Prozession in die falsche Richtung

Manchmal ist es ja ganz erstaunlich, was man so für Beobachtungen machen kann. Ich meine, wenn man viel Zeit und Musse hat, Menschen zu zuschauen. Ich liebe das! Und da ist ja noch dieses Gesetz, wie heisst es schon wieder? Murphy’s Gesetz: «Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonst wie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.» Genau.

Aber der Reihe nach. Weiterlesen „Prozession in die falsche Richtung“

Grrrhhh!

Gestern hatten wir einen schlechten Tag. Fehlte nicht viel, ich hätte abgeheuert.

Das kommt in den besten Familien vor? Ja, genau, und damit meine Leser-innen nicht etwa meinen, bei uns sei immer alles Friede-Freude-Eierkuchen (oder wie auch immer das heisst), schreibe ich heute über einen unserer weniger guten Tage.

Angefangen hat es eigentlich mit mir. Beim Aufstehen stellte ich fest, dass ich langsam etwas Schlafmangel habe. Wir stehen, für mich, jeweils etwas gar früh auf. Um der grossen Hitze am Nachmittag zu entgehen legen wir meist früh ab. Der Wecker meldet sich das erste Mal um 7.00h. Wir fahren meist so zwischen 9 und 10 Uhr los, dies wohlverstanden nach Hundespaziergang, Frühstück und Betten machen. Letzteres möchte ich hier betonen, da nach einem Beitrag über unseren Luxus vom einfach losfahren und nicht Koffer packen müssen, sich ein guter Freund von uns via Mail entsetzt hat darüber, dass wir auch mal losziehen ohne die Betten vorher in Ordnung zu bringen. Deshalb halte ich hier fest, J-P, wir machen unsere Betten jetzt immer, egal ob wir nun fahren oder nicht!

Wo war ich? Wir fahren also frühmorgens los, sind für 2-3 Stunden unterwegs, manchmal kommt am Nachmittag nochmals ein Stündchen dazu, je nach dem. Die Schleusen sind in dieser Gegend bedient und die VNF-Angestellten schliessen den Dienst zwischen Mittag und 13 Uhr. Muss alles etwas kalkuliert werden beim Streckenplan. Einmal am Ziel angekommen suchen wir uns ein schattiges Plätzchen und erledigen Liegengebliebenes oder geniessen einfach die langen Stunden bis in die Nacht hinein. Meist ist es für potentiell Schweisstreibendes sowieso zu heiss. Das neue kühl ist jetzt alles unter 30°C, aber das ist wohl in ganz Europa so.

Um losfahren zu können muss man erst mal ablegen. Normalerweise gehen wir die einzelnen Schritte kurz durch. Wer macht was und in welcher Reihenfolge. Je nach Situation, Wind oder Strömung passen wir es an. Gestern klappte das überhaupt nicht, und mit gutem Grund. In Ménétréol (kein Medikament oder Putzmittel, der Ort heisst tatsächlich so) sind die Quai-Mauern aus Zement und bis tief unters Wasser abgeschrägt. Unser Boot, mit seinem ziemlich eckigen Rumpf, muss also in einem gewissen Abstand zum Quai liegen, da es sonst auf dem Beton aufsitzen würde. Normalerweise löse ich als letztes beim Bug, werfe die Leine aufs Boot, stehe auf einem Bein an Land und dem Andern auf dem Boot, stosse ab und ziehe mich rauf. Beim heutigen Ablegen habe ich den Abstand zwischen Boot und Land nicht in Betracht gezogen, und auf einmal war ich noch an Land (zum Glück mit beiden Beinen!) und das Boot schon zu weit draussen um noch irgendwas zu korrigieren. Null Chance noch an Bord zu kommen. Mann allein auf dem Boot, enge Manövrier-Verhältnisse, leichter Seitenwind, Hunde sehen mich am Ufer zurückbleiben und fangen an zu nervöseln. Ein Boot ist kein Auto und unser Boot hat keinen Kiel; es dauerte einen Moment, bis Mann wieder nahe genug war, damit ich aufspringen konnte. Schliesslich klappte es doch noch und wir fuhren los. Wir waren beide zwar schon etwas auf 100, konnten uns aber wieder beruhigen. Gegen Mittag legten wir an einer hübschen Escalade, einer Anlegestelle ohne Strom oder Wasser, aber mit Pic Nic – Plätzen und Schatten, an. Ein toller Platz, aber ebenfalls mit schrägen Mauern, leider. Das Problem beim Anlegen ist einerseits, dass Mann nicht sehen kann, wie weit wir genau vom Ufer weg sind, er kann eventuelle Hindernisse im Wasser nicht erkennen und auch ein etwaiges anderes Blödes wie Algen oder zu flache Stellen nicht sehen. Vom seinem Standpunkt am Steuer aus sieht Anlegen wie Anlegen aus, Punkt. Ich jedoch steh am Bug und melde was ich sehe. Dirigiere ihn auch mal zurück, oder vor, sage ihm er soll langsamer fahren oder sofort stoppen (also voll rückwärts fahren, bei einem Boot geht das nicht anders), oder – superschlimm – verlange sogar, die Übung abzubrechen und einen besseren Platz zu suchen. Fazit: er wird ärgerlich weil er das Gefühl hat, ich wisse nicht was ich wolle.  Ich bin sauer (meist laut) und Mann wird auch sauer (meist still aber mit entsprechendem Gesichtsausdruck). Irgendwann endlich sind Bug und Heck festgemacht und dann trinken wir ein Bier am Schatten und die Stimmung hellt sich langsam wieder auf. Das ist, in Kurzform, die schlechter-Tag-Version des An-oder Ablegens.

Gestern haben wir diese Tragik-Komödie in Varianten ganze dreimal durchgezogen. Ein unglaublich mieser Tag. Meist schaffen wir es nämlich ganz locker und gut gelaunt festzumachen, resp. abzulegen, und höchstens ein Mal ein wenig herumzuschnauzen, höchstens! Wenn es so perfekt läuft, dann ist das ein guter Tag und jede betroffene Anlegestelle wird somit gleich noch schöner. Diese optimalen Orte markiere ich unserem Führer als «schöner Platz». Gestern gab’s keine solche Notiz.

Bis am Abend kehrte aber wieder Ruhe und Frieden ein und Herry, unser Übernachtungsplatz gestern, ist wirklich schön und am Abend schön schattig. Das kühlt runter. Bin wieder ganz ZEN.