Das Leben ist kein gerader Weg

Ha, aber wirklich nicht! Wenn wir ein Leben möchten, in dem mehr oder weniger alles plan-und vorhersehbar sein sollte, wären wir ganz sicher nicht auf ein Kanalboot gezogen. Hier sind Überraschungen Programm.

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Über und durch den Berg

Letzte Verschnaufpause unten im Tal. Wobei, von Tal merken wir auf dem Kanal nicht so viel. Hier in Frankreich hat das Wort Tal eine völlig andere Bedeutung als im Heimatland; Weiterlesen „Über und durch den Berg“

Definitiv tschüss und weg

Wir glauben es kaum, aber wir haben unseren Winter-und Lockdown-Platz endgültig verlassen. Wenn alles in naher und weiterer Zukunft so verläuft, wie wir es gerne hätten, sehen wir Auxonne nun jahrelang nicht mehr. Weiterlesen „Definitiv tschüss und weg“

Unterwegs 2020

Die ersten 10 Minuten der ersten Fahrt im Jahr fühlen sich stets ganz speziell an. Etwas fremd und trotzdem bekannt. Und dann kickt es ein: Dieses Gefühl von Unterwegssein und gleichzeitig so was von daheim! Alles fühlt sich richtig an, Weiterlesen „Unterwegs 2020“

Gemütlich südwärts

Auf unserer Rückfahrt Richtung Süden erweist es sich einmal mehr: dieselbe Strecke von der andern Seite zu erleben ist nicht langweilig! Wir entdecken laufend Landschaften und Aussichten die wir so noch nicht gesehen haben. Das Wetter ist anders, die Tageszeit auch und die eigene, momentane Stimmung ist nicht dieselbe. Manchmal sind wir eben mehr auf „Empfang“ als sonst. Weiterlesen „Gemütlich südwärts“

Eine herrliche Fahrt

hatten wir heute Vormittag. Es wurde ein sehr heisser Tag gemeldet, wieder bis zu 33°C. Also starteten wir gleich um 9 Uhr. Ihr wisst, das ist sehr früh für mich. Ich musste gleich nach sieben aufstehen!

Auf spiegelglatter Saône glitten wir südwärts. Es war noch frisch und ein strahlend blauer Himmel sorgte für eine wunderschöne Morgenstimmung. Wir rechneten in gut 3 Stunden am geplanten Hafen anzukommen. Ich genoss die Fahrt und die Morgenluft in vollen Zügen. Überraschenderweise änderte das nach einem weiten Flussbogen auf einen Schlag: ein heftiger Südwind blies uns ins Gesicht, der Fluss war nunmehr alles andere als glatt. Die Wellen, die der Wind gegen die Strömung aufbaute, zeigten ab und an sogar Schaumkrönchen. Dem grossen Hund, Janusz, gefiel das dann überhaupt nicht mehr, die Kleine schlief indessen selig weiter. Er hingegen fing an herum zu tigern; er hasst das Schlagen der Wellen an den Rumpf. In der Tat, es rummste und schlug, Gischt flog am Bug auf. Trotz der beginnenden Hitze spürten wir sie in diesem Wind kaum. Erst in der Schleuse von Ormes, etwas geschützt, von den Mauern, merkten wir etwas davon und dann natürlich später, nach dem Anlegen. Für die Fahrt wendeten wir am Schluss eine Stunde mehr auf als geplant. Nicht nur wegen dem Gegenwind. Den einzigen Schleusengang auf der Strecke teilten wir mit zwei anderen Booten. Die Leute im Boot gleich hinter uns, vertäuten ihr Boot fest (wir schleusten runter). Zum Glück bin ich stets neugierig und gucke, wie andere das machen. Hätte der Schleusenvorgang schon eingesetzt, sie hätten sich glatt aufgehängt! Der Schleusenwärter gab anschliessend eine Durchsage über die Lautsprecher, die niemand verstehen konnte. So stieg er denn von seinem Turm herunter und korrigierte das eben erwähnte Boot, respektive dessen Crew: sie hatten eine Leine um den Lautsprecherpfosten gelegt, gleich neben einem Poller! Also, wie blöd kann man denn noch sein? Die Leinen darf man nicht wahllos um jedes senkrechte Objekt in der Nähe legen! Endlich gings doch noch los (runter) und ich konnte nicht mehr nach anderen gucken. Keine Zeit, hatte genug zu tun mit dem eigenen Boot, das partout nicht ruhig an der Schleusenwand liegen wollte! So eine Schleuse mit 180 Metern Länge und 16 in der Breite kann auch ihre Tücken haben.

