Abschied

Dieses Jahr war irgendwie komisch. Ja, ich weiss, es ist noch nicht zu Ende, das Ende der Navigationssaison ist jedoch langsam absehbar!

Abgesehen von unserer kniebedingt fehlenden Mobilität und dem entsprechend eingeschränkten Aktivitätsradius, schränkten uns noch andere Kriterien ein. Weiterlesen „Abschied“

Der Natur (zu) nahe

Auf einem Boot zu leben bedeutet auch sehr nahe bei der Natur zu leben. Das altgewohnte leicht distanzierte Verhältnis zu ihr ist verändert. Obwohl wir früher schon, gerade wegen und mit den Hunden, uns viel draussen bewegt haben, blieb da stets eine gewisse Barriere. Wir hier in der Stadt, im Dorf, im Haus, in der Wohnung und dort draussen die Natur, separat, abgetrennt vom täglichen Leben. Die Natur ist dafür da, um entspannte Stunden zu verbringen, ein Picknick abzuhalten, zu wandern, herumzutoben, die Abendstunden zu geniessen. Weiterlesen „Der Natur (zu) nahe“

Adieu, magnifique Val de Loire

Wir haben das Tal der Loire in Digoin, mit dem Überqueren dieses Stroms auf dem Pont Canal, der Kanalbrücke (oben im Header-Bild) verlassen. So oft haben wir die Loire vom Boot aus eigentlich nicht gesehen, wir erhaschten bloss ab und zu einen Blick. Kein Wunder, darf sie sich doch frei durch das flache Tal schlängeln und ist manchmal hunderte von Metern weg vom Kanal. Dieser folgt logischerweise einer eher direkten Linie, da er im Grunde für einen kommerziellen Zweck ausgelegt und auf Effizienz geplant wurde.

Ich finde es herrlich, wie mitten in Europa ein Fluss noch natürlich fliessen darf. Mir ist aufgefallen, dass ich sonst eigentlich nur Flüsse kenne, die bereits mehr oder weniger von Menschen korrigiert worden sind. Flüsse, deren Mäander und Auen, Überschwemmungsgebiete und nutzlose Seitenarme längst schon verschwunden sind. Wasserwege, die deshalb zu schnell fliessen und mit Verbauungen noch weiter gezähmt werden mussten und immer noch müssen. Die meisten Ortschaften liegen nicht an der Loire, sondern weit weg mit Sicherheitsabstand. Die Städte direkt am Strom haben meist hohe Ufer, wie Briare oder Digoin oder sind sonst irgendwie geschützt vor Überflutungen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts müssen trotzdem massive Überschwemmungen das Land heimgesucht haben. An den Markierungen an Gebäuden weit weg vom eigentlichen Loire-Bett sehen wir, dass es sich um eigentliche Sintfluten gehandelt haben muss mit gigantischen Wassermassen. Spuren davon haben wir auch im Saône-Tal gefunden. Da müssen weite Landstriche tief unter Wasser gelegen haben. Das Ausmass der Schäden und des Elends, das diese Ereignisse hinterliessen kann ich mir kaum vorstellen.

Bevor wir auf unsere Reise in diese Gegend gestartet sind, habe ich noch bedauernd herum erzählt, dass die Loire leider, leider nicht schiffbar ist und wir somit nicht vom östlichen Teil Frankreichs direkt in den schiffbaren Westen fahren können. Das ist wohl so ein typisches Neuling-Geplapper. Natürlich wäre es toll, von hier eine Verbindung in die Bretagne und Normandie zu haben. Zum Preis einer gezähmten Loire möchte ich das aber nicht. Das ganze Loire-Tal ist für Bewohner und Touristen ein wunderschöner, gigantischer Park, ein wahrer Schatz. Diese Erholungsgebiete sind unbezahlbar und werden rege benutzt. Dadurch, dass sie aber so gross sind, besteht überhaupt kein Druck und meist ist man allein, sei es mit dem Boot oder dem Fahrrad. (Wie es auf der Strasse aussieht, kann ich leider nicht beurteilen, wir bleiben nach Möglichkeit auf den vielen Radwegen.)

