Die beste Pizza in Frankreich

Wir befinden uns seit einigen Tagen in St-Léger-sur-Dheune (nicht Frankophone müssen das nicht aussprechen können!), ein kleines Städtchen am Canal du Centre. Es hat, Irrtum vorbehalten, von Allem eines: Bahnhof, Hafen, Apotheke, Florist, Supermarkt, Coiffeur, Arzt, gutes Restaurant, Beiz (Kneipe), Kebab-Take Away und eine Pizzeria! Diese Pizzeria, ist von Aussen unbedeutend, Innen eigentlich auch. Ma le pizze, le pizze sono favolose!!! Die Pizzen aber sind eine Wucht!

Wir sind Freaks von guter italienischer Küche. Bitte kein Anbandeln mit lokalen Geschmacksnerven! Echt muss sie sein. Wie das Lokal aussieht ist mir völlig wurscht, in Italien, in der Schweiz und auch in Frankreich. Schickimicki und pseudo-romanisches Dekor? Verdächtig. Kaltes Deckenlicht, Ambiente unter null? Schon viel vertrauenswürdiger. Mamma steht am Herd? Super. Es ist laut und geschäftig? Alles bestens! Der Vorgänger am Tisch hat seine Spaghetti al sugo nicht ganz sauber gegessen? Solange die Spaghetti und die Sauce wirklich, wirklich gut ist, drücken wir eineinhalb Augen zu.

Vor vielen, vielen Jahren, in unserem ersten gemeinsamen Urlaub besuchten wir eines Abends in einen Dorf weitab von Florenz das einzige Restaurant am Platz und standen unvermittelt im Wohnzimmer der Familie mit einem ohrenbetäubend laut eingestelltem Fernseher. Wir wollten schon rechtsumkehrt machen, da kam der Bappo in Pantoffeln daher und lud uns freundlich ein, im Nachbarraum Platz zu nehmen. Ein riesiger, hell erleuchteter Saal! Und wir die ersten Gäste des Abends. Wir nahmen artig Platz und lästerten über die Plastikpflanzen überall. Bappo verschwand vor den Fernseher, dafür erschien la Mamma. „Allora„, sie faltete die Hände über der üppigen Brust zusammen, “ oggi abbiamo………“ und es folgte eine ellenlange Litanei, mit all‘ den Gerichten, Antipasti, Primi, Secondi….. alles was sie an dem Tag servieren konnten. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, was genau wir bestellt hatten, aber dass es favoloso war und wir uns durch sämtliche Gänge gegessen hatten, daran erinnern wir uns noch heute! Und das „oggi abbiamo“ inklusive der Körpersprache blieb uns bis heute erhalten; ein Spass unter Insidern. Ah, la cucina italiana!

Oh, die Pizze von St-Léger! Ich bin abgeschweift, hab mich sozusagen von Erinnerungen in den Süden reissen lassen!

Das Lokal „Place Pizza“ in St-Léger wird von zwei Brüdern geführt, Quereinsteigern. Ihre Pizze (zu deutsch Pizzen oder Pizzas?) sind ein Hit. Nicht zu trocken, nicht zu feucht. Ein feiner, knuspriger Rand. Eine schmackhafte Tomatenbasis, darauf nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Belag. Das Beste vom Besten für mich: sie haben auch „Pizze in bianco“ auf der Karte! Weisse Pizzen. Ich liebe weisse Pizzen. Ohne Tomatenbasis, dafür mit Ricotta oder Mascarpone, darauf pancetta, lardo, Zwiebeln, Nüsse oder andere italienische Käsearten. gerne auch Gorgonzola,  oder – nur kalt und nicht etwa mitgebacken – prosciutto crudo und rucola. Paradiesisch, buon appetito!

Die Basis einer guten Pizza ist stets der Teig. Mein Test für einen guten Pizza-Teig ist immer etwa der Durst danach. Ich hasse es, nach einem Pizza-Essen in der Nacht mit einem riesigen Durst aufzuwachen. Das muss nicht sein. Der Teig sollte nicht zu frisch, besser 2 oder 3 Tage alt sein. Dann hat sich der Teig fest verbunden, die Hefe hat richtig Zeit gehabt zu arbeiten, das Gluten ist kein Problem mehr und es gibt keinen Durst (und auch kein Bauchgrimmen). Die Pizzen von „Place Pizza“ verursachen keinen Durst. Also auch dafür:  Thumbs up!

Ein Pizzaiolo, der den Teig morgens ansetzt und am Abend verarbeitet macht seinen Job nicht richtig. Brotteig muss Weile haben. Viel, viel Weile. Im Idealfall verarbeiten unsere Bäcker für schmackhaftes Brot auch Teig, der lange Zeit hatte aufzugehen; ein richtiger, echter, stolzer Baguette-Bäcker in Frankreich bäckt Teig, der höchstens vom Vortag ist, lieber noch älter! So ergeben sich auch die Blasen und die knusprige, feine Kruste. Leider gibt es heute für die Profis Zusatzstoffe, die Brotteig in null komma nichts aufgehen lassen, das sieht dann zwar gleich aus, ist jedoch weder dasselbe noch gesund …. aber dies ist ein anderes Thema.

 

Grüsse aus St-Léger-sur-Dheune, Burgund

Anlegestelle von St-Léger-sur-Dheune. Blick von der Dorfbrücke auf den absolut stillen Kanal
Anlegestelle von St-Léger-sur-Dheune

 

 

Ein seltsamer Tag

Manchmal hat man tagelang nichts zu tun und dann auf einmal kommt alles zusammen. Wobei ich einschränken muss, wenn ich von bei uns ALLES rede, ist das für andere immer noch banal. Trotzdem, da wir nicht motorisiert sind, braucht alles seine Zeit und so ist ein Tag schnell rum und abends haben wir das Gefühl enorm viel geleistet zu haben.