Die Abenteurer aus der Schleuse blieben dann eine weitere Stunde hinter uns. Lieber hinter als vor uns. Unglaublich wie sorg- und arglos sich manche Mietboots-Kapitäne auf diesen Gewässern benehmen. Hier über die durch grosse Pfeiler ausgezeichnete Fahrrinne hinaus fahren, da, hoppla, diesen Pfosten hätte ich jetzt fast übersehen, und ja nie die Flussbiegungen in einer eleganten Linie ausfahren, sondern im Zickzack, ist doch viel lustiger, und auf welcher Seite ist schon wieder die grüne und auf welcher die rote Markierung? Ach, egal, es hat ja überall Wasser! Wir liessen dieses Boot dann in Tournus gerne an uns vorbei ziehen. Ich hoffe, sie kommen heil an. Wo auch immer.

Ich frage mich, wie solche Piloten sich auf der Strasse bewegen. Die wünscht man sich ja nicht gerade im Gegenverkehr, nicht?

Die Fahrt auf dem breiten Fluss, ohne gefühlt alle paar Minuten eine Brücke, eine Schleuse, eine enge Stelle mit Gegenverkehr wie in den Kanälen meistern zu müssen … wunderschön entspannend. Kilometerlang nur Fluss und Landschaft, wenn Gegenverkehr, dann sieht man den schon lange zum Voraus! Die Brücken sind hoch und weit. Bedenkenlos kann darunter durch gefahren werden (wobei es von Vorteil ist, dort durchzufahren wo die Durchfahrt auch angezeigt ist), keine Bedenken mehr haben müssen wegen der Höhe oder Breite des Boots! Herrlich! Einfach fahren, sich den Wind durch die Haare streichen lassen, den Fischern zuwinken und Ausschau halten nach Wasservögeln. Die frei am Ufer weidenden und ruhenden Charolais-Rinder begeistern mich heute noch, immer wieder. Mann lacht mich jeweils aus wenn ich rufe: „schau, Kühe!“, wie eine Dreijährige. Tja, jedem seine kleine Freude.

Diese beiden hinter uns werden etwas später mit uns in die Schleuse einfahren
Diese beiden werden mit uns in die Schleuse einfahren

Da kommt das Ausflugsboot von Pont-de-Vaux! Der Kapitän kommt extra raus um uns zu winken!
Da kommt das Ausflugsboot von Pont-de-Vaux! Der Kapitän kommt extra raus um uns zu winken!

Schau, Kühe! Charolais-Rinder am Ufer der Saône
Schau, Kühe!

Vor einem halben Jahr hatten wir genug vom breiten Fluss und Sehnsucht nach den Kanälen. Diese genossen wir jetzt über 3 Monate lang und heute, zurück auf der Saône,  freuen wir uns wieder über das Fahren auf einem Fluss. Beides hat seinen Reiz und Charme! Und ich mag beides gerne.

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Adieu, magnifique Val de Loire

Wir haben das Tal der Loire in Digoin, mit dem Überqueren dieses Stroms auf dem Pont Canal, der Kanalbrücke (oben im Header-Bild) verlassen. So oft haben wir die Loire vom Boot aus eigentlich nicht gesehen, wir erhaschten bloss ab und zu einen Blick. Kein Wunder, darf sie sich doch frei durch das flache Tal schlängeln und ist manchmal hunderte von Metern weg vom Kanal. Dieser folgt logischerweise einer eher direkten Linie, da er im Grunde für einen kommerziellen Zweck ausgelegt und auf Effizienz geplant wurde.