Mit ein wenig Wehmut haben wir gestern den Kanal gewechselt und befinden uns jetzt im Canal du Centre. Auf dem Kanal selbst merkt man ja nichts, man fährt einfach weiter. Und doch ist da etwas anders. Uns ist sofort aufgefallen, die Natur nach Digoin ist viel grüner und saftiger. Der Wasserstand im Kanal ist wieder beinahe bei Normal-Null. Verabschieden mussten wir uns von den bedienten Schleusen und den hübschen, meist bewohnten Schleusenhäuschen. Im Canal du Centre sind die Schleusen mit Sensoren bestückt. Sie erkennen unser sich näherndes Boot und bereiten die Schleuse für uns vor. Sobald wir im Schleusenraum eingefahren sind und die Leinen an den Pollern haben, setzen wir den eigentlichen Schleusungsvorgang mittels heben einer Stange oder ziehen an einem Strick in Gang. Beim rausfahren erkennt das die Automatik wiederum und registriert die Schleuse nun als wieder frei für das nächste Boot. Wir sehen schon auch VNF-Leute, aber diese betreuen mehrere Schleusen, sind stets unter Druck und fahren auf den Treidelwegen von Schleuse zu Schleuse und wieder zurück. Ich vermisse schon jetzt den kurzen Schwatz mit den Schleusenwärtern vom Canal latéral à la Loire!

 

La guerre des biefs

Das deutsche Wort für bief habe ich jetzt gefunden: die Haltung. Das Wort bezeichnet die Strecke zwischen zwei Schleusen, da wird das Wasser „gehalten“. Diese Haltungen können ein paar 100 Meter oder auch zig Kilometer lang sein, je nach Topographie.

„C’est la guerre des biefs“, meinte der Schleusenwärter der ersten Schleuse heute auf unsere Frage nach der Wassertiefe der nächsten Haltung. Seit letzten Samstag ist die Wassertiefe des Kanals infolge Wassermangels abgesenkt worden. Die Meldung via Newsletter erfolgte erst Montags, bis dahin hatten wir das schon bemerkt! Es ist äusserst beunruhigend, wenn man plötzlich realisiert, dass das Wasser langsam zurückgeht. Die Angst irgendwo aufzusitzen ist latent stets da und so reagieren wir mit grosser Sorge, wenn wir auf einmal feststellen, etwa frühmorgens, wesentlich tiefer als am Abend zuvor zu liegen.

Die Spuren vom alten, normalen Wasserstand sind überall zu sehen

VNF (Voies Navigables de France) nimmt dies offensichtlich relativ locker! Ihre Angestellten, die Schleusenwärter vor Ort, jedoch weniger! Sie sind ein jeder für seine nächste, bergwärts liegende Haltung verantwortlich. Jeder éclusier kann/muss deren Wassertiefe regulieren. Dazu muss er die Weisungen von VNF berücksichtigen und dies mit Schleusengängen mit auf- oder absteigenden Booten und durch das Öffnen oder Schliessen der Schieber umsetzen. Das Problem ist, wenn von oben zu wenig Wasser kommt und er (oder sie, es gibt ein paar weniger Wärterinnen) gleichzeitig Wasser nach unten „nachliefern“ sollte. Deshalb „la guerre des biefs“. Ein jeder möchte Wasser für seine Boote, damit diese unbeschadet durch seinen bief kommen, ist ja klar. Wie eine Henne schaut er zu seinen Küken, eh Booten. Während des Schleusens wird notiert, welches Boot wann durchgekommen ist. Wir hinterlassen also eine deutliche Spur. Damit können wir kaum „verloren“ gehen. Die éclusiers melden uns auch bei der nächsten Schleuse an, teilen uns mit ob etwa Hotelboote unterwegs sind (jetzt keine mehr, haben zu viel Tiefgang und sind irgendwo blockiert) oder sonst etwas Besonderes zu erwarten ist.

Vor einigen Tagen übernachteten wir wild und hatten bereits angelegt. Da kommt auf der Gegenseite ein VNF-Auto auf dem Treidelpfad daher, hält, der VNF-Mann steigt aus und fragt über das Wasser hinweg, ob wir die Nacht da verbringen würden und wenn ja, auf welche Zeit er uns für den folgenden Morgen bei der nächsten Schleuse anmelden soll, die Schleuse wäre dann schon für uns bereit zur Einfahrt. Ich sag ja, wie eine Glucke! Süss.

