Wir sind dann mal weg, n°2

Wie könnte es anders sein: den zweiten Teil (1. Teil hier) unseres Urlaubs hatten wir für die Besichtigung der Wasserstrassen und Häfen von Nordostfrankreich vorgesehen. Weiterlesen „Wir sind dann mal weg, n°2“

Heute ist es zum schreiben

eigentlich viel zu heiss. Offenbar kann ich es nicht lassen, bin aber froh darum, dass ihr mich nicht seht. Gleich nachher geht es nochmals unter die Dusche, im Moment sehe ich aber noch aus wie ein nasser Lappen (fühle mich auch so).

Es ist fast 22 Uhr, immer noch über 30°C, dies an einem Kanalufer, das seit 13.30 Uhr keinen Sonnenstrahl mehr abgekriegt hat.

Wir erwarten morgen und vor allem am Dienstag wiederum fast 40°C. Nun müssen wir unsere Fahrt wirklich gut planen, einfach so dahin dümpeln geht nicht mehr. Wir brauchen alle zwei, drei Tage Stromanschluss und eine Epicerie. Ausserdem möchten wir möglichst am Schatten anlegen. Das ist jedoch die Quadratur des Kreises.

Meist starten wir sehr früh, einfach wenn ich dann auch endlich auf der Brücke stehe. Die Schleusen öffnen um 9 Uhr. Bei diesen Temperaturen wollen wir gegen Mittag „ankommen“. Ich habe mit Hilfe unseres Führers die Etappen zusammengestellt, stets ein Tag mit Strom, ein Tag gerne ohne. So einfach ist es nicht; in diesem Kanalabschnitt gibt es nicht so viele Anlegestellen mit vollem Service und meist sind diese gut besetzt. Ausserdem fahren hier einige Hotelboote und Ausflugsboote, und die blockieren manchmal schon die Hälfte des Quais. Die Profis haben Vortritt, immer und überall, wir Freizeitkapitäne kriegen die Brosamen.

Heute Nacht aber liegen wir wunderbar an einem Waldrand. Die Äste der Bäume hängen bis über den Kanal hinaus und die Stimmung hier ist sehr lauschig. Draussen scheint es mit den rund 30°C schon schön kühl, drinnen haben wir immer noch einige Grade drüber. Inzwischen nützt uns auch die gute Isolation des Boots nichts mehr, es ist einfach überall zu warm. Der Kühlschrank läuft auch schon auf der höchsten Stufe und schafft gerade knapp 10°C.

Die Hunde sind süss und haben verstanden, dass es jetzt einfach heiss ist. Wir duschen sie viele Male pro Tag ab. Dann sind sie eine Stunde lang wie wiederbelebt, spurten herum und strahlen um die Wette. Sobald sie wieder getrocknet sind, fallen sie zusammen wie ein Käse-Soufflé und dösen im Schatten bis wir sie wiederum abduschen können.

Noch zwei Tage, dann sollen die Temperaturen fallen und vielleicht kriegen wir dann auch mal ein paar Tropfen Regen. Das wäre doch schön.

Reisefieber

Jetzt wird es langsam ernst: unsere Abfahrt vom Port Royal kommt immer näher. Auch wenn das genaue Datum noch nicht steht, die Vorfreude ist gross und etwas Vorausplanung kann nicht schaden.

Für französische Flüsse und Kanäle gibt es ganz wunderbare Führer, nach Regionen aufgeteilt. Wenn ich richtig gezählt habe gibt es deren 18 solche Hefte in denen die rund 10’000 km schiffbare Wasserwege in diesem Land dokumentiert werden. Da diese Unterlagen auch jedem ausgehändigt werden, der ein Ferienboot mietet, ist jede Menge an grundsätzlichen Informationen darin enthalten. Die Verkehrsregeln werden erklärt, die Bedeutungen der Signalisationen und Ausschilderung. Es ist auch beschrieben wie man schleust, wie man festmacht usw.