Ich finde es herrlich, wie mitten in Europa ein Fluss noch natürlich fliessen darf. Mir ist aufgefallen, dass ich sonst eigentlich nur Flüsse kenne, die bereits mehr oder weniger von Menschen korrigiert worden sind. Flüsse, deren Mäander und Auen, Überschwemmungsgebiete und nutzlose Seitenarme längst schon verschwunden sind. Wasserwege, die deshalb zu schnell fliessen und mit Verbauungen noch weiter gezähmt werden mussten und immer noch müssen. Die meisten Ortschaften liegen nicht an der Loire, sondern weit weg mit Sicherheitsabstand. Die Städte direkt am Strom haben meist hohe Ufer, wie Briare oder Digoin oder sind sonst irgendwie geschützt vor Überflutungen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts müssen trotzdem massive Überschwemmungen das Land heimgesucht haben. An den Markierungen an Gebäuden weit weg vom eigentlichen Loire-Bett sehen wir, dass es sich um eigentliche Sintfluten gehandelt haben muss mit gigantischen Wassermassen. Spuren davon haben wir auch im Saône-Tal gefunden. Da müssen weite Landstriche tief unter Wasser gelegen haben. Das Ausmass der Schäden und des Elends, das diese Ereignisse hinterliessen kann ich mir kaum vorstellen.

Bevor wir auf unsere Reise in diese Gegend gestartet sind, habe ich noch bedauernd herum erzählt, dass die Loire leider, leider nicht schiffbar ist und wir somit nicht vom östlichen Teil Frankreichs direkt in den schiffbaren Westen fahren können. Das ist wohl so ein typisches Neuling-Geplapper. Natürlich wäre es toll, von hier eine Verbindung in die Bretagne und Normandie zu haben. Zum Preis einer gezähmten Loire möchte ich das aber nicht. Das ganze Loire-Tal ist für Bewohner und Touristen ein wunderschöner, gigantischer Park, ein wahrer Schatz. Diese Erholungsgebiete sind unbezahlbar und werden rege benutzt. Dadurch, dass sie aber so gross sind, besteht überhaupt kein Druck und meist ist man allein, sei es mit dem Boot oder dem Fahrrad. (Wie es auf der Strasse aussieht, kann ich leider nicht beurteilen, wir bleiben nach Möglichkeit auf den vielen Radwegen.)

Mit ein wenig Wehmut haben wir gestern den Kanal gewechselt und befinden uns jetzt im Canal du Centre. Auf dem Kanal selbst merkt man ja nichts, man fährt einfach weiter. Und doch ist da etwas anders. Uns ist sofort aufgefallen, die Natur nach Digoin ist viel grüner und saftiger. Der Wasserstand im Kanal ist wieder beinahe bei Normal-Null. Verabschieden mussten wir uns von den bedienten Schleusen und den hübschen, meist bewohnten Schleusenhäuschen. Im Canal du Centre sind die Schleusen mit Sensoren bestückt. Sie erkennen unser sich näherndes Boot und bereiten die Schleuse für uns vor. Sobald wir im Schleusenraum eingefahren sind und die Leinen an den Pollern haben, setzen wir den eigentlichen Schleusungsvorgang mittels heben einer Stange oder ziehen an einem Strick in Gang. Beim rausfahren erkennt das die Automatik wiederum und registriert die Schleuse nun als wieder frei für das nächste Boot. Wir sehen schon auch VNF-Leute, aber diese betreuen mehrere Schleusen, sind stets unter Druck und fahren auf den Treidelwegen von Schleuse zu Schleuse und wieder zurück. Ich vermisse schon jetzt den kurzen Schwatz mit den Schleusenwärtern vom Canal latéral à la Loire!

 

La guerre des biefs

Das deutsche Wort für bief habe ich jetzt gefunden: die Haltung. Das Wort bezeichnet die Strecke zwischen zwei Schleusen, da wird das Wasser „gehalten“. Diese Haltungen können ein paar 100 Meter oder auch zig Kilometer lang sein, je nach Topographie.

