Von Knien, Alleinsein und Brot

In letzter Zeit war ich etwas diskret in Bezug auf unser Wohlergehen und die Befindlichkeiten. Der langersehnte und ehrlich gesagt auch gefürchtete Termin der Knie-Operation ist schon vorbei und der Patient ist bereits daran, sich die alte Beweglichkeit wieder anzutrainieren. Die Fortschritte sind überraschend gut. Wir hoffen es bleibt so und geht weiterhin linear bergauf.

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„Was machst Du eigentlich so

den ganzen Tag“, wurde ich letzte Woche gefragt. Ich bin selten richtig sprachlos, aber da wusste ich gerade keine befriedigende Antwort und stotterte bloss etwas herum.

Inzwischen ist eine Woche vergangen und ich habe ab und zu über diese Frage nachgedacht. Sie ist ja berechtigt! Was tue ich denn den ganzen Tag lang?

Im Unterschied zu früher gibt mir kein Job den Takt und dies ist etwas, das ich extrem geniesse. Niemand sagt mir wann ich aufstehen soll um irgendwie im Büro zu erscheinen bevor die ersten schon ans Nachhause gehen denken. Auch meldet sich Mann kaum mehr Spätabends mit der Mahnung doch einmal das Licht zu löschen weil ich am folgenden Morgen kaum aus dem Bett komme. Diese Freiheit ist ein absoluter Luxus und ich geniesse dies jeden Tag. Nach weit über 40 Arbeitsjahren ist das eine Art Befreiung.

Ich kann gut verstehen, wenn jemand in dieser Situation auch mal den Tritt verliert und etwas orientierungslos wird und kann mir durchaus vorstellen, dass sich eine gewisse Leere breitmachen könnte. Wir haben zum Glück unsere beiden Vierbeiner und die müssen regelmässig raus und gefüttert werden. Ich glaube, die Hunde geben uns heute den nötigen Rahmen zum Ganzen. Wenn wir nicht das Leben gewählt hätten, das wir jetzt führen, würde ich vielleicht noch einen kleinen Job haben, Volontärarbeit verrichten oder mir sonst eine Aufgabe suchen, welche mir eine kleine Struktur geben würde. Ich denke, jeder benötigt jemanden oder etwas, das auf einen wartet, einen braucht oder sich auf einen verlässt. Das muss ja nicht für jeden Tag sein!

Neben den Bedürfnissen der Hunde kommen auch bei uns die täglichen Aufgaben wie kochen, putzen, waschen; was halt so anfällt und mehr oder weniger Spass macht. Am Boot gibt/gäbe es eigentlich ständig etwas Kleines zu tun, aber das alles füllt den Tag noch nicht. Obwohl, wenn wir dann wieder einmal aussen herum das ganze Boot, alle Decks, Gangways, Treppen und Relings inklusive Fenster und Aussenhaut auf Hochglanz gebracht haben, ist das höchst befriedigend. Keine Ahnung wo der ganze Dreck immer herkommt, aber das könnten wir ohne weiteres einmal die Woche tun, ohne dass es übertrieben wäre! Zur Zeit ist das Boot ständig gelb vor lauter Blütenstaub.

Aber zurück zum Thema: Langeweile kannte ich schon als Kind nicht. Diesbezüglich bin ich ein Glückspilz. Ich wurstle stets etwas herum und wenn nicht, fläze ich mich auch mal gerne hin und lese ein Buch. Ausserdem kann ich auch ganz gut einmal einfach nichts tun, indem ich vielleicht mit einem Kaffee auf dem Deck oben sitze und in die Landschaft rausschaue und etwa ein besonderes Licht oder eine spezielle Stimmung geniesse, mal zu zweit aber auch gerne ganz allein. Ab und zu habe ich einen kreativen Schub; ich bin da wirklich nicht sehr beständig. Ich wäre gern jemand der schon sein Leben lang malt, oder musiziert, oder alle Kleider selber näht und strickt, oder aus Ikea-Kleinmöbel etwas völlig anderes schafft… Leider muss ich stets auf eine Fee warten, die mich mit ihrem Stab berührt. Dann habe ich eine Idee und setze die wie im Fieber um. Meist gelingt mir wirklich etwas Besonderes, aber leider, leider ist dann die Luft draussen und ich muss wieder warten, bis es mich anspringt. Nicht sehr befriedigend.

