. So kann man sich im richtigen Leben auch ab und an so richtig hinauslehnen, ein sicherer Fuss und eine Notleine kann jedoch nicht schaden.

Der See, auf dem wir segelten, hatte nicht immer einfache Windverhältnisse. Ich glaube mich zu erinnern, dass es berüchtigte Fallwinde gab, die einem Boot ziemlich rasch und, wenn man nicht aufpasste, unvorbereitet in die Segeln fahren konnte. Wie im richtigen Leben, da bläst es einem manchmal auch unvorbereitet und heftig ins Gesicht, wenn man nicht aufpasst.

Ab- und Anlegen war in unserem Fall nicht so einfach, lag unsere Anlegestelle doch talwärts im Fluss. Um rauszufahren mussten wir hundert Meter auf dem Fluss bewältigen bevor wir auf den See gelangten. Ab und an hatten wir da richtige Mühe rauszukommen da wir in engen Verhältnissen kreuzen mussten. Manchmal ging es halt gar nicht und ich stieg am gegenüberliegenden Quai aus und zog das Boot von Hand bis zum See hinauf. Etwas beschämend, wie manchmal im richtigen Leben, aber umgebracht hat es mich nicht.

Das Einfahren am Abend in den winzigen Anlegeplatz war noch schwieriger. Wir mussten aufpassen, dass Fluss und Wind uns nicht zu viel Tempo gaben um die kleine Lücke a) zu treffen und b) nicht in die Mauer zu prallen. Alles eine Frage des Austarierens der Kräfte, wie im richtigen Leben. Da ist manchmal viel eben zu viel oder wenig zu wenig. Alles eine Frage des Gleichgewichts der Kräfte.

Soviel zu der Theorie – jetzt wäre es doch schön wenn ich das im richtigen Leben jederzeit so toll umsetzen könnte wie damals beim Segeln! Ich bleibe dran.