Kulturschock X: am langen Arm der Ämter

Wir sind uns seit langem nicht mehr täglich bewusst, im Ausland zu leben. Aber hin und wieder wird dies uns wieder brutal in Erinnerung gerufen. Zu Beginn waren wir darauf eingestellt, auf das eine oder andere Hindernis zu treffen, in Unkenntnis der hiesigen Vorschriften mal in Schwierigkeiten zu geraten oder endlos herumfragen zu müssen. Aber jetzt, nach vollen 3 Jahren, ist das Leben in Frankreich einfach die neue Normalität.

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Europäisches Tropenwetter und so

Das derzeitige heiss-feuchte Wetter entbehrt nicht der Ironie.

Als wir, jahrelang und immer wieder, darüber diskutiert haben, wohin wir denn auswandern möchten, wenn ich dann beruflich mal so weit sein werde (sprich in Rente gehen kann) war eines eigentlich von Beginn an klar: kein tropisches Land!

Und jetzt das! Jeden Tag fast 30 Grad, eine Luftfeuchtigkeit, die den Tropen Konkurrenz macht und einen Wetter-Rhythmus wie zur Regenzeit: Vormittags und Anfangs Nachmittag noch trocken, dann aber kommt es. Dicke Wolken ziehen auf, die Hitze wird in die Räume hinein gedrückt und, wenn sich dann alles so schön aufgeladen hat, Regengüsse die kein Schirm aushält. Ich nehme das jetzt mal persönlich: wir wollen nicht mehr in die Tropen? Dann kommen halt die Tropen zu uns. Kein Entrinnen.

Vielleicht eine kurze Erklärung, weshalb wir tropische Länder von Beginn an ausgeschlossen haben: Wir haben in tropischen Gefilden gelebt und gearbeitet. Es hat uns sehr, sehr gut gefallen. Was sag ich da, wir haben es geliebt! Nur ist das so manches Jahr her. Die Welt ist längst nicht mehr dieselbe und wir befürchteten, wir würden die damaligen Zeiten suchen und nicht mehr finden. Klar entwickelt sich alles weiter, das ist auch in Ordnung so. Und es ist auch klar, dass, in unserem Fall asiatische, Länder aufholen möchten und alle Annehmlichkeiten der westlichen Welt auch haben möchten. Nur leider haben wir festgestellt, dass der Preis dafür extrem hoch ist gerade für ehemalige Schwellenländer: unkontrolliertes Bauen, Luft-und Wasserverschmutzung, Abholzung, Ausbau des Massentourismus bis zum Geht-nicht-mehr, und so fort. Ausserdem sind wir Europäer und unseren europäischen Rucksack nähmen wir überallhin mit. Sich irgendwo so zu integrieren, wie wir es von Ausländern aus anderen Kulturkreisen bei uns in Europa erwarten, wäre kaum möglich. Wir würden nie aufgehen in einer lokalen Kultur, sondern würden entweder die reichen Weissen bleiben oder ausschliesslich in Expatriates-nahem Umfeld verkehren. Und das würde nicht nur allein an uns liegen, sondern von beiden Seiten so gesehen werden. Auch wenn ich perfekt indonesisch könnte, eine Indonesierin wäre ich trotzdem noch lange nicht.

Nun denn, also Europa. So haben wir überlegt: Kleinere kulturelle Verschiedenheiten, weniger sprachliche Hürden (ich hätte aber auch noch zum Beispiel Schwedisch gelernt). Keine langen Flugreisen nötig (bin in der Luft ein Angsthase). Die medizinische Unterstützung ist optimal und uns vertraut. Die Wetterverhältnisse entsprechen uns. In den Tropen ist es fifty-fifty sehr grün oder einfach grün, in Europa haben wir vier Jahreszeiten (die wir lieben, mehr oder weniger). Freunde und Familie können uns einfacher besuchen kommen.

Nachdem Irland (Manns Veto: zu viel Wetter), Skandinavien (mein Vorbehalt: zu lange dunkel), Südeuropa (beide: im Sommer zu trocken) aus dem Rennen gefallen sind, waren wir etwas ratlos. Zum Glück kam da die Mississippi und rettete uns. Sie wollte just zum richtigen Zeitpunkt verkauft werden! Richtiger Ort zur richtigen Zeit.

Die Mississippi heisst heute Escapade und ist unser schwimmendes Heim. Sie fährt unter französischer Flagge, und deshalb sind wir jetzt mal in Frankreich (kann sich ändern) und haben hier tropisches Wetter! Die Hunde finden das im Moment halb so lustig, Merry hasst Blitz und Donner und Janusz mags nicht gerne allzu heiss. Wir beide finden es cool (respektive hot).

Also nicht ganz immer – es müsste einfach immer ein Lüftchen wehen, dann ist es toll.

Stürmischer Himmel
Stürmischer Himmel

Kulturschock IV: C’est compliqué!

Seit Ende 2017 wohnen wir offiziell nicht mehr in der Schweiz und geben uns wirklich alle Mühe, uns hier in Frankreich erfolgreich niederzulassen. Theoretisch absolut kein Problem. Bis man zum praktischen Teil kommt.