Wir erkundigen uns nun an jeder Schleuse nach der zu erwartenden Wassertiefe in der nächsten Haltung. Je nachdem müssen wir mehr oder weniger auf eventuelle Untiefen, vor allem beim Kreuzen mit anderen Booten oder beim Anlegen achten. Im kleinen Hafen, wo wir die extreme Hitze der letzten zwei Tage aussassen, ging es rauf und runter wie in einer Badewanne. Unter der Schraube hatten wir zeitweise bloss noch 10-20 cm. Da macht es plötzlich grossen Sinn, wenn sich Bootsleute „stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ wünschen. Ich nehme an, da ist eine kräftige Männerhand gemeint; meine Handbreite wäre wohl etwas knapp 😉

Wir sind zu Opportunisten geworden

Wie wir uns so von Haltung zu Schleuse zu Haltung bewegen, sind wir bei diesem Krieg stets auf der Seite des aktuellen éclusiers. In egoistischer Manier sind wir zu absoluten Windfahnen geworden und ermutigen stets einen anderen, nämlich den nächsten Schleusenwärter, um jeden Wassertropfen zu kämpfen. Was passieren würde, wenn dann mal zu wenig Wasser da ist, um die Navigation überhaupt aufrecht zu erhalten, wagen wir uns noch gar nicht auszumalen!

Abends die vergebliche Hoffnung auf Regen

Heute ist es zum schreiben

eigentlich viel zu heiss. Offenbar kann ich es nicht lassen, bin aber froh darum, dass ihr mich nicht seht. Gleich nachher geht es nochmals unter die Dusche, im Moment sehe ich aber noch aus wie ein nasser Lappen (fühle mich auch so).

Es ist fast 22 Uhr, immer noch über 30°C, dies an einem Kanalufer, das seit 13.30 Uhr keinen Sonnenstrahl mehr abgekriegt hat.

Wir erwarten morgen und vor allem am Dienstag wiederum fast 40°C. Nun müssen wir unsere Fahrt wirklich gut planen, einfach so dahin dümpeln geht nicht mehr. Wir brauchen alle zwei, drei Tage Stromanschluss und eine Epicerie. Ausserdem möchten wir möglichst am Schatten anlegen. Das ist jedoch die Quadratur des Kreises.

Meist starten wir sehr früh, einfach wenn ich dann auch endlich auf der Brücke stehe. Die Schleusen öffnen um 9 Uhr. Bei diesen Temperaturen wollen wir gegen Mittag „ankommen“. Ich habe mit Hilfe unseres Führers die Etappen zusammengestellt, stets ein Tag mit Strom, ein Tag gerne ohne. So einfach ist es nicht; in diesem Kanalabschnitt gibt es nicht so viele Anlegestellen mit vollem Service und meist sind diese gut besetzt. Ausserdem fahren hier einige Hotelboote und Ausflugsboote, und die blockieren manchmal schon die Hälfte des Quais. Die Profis haben Vortritt, immer und überall, wir Freizeitkapitäne kriegen die Brosamen.

Heute Nacht aber liegen wir wunderbar an einem Waldrand. Die Äste der Bäume hängen bis über den Kanal hinaus und die Stimmung hier ist sehr lauschig. Draussen scheint es mit den rund 30°C schon schön kühl, drinnen haben wir immer noch einige Grade drüber. Inzwischen nützt uns auch die gute Isolation des Boots nichts mehr, es ist einfach überall zu warm. Der Kühlschrank läuft auch schon auf der höchsten Stufe und schafft gerade knapp 10°C.

Die Hunde sind süss und haben verstanden, dass es jetzt einfach heiss ist. Wir duschen sie viele Male pro Tag ab. Dann sind sie eine Stunde lang wie wiederbelebt, spurten herum und strahlen um die Wette. Sobald sie wieder getrocknet sind, fallen sie zusammen wie ein Käse-Soufflé und dösen im Schatten bis wir sie wiederum abduschen können.

Noch zwei Tage, dann sollen die Temperaturen fallen und vielleicht kriegen wir dann auch mal ein paar Tropfen Regen. Das wäre doch schön.