Unser „Sans-Papier“

Als wir unser Haus in 2006 gekauft haben war es in einem ziemlich verwohnten Zustand. Mit Jahrgang 1951 war es zwar schon umgebaut und vergrössert worden, dies aber in den späten Siebzigern und seither hat sich unser Schönheitsempfinden extrem verändert! Wir freuten uns darauf es umzubauen und aus dem dunklen Verlies ein helles und offenes Zuhause zu schaffen. Auch die Anlage des grossen Gartens gefiel uns nicht, trotz dem schönen alten Baumbestand. Für den hatten wir grosse Pläne.

Beim Teil-Abbruch und Demontieren der alten Bausubstanz fielen uns hie und da Dinge in die Hände, welche von früheren Bewohnern verloren wurden. So fanden wir ein Schulheft hinter einem Radiator als wir den abmontierten um ihn auszutauschen. Es war ein Biologie-Aufgabenheft einer gewissen Corinne, 11 Jahre. Die Arme konnte sich damals wohl nicht erklären wohin dieses Heft verschwunden war. Keine Ahnung, wie sie das Lehrern und Eltern erklärte!

Im Garten, in einem Teil mit etwas verwilderten Büschen, fanden wir einen Teddybären. Er hatte offensichtlich viele, viele Jahre ganz alleine unter diesen Büschen verbracht. Mann brachte ihn herein, etwas zerzaust und pudelnass. Wir stellten uns vor, wie lange wohl der kleine Besitzer oder die kleine Besitzerin ihn gesucht und vermisst haben muss. Ein Teddy ist ja nicht gerade ein austauschbares Spielzeug. Er wurde bestimmt heiss geliebt, herumgetragen, wurde an- und wieder ausgezogen und durfte sicherlich bei einem Kind im Bett schlafen. Vielleicht sogar bei Corinne.

Ich bin überzeugt, so heiss geliebte Spielzeuge erhalten eine Art Seele, ein Teddybär sowieso. Wir gaben ihm den Namen «Sans-Papier», den Papierlosen. Sans-Papier erhielt ein Plätzchen in einem Regal bei uns und verbrachte da viele Jahre, jetzt immerhin an der Wärme und in Gesellschaft.

Als wir das Haus 12 Jahre später verkauften, es sich immer mehr leerte und schliesslich nur noch die Sachen übrigblieben, die wir aufs Hausboot mitnehmen konnten, sass Sans-Papier immer noch an seinem Plätzchen. Die Frage, was wir mit ihm anstellen sollten, musste nun beantwortet werden. Wegwerfen war keine Option. Weggeben, verschenken, spenden? Mit seinem etwas struppigen Fell, den blanken Stellen und der fehlenden Nase rechneten wir nicht damit, dass sich jemand seiner erbarmt, ihn aufnimmt und ab und zu liebevoll knuddelt.

Also nahmen wir Sans-Papier mit. Da sitzt er nun, auf einem kleinen Tischchen in der Schlafkabine. Heute früh habe ich ihn umplatzieren müssen, weil in seiner Ecke heute ein neues Bücherregal montiert werden soll, in welchem er zukünftig sein Plätzchen haben wird. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gross beachtet, denn er wohnt auf Mann’s Seite des Betts. Wie ich ihn da so in die Hand nehme, sag ich ihm: «Für einen alten Teddybär hattest du aber einen spannenden Lebensweg! Hast es sogar ins Ausland geschafft, lebst hier auf einem Boot und wirst in der Weltgeschichte herum geschippert. Das schafft nicht jeder! Bist halt ein Teddy mit Geschichte. Wenn das Corinne wüsste!“ Drückte ihm einen Schmatz auf die Stirn und setzte ihn vorübergehend aufs Bett. Da sitzt er nun.