Kleiner Einschub:

Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich viele der Urlauber vorbereiten, es sieht manchmal wirklich nicht danach aus. Die Bootsverleiher instruieren die Mieter meist oberflächlich (ist ja ganz einfach, wie Autofahren) und die Urlauber, verständlich, sind meist auch sehr ungeduldig und wollen das Ding endlich in ihre Hände kriegen und los schippern. Deshalb wohl haben wir schon Boote davor bewahrt sich in einer Schleuse aufzuhängen (die Urlauber haben es festmachen wollen), unzähligen geholfen anzulegen und festzumachen (habe mir vorgenommen, mal eine Fotoserie von fantasievollen Knoten zu lancieren) und mehrere Augen zugedrückt, wenn sie in uns reingefahren sind (kein Problem, wir sind aus Stahl und stärker als diese Plastikdinger). Also, falls dies jemand lesen sollte, der Bootsferien gebucht hat: diese Führer sind wirklich gut und es ist angenehm, wenn man sie zumindest schon mal durchgelesen hat und sich etwas Basiswissen vor der Abreise aneignet. Und es ist nicht wahr, dass man die Boote ohne Ausweis fahren kann; der Ausweis wird vom Vermieter für die Zeit des Urlaubs mit dem Boot verliehen! Gut, das war jetzt so einer meiner Zeigefinger-Ausrutscher, aber das musste mal raus.

Zurück zum eigentlichen Beitrag heute

In diesen Führern ist alles Relevante für eine Bootsreise beschrieben. Die Brücken sind abgebildet. Wir können also zum Voraus wissen, wie hoch die Durchfahrt ist, an welcher Stelle durchgefahren werden muss und ob es irgendwelche Besonderheiten gibt wie eine Sandbank, Wirbel oder Seitenströmungen…). Die Schleusen haben Symbole aus denen man herauslesen kann ob bedient, welches Automatiksystem eingebaut ist oder etwa sogar selber gekurbelt werden muss. In letzterem ist es von Vorteil, wenn man schon weiss wie eine Schleuse Ûberhaupt funktioniert ;-). Die Anlegestellen und Häfen sind beschrieben und man weiss genau welche Serviceleistungen erwartet werden können, Strom, Wasser, Tanksäule, ob es einen Supermarkt hat, Restaurants etc. Im Weiteren sind alle Wasserläufe mit PK markiert (Kilometermarkierung) und zwar auf der Karte und am Ufer. Dies erlaubt es a) leicht Tagesstrecken zu planen und b) zu wissen, wo man sich befindet im Falle eines Notfalls – so man denn nicht einfach ins Blaue fährt und nie auf die Karte guckt, was ich nicht empfehlen würde. Wir haben schon Urlauber auflaufen sehen, anderen heftig  gehupt, weil die sich die Schwellen offenbar von ganz nah anschauen wollten. Ei,ei, das wird teuer!!!  Zu unsere Schande muss ich hier jetzt aber auch gestehen, dass wir mal ein Sonnendach an einer Brücke beschädigt haben. Wirbel und Seitenwind. 😦

Das Beispiel einer Seite mit Flusskarte, Markierungen von Besonderheiten, Zeichnungen der Brücken etc. Auch die PK-Punkte sind zu erkennen, von Punkt zu Punkt ist immer 1 Kilometer
Das Beispiel einer Seite mit Flusskarte, Markierungen von Besonderheiten, Zeichnungen der Brücken etc.

Also, bei uns sind nun diese Führer ausgelegt und wir reisen mit Fingern und Massstab schon mal etwas voraus. Wir haben zwar einen Tiefgang von nur einem Meter (nur bei der Heckschraube) aber wir sind hoch! Wir müssen sicher sein, dass eine ganze Kanalstrecke von uns befahren werden kann ohne dass wir streifen. Es gibt auch Kanaltunnels, für diese habe ich einen Querschnitt des Boots gezeichnet und sicherheitshalber übertrage ich die in jede Tunnelzeichnung. Keine Lust da mal stecken zu bleiben! Schlimmstenfalls können wir die Streckenwärter von VNF (Voies Navigables de France) bitten, für uns den Wasserstand vorübergehend abzusenken, cool, nicht?

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete und macht auch Spass. Wir werden an vielen interessanten Stellen und Sehenswertem durchkommen, und nicht alles wird direkt vom Wasser aus zu sehen sein. Dafür hat es Kurzbeschriebe in diesen Führern und so kann man schon ein wenig die Halte oder Tages-Etappen planen. Natürlich fixieren wir nicht alles, das wäre ja schlimm: sind wir jetzt endlich einmal frei und unbeschwert, wollen wir uns sicher nicht erneut in ein Korsett zwingen. Aber etwas weise Voraussicht muss sein.

– fadegrad

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