„C’est la guerre des biefs“, meinte der Schleusenwärter der ersten Schleuse heute auf unsere Frage nach der Wassertiefe der nächsten Haltung. Seit letzten Samstag ist die Wassertiefe des Kanals infolge Wassermangels abgesenkt worden. Die Meldung via Newsletter erfolgte erst Montags, bis dahin hatten wir das schon bemerkt! Es ist äusserst beunruhigend, wenn man plötzlich realisiert, dass das Wasser langsam zurückgeht. Die Angst irgendwo aufzusitzen ist latent stets da und so reagieren wir mit grosser Sorge, wenn wir auf einmal feststellen, etwa frühmorgens, wesentlich tiefer als am Abend zuvor zu liegen.

Die Spuren vom alten, normalen Wasserstand sind überall zu sehen

VNF (Voies Navigables de France) nimmt dies offensichtlich relativ locker! Ihre Angestellten, die Schleusenwärter vor Ort, jedoch weniger! Sie sind ein jeder für seine nächste, bergwärts liegende Haltung verantwortlich. Jeder éclusier kann/muss deren Wassertiefe regulieren. Dazu muss er die Weisungen von VNF berücksichtigen und dies mit Schleusengängen mit auf- oder absteigenden Booten und durch das Öffnen oder Schliessen der Schieber umsetzen. Das Problem ist, wenn von oben zu wenig Wasser kommt und er (oder sie, es gibt ein paar weniger Wärterinnen) gleichzeitig Wasser nach unten „nachliefern“ sollte. Deshalb „la guerre des biefs“. Ein jeder möchte Wasser für seine Boote, damit diese unbeschadet durch seinen bief kommen, ist ja klar. Wie eine Henne schaut er zu seinen Küken, eh Booten. Während des Schleusens wird notiert, welches Boot wann durchgekommen ist. Wir hinterlassen also eine deutliche Spur. Damit können wir kaum „verloren“ gehen. Die éclusiers melden uns auch bei der nächsten Schleuse an, teilen uns mit ob etwa Hotelboote unterwegs sind (jetzt keine mehr, haben zu viel Tiefgang und sind irgendwo blockiert) oder sonst etwas Besonderes zu erwarten ist.

Vor einigen Tagen übernachteten wir wild und hatten bereits angelegt. Da kommt auf der Gegenseite ein VNF-Auto auf dem Treidelpfad daher, hält, der VNF-Mann steigt aus und fragt über das Wasser hinweg, ob wir die Nacht da verbringen würden und wenn ja, auf welche Zeit er uns für den folgenden Morgen bei der nächsten Schleuse anmelden soll, die Schleuse wäre dann schon für uns bereit zur Einfahrt. Ich sag ja, wie eine Glucke! Süss.

Wir erkundigen uns nun an jeder Schleuse nach der zu erwartenden Wassertiefe in der nächsten Haltung. Je nachdem müssen wir mehr oder weniger auf eventuelle Untiefen, vor allem beim Kreuzen mit anderen Booten oder beim Anlegen achten. Im kleinen Hafen, wo wir die extreme Hitze der letzten zwei Tage aussassen, ging es rauf und runter wie in einer Badewanne. Unter der Schraube hatten wir zeitweise bloss noch 10-20 cm. Da macht es plötzlich grossen Sinn, wenn sich Bootsleute „stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ wünschen. Ich nehme an, da ist eine kräftige Männerhand gemeint; meine Handbreite wäre wohl etwas knapp 😉

Wir sind zu Opportunisten geworden

Wie wir uns so von Haltung zu Schleuse zu Haltung bewegen, sind wir bei diesem Krieg stets auf der Seite des aktuellen éclusiers. In egoistischer Manier sind wir zu absoluten Windfahnen geworden und ermutigen stets einen anderen, nämlich den nächsten Schleusenwärter, um jeden Wassertropfen zu kämpfen. Was passieren würde, wenn dann mal zu wenig Wasser da ist, um die Navigation überhaupt aufrecht zu erhalten, wagen wir uns noch gar nicht auszumalen!

Abends die vergebliche Hoffnung auf Regen