Rettungsaktion

Schon seit wir hier auf diesen Kanälen sind habe ich mich gefragt, wie zum Kuckuck jemand da wieder rauskommt, sollte einer in den Kanal fallen. Die Ufer sind meist ganz gerade (senkrecht), der Wasserspiegel gute 30 cm unter der Oberkante, manchmal auch viel mehr. Kilometerlang dienen Eisenprofile als Uferbefestigung, manchmal sehen wir noch die alte, historische Holzkonstruktion, ab und zu ist die Befestigung aus Beton, dieser entweder abgeschrägt oder als Kaimauer mit Unterzug.

Eines ist schon klar: die Ufer sind sensibel und müssen vor allem vor Wellenschlag geschützt werden, sonst erodieren die Kanalufer schnell und anlegen oder kreuzen wird gefährlich für die Boote. Das würde aber niemand hindern, an allen Kanälen Ausstiege zu montieren. Mensch und Tier wären da froh drum.

Heute nun ist es passiert: Ein Reh konnte wahrscheinlich bei der bestehenden Trockenheit keine andere Trinkmöglichkeit finden als den Kanal und fiel rein.
20180728_chevreuil01Wir haben schon von treibenden Tierkadavern gehört, selber aber noch nichts gesehen. Heute Nachmittag nun plötzlich dieses Rehböckchen, das heftig schnaufend daher geschwommen kommt. Was tun? Reinspringen? Erst Rettungsring holen und sich selber absichern? Hat jemand im Hafen ein Dinghi? Ein Seil muss her, Bootshaken… Bis wir uns einigermassen entscheiden ist das Böckchen schon weit weg. Das sind gute Schwimmer. Wir sehen nur noch wie es ständig versucht, raufzukommen, kaum findet es etwas überhängendes Grün. Keine Chance, das Wasser ist sicher 40 cm unter der Eisenkante.

Mann, wir sind gerade am Essen unter den schattenspendenden Bäumen, lässt sein Hühnerfleisch-Spiessschen in den Teller fallen und sprintet zum Fahrrad. Ich kann ihm nur noch nachrufen, er soll sich nicht selber in Gefahr bringen, und weg ist er.

Minuten später sehe ich, dass das Reh wieder zurück geschwommen kommt. Es ist bereits ziemlich erschöpft. Mittlerweile hat ein kleines Boot neben uns angelegt. Ich bin ziemlich aufgeregt und versuche zu erklären, was abläuft. In der Aufregung quatsche ich die Leute auf Englisch zu. Mann kommt auf der andern Kanalseite pedalend daher, auf derselben Seite paddelt das Reh wieder stromaufwärts. Ich kann ihm signalisieren auf welchen Höhe das arme Tier ist, sehen kann er es von oben offenbar nicht. Kaum kommt er ins Blickfeld des Rehs, strampelt dieses noch heftiger. Ich sehe die Panik in seinen Augen.

Mittlerweile hat der Mann vom kleinen Boot begriffen was abläuft, ist daran sein Klappvelo bereit zu machen und hat sich schon ein zusammen gerolltes Tau umgehängt. Mann ist wieder da und will eine gaffe, einen Bootshaken. Zusammen sausen die Beiden ab, wieder auf die andere Kanalseite. Das Reh befindet sich nun auf der Höhe einiger Fischer, die auf „meiner“ Seite ihre Köder baden. Viel Reaktion ist da nicht zu erwarten.

Die beiden Männer – zum Glück hat es hier Brücken, die nahe beieinander liegen – sind beim Reh angekommen. Nachträglich erzählt mir Mann, dass es so erschöpft war, es entschied sich nicht mehr gegen die Kanalmitte zu flüchten, sondern für die Option nahe beim (vielleicht rettenden) Ufer zu bleiben. Mit dem Bootshaken konnte er es am weiter schwimmen hindern und ermöglichen, dass man ihm das Seil umlegen konnte.

Ich sehe aus rund 200 Meter Distanz, wie es plötzlich spritzt wie wild, und die beiden das Tier rausziehen. Hurra!

Offenbar stand das Reh sofort auf, blieb einen Moment benommen stehen, sprang dann über ein kleines Bächlein und landete in einem Privatgarten. Nach ein paar Minuten, fasste es sich ein Herz und bewegte sich auf eine dichte, grosse Hecke zu, wo es verschwand.

Ich hoffe, es erholt sich gut und findet den Weg aus dem Dorf in den Wald. Wir waren jedenfalls ganz glücklich über diesen guten Ausgang.

Uff, das war wirklich aufregend. Ich begreife einfach nicht warum es nicht überall Ausstiegshilfen gibt. Weiter unten haben wir welche gesehen, aber hier gibt’s keine weit und breit und im Canal du Centre habe ich nirgends eine derartige Vorkehrung gesehen. Das wäre ja das mindeste, der Kanal zerschneidet die Wildwechsel schon genug.

Wir überlegen uns jetzt, wie wir uns vorbereiten könnten auf einen erneuten, ähnlichen Notfall. Ich würde mich absolut elend fühlen, wenn wir einfach zuschauen müssten, wie ein Tier langsam ertrinkt! Wir haben einen Kescher, aber der wäre für ein Reh zu klein. Ein Netz vielleicht?