Seit wir auf dem Boot wohnen, haben wir jede Menge spontane Kontakte. An einer Anlegestelle oder in einem Hafen kommen wir einfach und unkompliziert mit Andern ins Reden, sei es durch Hilfe beim Festmachen, durch Fragen wo die nächste Bäckerei zu finden ist, wie oder wo man den Hafenmeister findet…. Da ergibt sich schon mal ein längerer Schwatz auf dem Ponton, oder führt zu einem Apéro oder Essen. Zudem habe ich am Bug eine kleine Flagge, die signalisiert, dass ich Mitglied der „Women on Barges“ bin, eine Gruppe mehrerer Tausend Frauen auf der ganzen Welt, die sich über alle möglichen Themen rund ums Leben auf einem Boot äussert, alles sehr kommunikative und offene Frauen. Die Flagge schafft schnellen und einfachen Kontakt, der oft auch über die geografischen Distanzen weiterbesteht. Mit Kontakten pflegen bin ich eigentlich jeden Tag beschäftigt.

Ich schätze die vielen neuen Gewohnheiten und Möglichkeiten unseres jetzigen Lebens sehr. Es ist nie eintönig und abgesehen von „häuslichen Pflichten“ nicht repetitiv. Ich fühle mich dadurch belebt und Langeweile ist wohl weder bei uns noch bei den Menschen, denen wir jeden Tag begegnen ein Thema. Aber eine richtige Antwort auf die Frage, was ich den ganzen Tag so mache, habe ich eigentlich jetzt immer noch nicht. Ist das schlimm?

 

 

Pyjama-Sonntag

Was haben wir das als Kinder geliebt: Pyjama-Sonntag. Sich nicht anziehen müssen, den ganzen Tag herum fläzen, nichts tun müssen, nicht mal einen Sonntags-Spaziergang (langweilig). Womöglich sogar, die Ultra-Version des Pyjama-Sonntags, nicht einmal die Zähne putzen! Heute würde man vielleicht schon angezeigt wegen Kindsvernachlässigung. Mütter und Väter, sagt mir das. Ich habe keine Ahnung da kinderlos.

Auf jeden Fall kam für uns damals ein Pyjama-Sonntag gleich nach Geburtstag oder Weihnacht in der Bedeutung. Es gab an einem solchen Tag einfach keine Regeln. Wir mussten nicht am Tisch essen, wir mussten nicht einmal zusammen essen, sondern wo und wann wir wollten. Wir legten Riesen-Puzzles auf dem Esstisch aus, bauten im Wohnzimmer Burgen, Höhlen oder was auch immer auf, je nachdem welche Bücher oder Filme gerade unsere Favoriten waren. Oder, in späteren Jahren, lagen auf dem Bett und lasen den ganzen lieben langen Tag ein spannendes Buch, das wegzulegen, und sei es auch nur für eine oder zwei Stunden ganz unmöglich war. Es war so richtig dekadent und machte riesigen Spass.

Heute, mieses Wetter, Graupelschauer, mittelgrauer Himmel, schien genau der richtige Tag, einen Pyjama-Sonntag einzuschalten. Ich habe gerade ein neues Buch zu lesen begonnen, das mich von der ersten Seite an gefangengenommen hatte. Allerdings ging es etwas zivilisierter zu bei uns heute und wir hatten immerhin gemeinsame Mahlzeiten. Auch das mit dem Pyjama wollte nicht so richtig klappen; die Hunde mussten raus, Pyjama hin, Sonntag her. Aber der Rest des Programms fand genauso statt wie in der Kindheit: auf dem Bett liegend lesen, lesen, lesen. Ab und zu frischen Kaffeen holen, und sofort zurück, wieder hingefläzt, Seite um Seite verschlungen. Ich habe sogar wieder einmal ein richtiges physisches Buch und kein eBuch. Ach tut das gut! Das völlige Abtauchen in eine Geschichte, das sich verlieren darin, Stunde um Stunde. Eigentlich viel schöner als ein Film, denn der ist nach spätestens zwei Stunden zu Ende. Ein Buch nicht, vor Allem nicht die Bücher welche ich gerne wähle. Viele Seiten sind ein wichtiges Kriterium! Das sagt zwar nichts über die Qualität eines Buches aus, aber ich gebe das offen zu; ein Buch unter – sagen wir 250 Seiten – hat keine Chance bei mir, es müssen so richtig dicke, endlose Bücher sein.

So, und jetzt muss ich leider hier Schluss machen; das Buch ist noch nicht zu Ende gelesen.

PS. Ich lese „The Tea Rose“ von Jennifer Donnelly. Immerhin 557 Seiten 😉

PS.PS. und doch, ich habe die Zähne geputzt.