Mit dem Praktischen schlagen wir uns nun seit Anfang Jahr herum. Offiziell ist die démarche, das Vorgehen, ganz klar. Aber das Ganze ist irgendwie verbandelt mit der sécurité sociale und mit der carte vitale (Sozialwesen und Gesundheitskarte). Bevor wir überhaupt mit dem Prozess in Frankreich beginnen konnten, mussten wir in der Schweiz unsere internationale Krankenversicherung organisieren. Wir haben diese Lösung gewählt weil wir mit dem Hausboot in ganz Europa unterwegs sein werden. Das war easy und schnell erledigt.

Ohne gesundheitliche Absicherung, keine Niederlassung. Kein Problem. Seit Anfang Januar ist das entsprechende Papier für die französischen Behörden bereit. Dazu jede Menge persönliche Papiere im Original (Bescheinigungen dass und wo wir geboren sind, gewohnt haben, Gehalt bezogen, Steuern bezahlt, Gas und Wasserrechnungen beglichen haben, zum Frisör gingen und bitte nicht vergessen, die Schuhgrössen anzugeben).

Es ist uns ja klar, dass Frankreich keine zukünftigen Sozialhilfebezüger reinlassen will. Kein Problem. Die Papiere sind seit Mitte Januar beim Gesundheitsamt, persönliches Erscheinen war Pflicht. Merke: wir haben ein Boot aber kein Auto. Die Meldestelle befindet sich 2 Bahnstunden von hier! Dass wir theoretisch bereits in und über Frankreich hinaus versichert sind, ist nicht relevant. Es braucht die carte vitale! Kein Problem. Die Krankenversicherung in der Schweiz möchte einfach innert nützlicher Frist eine Bestätigung haben von der erfolgreichen Anmeldung im französischen Gesundheits-System.

Nachdem die verantwortliche Stelle in Frankreich den Antrag und alle Papiere für genügend befunden und 100 mal abgestempelt hat, hatten wir uns vorgenommen, regelmässig nachzufragen, wie es unserer künftigen carte vitale denn so gehe. Gestern war dieser erste Erinnerungstag. Nachdem wir endlos mit Computern geredet und Ziffern gewählt haben, die unserem Anliegen wahrscheinlich am ehesten nahekamen, zweimal im falschen Département (mais non, vous vous êtes trompé du département, c’est Paris ici hahahhaha), gelandet sind – blöde Computer – gelangten wir doch mal an die richtige menschliche Stimme, dies nur um zu hören, dass das Vorgehen für Zuzügler in Rente gaaaanz anders sei und keine Ahnung wo sich jetzt unsere Papiere befinden würden! Ich dachte, Mann fällt in Ohnmacht (er ist französischer Muttersprache, deshalb kommt ihm die Ehre zu, den aktiven Teil zu spielen, der Arme).

Heftige Aufregung bei uns also und Riesenfrust. Weitere Abklärungen waren nicht mehr möglich; über die telefonische Endlosschlaufe >idiotische Melodie – „Sie werden sofort bedient sobald….“ – idiotische Melodie< kamen wir nicht hinaus. Heute haben wir die Internationale Krankenversicherung in Genf angerufen, um zu melden, es gehe noch lange bis die gewünschte Bestätigung bei ihnen eintreffen würde und wir zudem eine neue Version des Vorgehens erklärt erhalten hätten. Die Dame in der Schweiz hat buchstäblich Tränen gelacht und gemeint, das wüssten sie schon; Es dauere immer zwischen 6 und 9 Monaten bis die carte vitale ausgestellt würde und wir sollen die Sache einfach laufen lassen, alles sei korrekt. Wir könnten uns auch ohne carte vitale in Mâcon anmelden und die Niederlassung finalisieren, wenn wir dann endlich im Besitz dieser Karte seien. Sie versicherte uns, es sei alles noch im grünen Bereich.

Wieso wissen die Schweizer besser Bescheid als die Franzosen selbst? Wem glauben wir jetzt? Bei keinem einzigen Amt in Frankreich kriegt man Menschen ans Telefon. Stets reden wir mit Maschinen, und es muss uns ganz genau klar sein, was wir wollen. Sonst sind die gedrückten Ziffern falsch und man landet bei der falschen Person. Diese ist zwar stets sehr nett, aber ihr Handlungsbereich ist limitiert und deshalb verbindet sie uns weiter. RICHTIG geraten: wieder mit der Maschine von Punkt 1! Wir haben schon Tage so verbracht. Ich glaube wir lassen das jetzt wirklich einfach laufen und uns überraschen.

Wir erholen uns jetzt kurz und versuchen dann mit der Machine von Mâcon einen Termin für die Niederlassung abzumachen. Wahrscheinlich geht das nicht, und wir müssen einfach ohne Termin mal antraben und warten, bis jemand für uns frei wird. Im März fahren wir runter nach Mâcon, mit dem Boot. Sind ja nur 5 Tage Fahrt!

Wie machen das bloss Leute die arbeiten?

Kulturschock II: zurück zum Start

Bürokratie ist in keinem Land lustig. Ich finde, in Frankreich schon. Ich will mich hier absolut nicht lustig machen über unser Gastland. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig als uns zu freuen ob der Komplexität der Aufgabe sich hier niederzulassen mit allem was dazu gehört.

Am Anfang war das ziemlich Brennendste ein französisches Handy. Wir dachten easy peasy, ab in ein Handygeschäft und die Sache ist geritzt. Sehr naiv von uns. Erst ging es flott voran, das ausgesuchte Handy lag schon auf dem Tresen, dann stockte es. Wir hatten keinen R.I.B. Weiterlesen „Kulturschock II: zurück zum Start“