Elastisch bleiben, bitte!

Wir haben viele Jahre in Asien verbracht, wovon vier Jahre in Indonesien. Vieles damals beeindruckte mich tief und es gibt einige Dinge, die bis heute noch nachklingen. Eins davon ist die jam karet, die Gummi-Zeit, ein elastischer Zeitbegriff. Indonesier brauchen den Ausdruck gerne um anzugeben, dass Zeit- oder Terminangaben nicht so eng verstanden werden sollten.

Dieses erste Jahr auf dem Hausboot wurde die jam karet so richtig aktuell. Der Ausdruck hat bei uns beiden sozusagen ein Revival erlebt. Ich würde ihn eigentlich noch gerne ausdehnen und in hidup karet umbenennen, Gummi-Leben. Ja, Elastizität ist hier gefragt. Nicht alles läuft wie gewünscht, geplant, getimed. Aber das ist ok.

Unsere Anpassungsfähigkeit wurden diesen Sommer nämlich von Natur, Mensch und Technik so richtig ausgetestet. Wundersamerweise störte uns das nicht gross, trotzdem wir beide nicht gerade für Geduld und Langmut bekannt sind. Eigentlich waren wir meistens ziemlich zen und nahmen Unvorhergesehenes nur ab und zu vielleeeeicht etwas genervt zur Kenntnis. Aber nur ganz kurz. Schnell schaltete eines von uns dann auf Ohm und rückte die Dinge wieder an ihren Platz: Hey, das spielt doch keine Rolle, warten wir zu, bleiben wir halt hier, warten wir ein paar Minuten-Stunden-Tage ab, kehren wir um, reparieren wir das halt, pumpen den Schiffsbauch eben aus, essen wir  kalt, besuchen wir die Stadt ein anderes Mal, und so fort.

Vieles, das ich gerne gesehen hätte, haben wir leider nicht besuchen können. Meist war es schlicht zu heiss, für uns und die Vierbeiner. Oft war weder die Hunde an Bord lassen noch sie mitnehmen eine gute Wahl. So „verpassten“ wir einige Sehenswürdigkeiten oder mussten es bei einem Kurzbesuch belassen.

Andererseits war die gesamte Reisezeit – eigentlich sind wir noch nicht am Ende, aber wir befinden uns wiederum in sehr bekannten Gefilden und deshalb ist es nicht mehr so aufregend – also, die gesamte Zeit war schön entspannt für uns. Wir glitten gemächlich durch tolle Landschaften. Wir hatten und liessen uns dabei Zeit; ein Luxus der absolut neu war für uns. Zum Glück konnten wir uns, konnte ich mich, gut anpassen an eine Zeit ohne Job und Termine. Ich habe mir vorgängig zwar nie Sorgen gemacht, ob mir dann nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fällen würde. Das Bewusstsein, einen grossen Schritt zu machen mit dem Wechsel von Job, Haus und Garten auf ein Leben auf einem Hausboot war hingegen schon da.

Auch nach so langer Zeit zusammen, ein derart enges Zusammenleben konnten wir nicht testen, haben Mann und ich nicht die Köpfe eingeschlagen. Auch hier ist Langmut und Geduld, also eine gewisses karet gefragt; Damit man nicht beginnt, ständig am anderen herum zu meckern (eher meine Spezialität!). Deshalb bin ich froh ist unser Boot zwar klein, aber gross genug um kleine Zonen zum Alleinsein zu ermöglichen; eine Leseecke, ein Pult um mal in Ruhe zu surfen oder zu arbeiten (ja, ab und zu gibt’s einen kleinen Job), ein Sofa oder ein Bett auf das man sich einfach mal hinfläzen kann und eine Terrasse wo eines von uns auch mal alleine einen Kaffee trinken kann.

Immerhin sind wir hier zu viert auf begrenztem Raum (ich habe es nie genau ausgerechnet, aber mehr als 50 m² haben wir als Wohnraum bestimmt nicht). Die Hunde zähle ich mit, sie nehmen schliesslich auch Raum ein und haben ihre Bedürfnisse, allerdings kaum die, endlich einmal alleine sein zu wollen :-)!

