Adieu, magnifique Val de Loire

Wir haben das Tal der Loire in Digoin, mit dem Überqueren dieses Stroms auf dem Pont Canal, der Kanalbrücke (oben im Header-Bild) verlassen. So oft haben wir die Loire vom Boot aus eigentlich nicht gesehen, wir erhaschten bloss ab und zu einen Blick. Kein Wunder, darf sie sich doch frei durch das flache Tal schlängeln und ist manchmal hunderte von Metern weg vom Kanal. Dieser folgt logischerweise einer eher direkten Linie, da er im Grunde für einen kommerziellen Zweck ausgelegt und auf Effizienz geplant wurde.

Ich finde es herrlich, wie mitten in Europa ein Fluss noch natürlich fliessen darf. Mir ist aufgefallen, dass ich sonst eigentlich nur Flüsse kenne, die bereits mehr oder weniger von Menschen korrigiert worden sind. Flüsse, deren Mäander und Auen, Überschwemmungsgebiete und nutzlose Seitenarme längst schon verschwunden sind. Wasserwege, die deshalb zu schnell fliessen und mit Verbauungen noch weiter gezähmt werden mussten und immer noch müssen. Die meisten Ortschaften liegen nicht an der Loire, sondern weit weg mit Sicherheitsabstand. Die Städte direkt am Strom haben meist hohe Ufer, wie Briare oder Digoin oder sind sonst irgendwie geschützt vor Überflutungen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts müssen trotzdem massive Überschwemmungen das Land heimgesucht haben. An den Markierungen an Gebäuden weit weg vom eigentlichen Loire-Bett sehen wir, dass es sich um eigentliche Sintfluten gehandelt haben muss mit gigantischen Wassermassen. Spuren davon haben wir auch im Saône-Tal gefunden. Da müssen weite Landstriche tief unter Wasser gelegen haben. Das Ausmass der Schäden und des Elends, das diese Ereignisse hinterliessen kann ich mir kaum vorstellen.

Bevor wir auf unsere Reise in diese Gegend gestartet sind, habe ich noch bedauernd herum erzählt, dass die Loire leider, leider nicht schiffbar ist und wir somit nicht vom östlichen Teil Frankreichs direkt in den schiffbaren Westen fahren können. Das ist wohl so ein typisches Neuling-Geplapper. Natürlich wäre es toll, von hier eine Verbindung in die Bretagne und Normandie zu haben. Zum Preis einer gezähmten Loire möchte ich das aber nicht. Das ganze Loire-Tal ist für Bewohner und Touristen ein wunderschöner, gigantischer Park, ein wahrer Schatz. Diese Erholungsgebiete sind unbezahlbar und werden rege benutzt. Dadurch, dass sie aber so gross sind, besteht überhaupt kein Druck und meist ist man allein, sei es mit dem Boot oder dem Fahrrad. (Wie es auf der Strasse aussieht, kann ich leider nicht beurteilen, wir bleiben nach Möglichkeit auf den vielen Radwegen.)

Mit ein wenig Wehmut haben wir gestern den Kanal gewechselt und befinden uns jetzt im Canal du Centre. Auf dem Kanal selbst merkt man ja nichts, man fährt einfach weiter. Und doch ist da etwas anders. Uns ist sofort aufgefallen, die Natur nach Digoin ist viel grüner und saftiger. Der Wasserstand im Kanal ist wieder beinahe bei Normal-Null. Verabschieden mussten wir uns von den bedienten Schleusen und den hübschen, meist bewohnten Schleusenhäuschen. Im Canal du Centre sind die Schleusen mit Sensoren bestückt. Sie erkennen unser sich näherndes Boot und bereiten die Schleuse für uns vor. Sobald wir im Schleusenraum eingefahren sind und die Leinen an den Pollern haben, setzen wir den eigentlichen Schleusungsvorgang mittels heben einer Stange oder ziehen an einem Strick in Gang. Beim rausfahren erkennt das die Automatik wiederum und registriert die Schleuse nun als wieder frei für das nächste Boot. Wir sehen schon auch VNF-Leute, aber diese betreuen mehrere Schleusen, sind stets unter Druck und fahren auf den Treidelwegen von Schleuse zu Schleuse und wieder zurück. Ich vermisse schon jetzt den kurzen Schwatz mit den Schleusenwärtern vom Canal latéral à la Loire!

 

Gergy – unscheinbare Anlegestelle in toller Natur

Gergy ist bloss eine kleine Haltestelle und sieht vom Fluss her nicht sehr attraktiv aus: Ein Ponton unter einer seltsamen und uralten Betonkonstruktion, ein Bootslift für kleine Boote und ein Restaurant auf Stelzen. Alles ein wenig mehr oder weniger in die Jahre gekommen.

Schon mehrmals sind wir daran vorbeigefahren; ich habe mir ins Bordbuch nur kurz vermerkt, dass hier Schwimmpontons sind und ein Halt möglich wäre. Das haben wir dieses Mal genutzt und zwei Nächte hier verbracht. Der Ponton hat durch die Überflutungen noch weiter gelitten und alles wartet auf eine Reparatur. Eher enttäuschend.

Von der Umgebung wurden wir dann aber reich entschädigt. Nicht immer können wir so tolle Spaziergänge mit den Hunden machen. An der Saône entlang führt die Voie bleue, ein Radweg, der auch für andere Nutzer offen ist, und zu den Europäischen Radwegen gehört (Nr. 6, falls das jemandem etwas sagt). Wundervoll! Wir gelangten an einem grossen, renaturierten Sumpfgebiet vorbei, an Fischteichen und riesigen, heckenbestandenen Weiden. Häuser und ein Schlösschen nur in weiter Ferne ab und zu durch die Bäume hervor blitzend. Die Sonne stand tief und zauberte starke Farben. Die Kühe standen in knietiefem, saftigen Gras, die Bäume üppig grün und überall blühende Sträucher die stark dufteten. Die Vögel sangen ein Gesamtwerk der Natur und ein Kuckuck konnte nicht aufhören mit seinem „Gesang“ dazwischen zu kuckucken. Frösche komplettierten das Konzert. Wir wandelten wie in einem Szenenbild vom Sommernachtstraum. Ich wäre überhaupt nicht erstaunt gewesen, wenn hinter einem Baum ein Faun hervorgeguckt hätte!