Kulturschock VII: reden mit Computern

… oder auch nicht. Langsam aber sicher zweifle ich daran, ob wir noch up to date sind oder uns mehr und mehr von der täglichen Realität Mitteleuropas entfernen. Aber vielleicht ist das hier Beschriebene auch für andere bemerkenswert und nicht überall traurige Realität. Es kann durchaus sein, dass Frankreich etwas über das Ziel hinausschiesst.

Genauer geht es hier und heute über die fehlenden Gesprächspartner am anderen Ende des Telefons. Sobald wir eine Auskunft benötigen, reden wir nur noch mit Maschinen. Wir tippen uns endlos durch Nummern, artikulieren irgendwelche Codeworte ins Mikrofon, warten gefühlte Jahre bis die doofen Musikschlangen und nous cherchons votre correspondant, veuillez patienter aufhören, holen Luft um unser Sprüchlein loszuwerden, bloss um zu merken, dass wir wiederum nur eine Computerstimme am anderen Ende haben. Ganz egal wohin wir anrufen, Krankenversicherung, Bank, Administrative Stellen, Post, you name it! Überall dasselbe und zum Haare ausreissen. Insbesondere dann, wie schon passiert, die Maschine von selbst meint, der Fall sei jetzt bereits erledigt, sich artig für den Anruf bedankt und die Verbindung trennt, bevor man überhaupt zu einem Etappenziel angelangt ist!

Ist das jetzt normal und überall so?

Wer hat diese schräge Überzeugung, dass dies noch Kundendienst oder Dienst am Bürger genannt werden könnte? Ich finde es idiotisch mit einer Maschine reden zu müssen und mir tun die Menschen aus Fleisch und Blut mit denen man schlussendlich, nachdem man denn so lange Geduld hatte, sich alle Nägel abgebissen oder seitenweise gedoodelt hat, zu tun hat. Wir sind sicher nicht die einzigen, die zu diesem Zeitpunkt so geladen sind, dass wir nur mit Mühe unsere Frage a) tatsächlich noch parat haben und b) diese auch noch freundlich formulieren können.

Hier in Frankreich erleben wir dies leider fast täglich. Sind wir in einem Ort angekommen an dessen Postamt wir etwas postlagernd haben senden lassen, können wir dieses nicht einfach anrufen um zu erfahren ob das Paket schon angekommen ist. Es ist unmöglich die direkte Telefonnummer herauszufinden. Wir müssen über irgend eine Zentrale und drücken Nummern und sagen laut und deutlich die Nummer des Départements, dann die Région, den District, Canton, die Commune, den Arrondissement…. was auch immer. Bis wir all das herausgefunden und der Maschine erklärt haben, nehmen wir locker  die Räder von Bord, pedalen auf die Post, stehen in der falschen Schlange an, dann in der zweiten Schlange, fragen persönlich nach und fahren wieder zurück zum Boot. Das Ganze sogar zweimal!

Möglicherweise macht mich das jetzt alt, aber ich sehne die Zeit zurück, als man noch nicht meinte, alles was eine Maschine erledigen kann, tatsächlich durch eine Maschine erledigen lässt und freue mich jedes Mal, mit richtigen Menschen zu tun zu haben. Ist das nicht ein natürlicher Wunsch?

Wie finden uns Briefe und Pakete?

Zu einer festen Wohnadresse gehört ein Briefkasten. Da flattern Briefe, Werbung und Rechnungen rein. Für Versandhaus-Bestellungen ist es ebenfalls ganz einfach. Man lässt die Sendungen nach Hause, ins Büro oder sonst eine Annahmestelle liefern. Fertig.

Für Menschen, die keine feste Adresse haben, ist das schon ein bisschen komplexer. Bis wir die optimale Lösung für unseren Fall gefunden hatten, dauerte es eine Weile. Bei jeder Postsendung muss abgewogen werden, was die beste Lösung ist. Für Rechnungen ist es einfach; wir haben alles auf ausschliesslich PDF-Rechnungen umstellen lassen. Es gibt noch ein paar Stellen – tatsächlich! – die behaupten das gehe nicht. Diese und Papiere, die wir im Original benötigen, gehen an eine Kontaktadresse hier in Frankreich. Wir haben eine hoch spezialisierte Firma gefunden, welche als blosse Kontaktadresse im Sinne einer Drehscheibe fungieren kann, aber auch Service-Packages anbietet, welche bis zur vollständigen Erledigung des gesamten Bürokrams einer Privatperson im Ausland geht, inklusive Rechnungen bezahlen und Buchhaltung führen. Diese Personen können Franzosen im Ausland sein oder Ausländer in Frankreich. Courrier du Voyageur heisst diese Agentur. Das Angebot dieser Firma ist eine feine Sache für Leute wie wir. Alles klappt wunderbar mit ihnen. In unserem Fall genügt ein Grundservice; wir erhalten unsere eingegangene Post gescannt und als PDF auf einer Mail. Dann können wir entscheiden, ob dies genügt oder ob wir die Originalpapiere benötigen und geben jedes mal die derzeit beste Adresse an, z.B. ein Hafenmeisterbüro oder auch poste restante bei einer Poststelle. Jede Sendung muss so beurteilt werden; wir haben uns in unserem ganzen Leben noch nie so oft mit Postsendungen beschäftigt wie in den letzten Monaten!

Pakete, zum Beispiel Hundefutter oder Sachen für das Boot, können wir im Versandhandel gleich mit der aktuellen Adresse liefern lassen. Allerdings sind wir da auf sehr genaue Lieferfristen angewiesen. Wir haben die Lieferorte auch schon mehrmals ändern müssen, weil die Lieferung auf sich warten liess und wir den anfänglich angegebenen Hafen bereits wieder verlassen hatten. Alles in Allem immer etwa ein Balance-Akt und ein gutes Abschätzen unseres Vorankommen bedingend. Kann auch mal schief gehen, wie kürzlich mit dem bestellten Hundefutter.

Unsere Wartezeit in Chalon war ja überhaupt nicht vorgesehen. Ohne die Panne des Schleusentors zum Canal du Centre in Crissey wären wir bereits viel weiter im Canal du Centre unterwegs. Da es kein garantiertes Wiedereröffnungsdatum für diesen Kanal gab  mussten wir die Futterlieferung auf den Courrier du Voyageur umändern, damit wir, sobald einmal klar werden würde wie lange wir wo sein werden, eine neue Lieferadresse angeben konnten.

Das Futter wurde vor dem terminierten Liefertag versandt – das lieben wir, denn das bringt alles so wunderbar durcheinander! Da wir immer noch nicht wussten, wann das Tor wieder funktionieren würde, liessen wir das Futter nach Chalon weiterspedieren.

Das Tor funktioniert seit letztem Donnerstag wieder, wir konnten aber noch nicht weg, weil das Futter noch nicht eingetroffen war. Unsere Hunde müssten uns eigentlich auf Knien danken, dass wir so viel Geduld und Organisationstalent aufbringen für ihre paar ollen Hundewürfel! Die 60 Kilo-Lieferung traf dann noch vor dem Wochenende ein und wir waren frei abzulegen und in den Kanal einzufahren. Uff.

Keine anderen Sendungen unterwegs zur Zeit!