Ich glaube, den grossen Test haben wir bestanden, darüber sind wir alle glücklich! Zu behaupten, dass stets eitel Sonnenschein herrsche, wäre übertrieben, aber allermeistens haben wir’s gut zusammen. Und wenn ich hier so raus blicke, auf die anderen Boote hinaus und dahinter die grossen Bäume, darunter die Ufer mit den Spazierwegen im Grünen, auf der anderen Seite die Kaimauer und die dreibogige, alte Steinbrücke, dann macht mich das einfach nur happy! Ich froh darum, vor über zwei Jahren den Entscheid getroffen zu haben, etwas für uns ganz Ungewöhnliches zu wagen und dies dann auch durchgezogen zu haben. Leute die ähnliches gewagt haben, dazu zähle ich einige Blogbekanntschaften, werden dies bestätigen: Etwas Neues zu wagen ist nur zu empfehlen. Aber bleibt elastisch!

Ziemlich geschafft

Gestern haben wir für Hausboot-Leute einen ziemlichen Marathon hingelegt und waren am Abend auch entsprechend geschafft. Gestartet in Gergy um 8 Uhr morgens (schon das ist eine Leistung, denn um diese Zeit ist es eigentlich für mich noch in der Nacht!), Mittags um 13 Uhr in St-Jean-de-Losne kurz angehalten um etwas zu essen und dann gleich weiter bis Auxonne.  Insgesamt 7 Stunden reine Fahrzeit für  65 Kilometer und drei Schleusen.

Höre ich da jemanden lachen? Ich weiss, für Autofahrer sind 65 Kilometer ein Klacks. Aber diese fahren ja auch nicht draussen bei Wind und Wetter und langsam fahren braucht irgendwie auch Energie! Wir fahren wenn immer irgendwie möglich vom Aussenführerstand aus, der Überblick ist einfach viel umfassender. Allerdings waren die Temperaturen gestern – und auch heute noch – alles andere als frühlingshaft, geschweige denn sommerlich. Wenigstens regnete es nicht und wir hatten in St-Jean-de-Losne für ein Stündchen genug warm um etwas geschützt auf einer Terrasse zu essen. Immerhin. Soviel Spass muss sein!

Abends waren wir alle Vier dann ziemlich müde und für unsere Verhältnisse sehr früh  schon im Bett. Trotzdem hatten wir vorher noch die Gelegenheit genutzt allen Hiergebliebenen und den aus dem Winterquartier im Süden Zurückgekehrten schnell Hallo zu sagen. Zur Zeit ist recht viel Bewegung hier. Alle die, welche noch nicht auf und davon sind, sind mindestens am Boot vorbereiten. Jeder hat irgend etwas vor, zumindest in Bezug auf die Hauptrichtung: nach Süden Richtung Midi, nach Norden Richtung Nordfrankreich, Belgien oder Holland (dahin führen mehrere Routen), oder nach Osten via Canal-du-Rhône-au-Rhin, leider immer noch wegen Hangrutsch nicht durchgehend, oder via die Vogesen. Freunde von uns sind unterwegs nach Berlin, sitzen aber seit bald einem Monat kurz vor Mulhouse fest, eben wegen diesem Hangrutsch, der den Kanal beschädigt hat. Da heisst es Ruhe bewahren und – eine wichtige Lehre für uns – sich nicht allzu fest versteifen auf einen genauen Zeitplan. Relaxed ist die Devise. Für uns manchmal doch auch noch schwierig: sich Zeit geben und lassen. Oooohhhmmmm.

Heute, mehr oder weniger ausgeschlafen, sind wir froh, gut in Auxonne angekommen zu sein und machen uns gleich daran, die verschiedenen Dinge die auf unserer Todo-Liste stehen abzuarbeiten. Heute noch ganz unspektakulär: Waschtag, Post holen gehen und den Hunden ausgiebige Spaziergänge zu bieten; obwohl, sooo fit sind diese auch noch nicht heute!