In den vergangenen Tagen fiel uns auf, dass der grosse Hund sich am Hinterteil etwas gar viel leckt und kratzt. Wir wissen, dass er – sorry, jetzt wird es ein wenig unappetitlich – hinten empfindlich ist. Keine Ahnung, was er alles erlebt hat bevor wir ihn adoptierten, zu Beginn liess er sich hinten kaum anfassen. Wir haben dann schnell gemerkt, dass er es hasst, wenn seine Analdrüsen etwas voll sind. Wir lassen sie regelmässig tierärztlich entleeren, sobald er so komisch herumhockt oder sich zu verrenken beginnt und versucht dran zu kommen. Zudem hinkt die Kleine manchmal für einen Moment, wenn sie vom Liegeplatz aufsteht. Also Zeit, für Beide einen Tierarzt zu suchen.

Heute hatten wir den Termin. Die Kleintierklinik ist weit draussen auf dem Land an einer Überlandkreuzung. Na, bravo. Google Maps gibt uns eine Strecke entlang einer Départementale, einer Strasse mit interregionalem Verkehr, an. Trotz suchen, finden wir keine Alternative. Die Hunde laufen brav mit und lassen sich durch den Verkehr nicht stören. Die vielen riesigen Sattelschlepper stören uns aber schon und machen auch Angst, wenn sie so an einem vorbeidonnern. Wir finden die Tierklinik und werden toll bedient. Janusz ist schnell sein überschüssiges Drüsensekret los, er hat kaum etwas gemerkt obwohl das Ausdrücken ganz schön schmerzvoll sein kann. Merry wird dann gründlich durchbewegt und gecheckt und tatsächlich; sie hat ein Wabbelknie links und eine leichte Hüftarthrose rechts. Die Tierärztin findet, das könne ohne weiteres von einem Unfalltrauma herrühren. Auch bei ihr wissen wir jedoch nicht, was sie alles erlebt hat, bevor wir sie aufnahmen und können keine weiteren Informationen geben. Sie kriegt jetzt eine Phyto-Kur, um einer Verschlimmerung der Arthrose vorzubeugen. Das Knie muss beobachtet werden, da steht dann vielleicht einmal eine Operation an.

Auf dem gleichen Weg zurück zum Boot gehen wir an einem Restaurant vorbei, das erst geschlossen scheint. Es ist Mittagszeit, wir haben Hunger und Durst und es ist heiss geworden. Die nette Besitzerin ist da und schlägt uns vor uns zu bekochen. Es ist nicht ganz klar, ob sie überhaupt offen hat oder nicht. Das Interieur des Restaurants ist sehr speziell. Wir staunen. Ein gekonntes Sammelsurium von Kunst und Kitsch. Kaum etwas passt zum andern und doch ergibt sich eine Einheit. Alles ist bunt und gemustert. Ins Auge fallen viele Trompe l’oeil – Werke. Einige bemerken wir erst auf den zweiten oder dritten Blick, so gekonnt sind sie. Die verdreckte Regenrinne in der Ecke, der Schirm, der vergessen herumsteht, eine alte Tür mit abgeblättertem Anstrich, die gehäkelten Vorhänge, die Front eines alten Billett-Schalters inklusive „komme gleich zurück-Zettels“, ein noch in Folie eingepacktes Gemälde, alles bloss täuschend echt gemalt! Bei einigen Objekten müssen wir ganz nach dran um sicher zu sein; doch, doch, nicht echt, sondern gemalt. Wow!

Dieselbe Visitenkarte auf unserem Tisch liegend
Dieselbe Visitenkarte auf unserem Tisch liegend
Interieur des Restaurant F Commerce, Génelard
Interieur des Restaurant F Commerce, Génelard
Interieur des Restaurant F Commerce, Génelard
Interieur des Restaurant F Commerce, Génelard
Trompe l'oeil von J-P. Chaillou: Holzfach mit Zeitungen, Zeitschriften und Ansichtskarten
Alles Trompe l’oeil, der Holzhalter, die Zeitungen, die Kunstkarten, die Notiz

Irgendwann während des Essens – die Wirtin, ebenso farbenfroh und schräg wie ihr Lokal,  hat ein feines Essen mit Rindsfilet, Bratkartoffel und Salat mit herrlich frischem Brot gezaubert – kommen drei Leute aus einem angrenzenden Zimmer: der Künstler höchstpersönlich und eine Interviewerin mit Kameramann einer Fernsehkette aus Paris. Das Interview findet ganz unzeremoniell in diesem fantastisch-surreal inszenierten Raum statt. Kurz verschwinden die Drei ins Atelier des Künstlers – offenbar gleich um die Ecke – und tauchen dann wieder auf. Wir kommen uns etwas vor wie im falschen Film. Sehr real aber schnarchen zwei Hunde zu unseren Füssen. Offensichtlich fühlen sie sich extrem wohl an diesem Ort, sie liegen beide flach mitten im Raum und kümmern sich um rein gar nichts mehr. Wir sind auch langsam geschafft von diesem Overkill an Deko und machen uns auf den Rest des Heimwegs. Denn eigentlich haben wir noch viel zu tun. Morgen kommen Gäste aufs Boot und vorher kommt noch einer, der uns ein elektrisches Problem lösen muss. Damit es morgen nicht zu viel wird sollten wir auch noch für die nächsten paar Tage einkaufen und eine letzte Runde mit dem Staubsauger würde auch nicht schaden.

Trotz diesem Pflichtenheft lassen wir uns eine Siesta nicht nehmen, das kleine Kombi-Abenteuer Schnellstrassenwanderung zur Tierklinik und Restaurant der dritten Art hat uns müde gemacht.