Alles Gute und gute Reise

Diese Osterzeit wird bei uns etwas traurig ausfallen: unser Papi hat uns verlassen. Nach 15 langen Jahren des Lebens in einer geistig stets dunkler und unverständlicher werdender Welt, durfte er ohne langes Leiden sterben.

Aber was wissen wir schon

Alzheimer ist eine gemeine Krankheit. Wir stellen uns einfach vor, dass der Geist sich langsam immer mehr verabschiedet und im Hirn immer mehr Funkstille und grosse Leere herrscht. Vielleicht machen wir uns dies viel zu einfach. Für Angehörige ist es schwer, zu sehen, wie die Kommunikationsfähigkeit unaufhaltsam abnimmt. Aber nicht mehr reden, sich ausdrücken, die Bedürfnissen anmelden können, nicht mehr auf Schmerzen oder auf seelische Verzweiflung aufmerksam machen zu können ist vielleicht nicht gleichbedeutend, dies auch nicht mehr zu empfinden! Was wenn?!

In den letzten Jahren war es sehr schwer, irgendwie zu ihm durchzudringen. Er pendelte zwischen Schlafen über Teilnahmslosigkeit zu plötzlichem Strahlen und sichtlicher Rührung. Schön zu sehen, aber für uns eigentliche, richtige Tiefschläger. Zweifel, Ratlosigkeit und schlechtes Gewissen waren mir jahrelange Begleiter. Und nun ist er fort.

Ein grosser Teil seines Wesens hatte uns jedoch schon vor Jahren verlassen. Wie kleine Schmetterlinge stiegen Fröhlichkeit, Esprit, Humor und seine unbändige Neugier auf Neues eins ums andere von ihm auf um sich sogleich ins Nichts aufzulösen. Zurück blieb die für uns sichtbare Hülle.

Ich hätte ihm so ein schönes Alter gewünscht. Ein Alter in dem er immer noch in seinen geliebten Bergen wandern und seine künstlerische Ader ausleben könnte. Seine Geselligkeit würde ihn mit vielen weiteren Menschen in Kontakt bringen. Er würde weiterhin ständig neue und ziemlich schräge Interessen entdecken. Seine Kinder und Enkel würden von ihm oft und gerne besucht. Er würde reisen oder einfach seine schöne Wahlheimat geniessen können, Gäste haben und diesen leckere Gerichte, selbst gemachtes Brot und Wein aus der Umgebung anbieten; Draussen unter der weinbelaubten Pergola am Granittisch. Leider war ihm dies alles in seinen letzten Jahren nicht vergönnt. Das ist gemein und nun hat er sich einfach weggestohlen.

Von Herzen Gute Reise, lieber Paps. Wohin diese auch immer führen mag!

Bitter-süss

Demenz ist eine gemeine Krankheit! Vor allem wenn es unsere Lieben betrifft, die sich langsam und über Jahre geistig verabschieden. Als bei meinem Vater vor bald 15 Jahren die erste Anzeichen auftraten, realisierten wir nicht gleich, womit wir es da zu tun bekommen werden.
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Auf einmal sind sie wieder da

Klatschmohn wirkt bei mir wie ein Trigger, ein Auslöser. Der Anblick von Mohnblumen ruft umgehend die verschiedensten Kindheitserinnerungen wach!

Mohn finden wir heute ja wieder vermehrt in Feldern und an Wegrändern. Zum Glück, sind diese Wildblumen doch jahrelang, jahrzehntelang, verschwunden gewesen. Ich habe sie vermisst, diese fröhlich roten und irgendwie doch ernsten Blumen, die jedes Kornfeld zum Gemälde verwandeln. Fehlen noch die Kornblumen, die haben sich noch nicht erholt und sind leider noch viel zu selten anzutreffen. Vielleicht haben wir die Kornblumen auf immer verloren?

Damals, mit etwa 5, 6 Jahren erlebte ich mit Mohnblumen eine meiner ersten bitteren Enttäuschungen, an die ich mich lebhaft erinnern kann. Begeistert pflückte ich sie an einem heissen und staubigen Wegrand irgendwo in der Lombardei, wo wir damals wohnten. Man sagte mir, ich solle das lassen, weil sie die Heimfahrt nicht überdauern würden. Ich glaubte es nicht, aber sie hatten recht. Zuhause hatte ich bloss noch Blütenblätter und nackte Stiele. Diese Enttäuschung und mein Unvermögen, die Blumen am Leben zu erhalten, grub sich irgendwie tief ein. Sonst würde ich mich kaum daran erinnern.

Mohnblumen stehen irgendwie für diese Jahre in Italien. Unser Vater, der zwar in einer Stadt aufgewachsen war, aber viel Zeit auf dem Hof seiner Grossmutter im Zürcher Weinland verbracht hatte, verfügte über einen unerschöpflichen Fundus an Jungenstreiche und typische Beschäftigungen für Jungs. Er brachte uns drei Mädchen alles bei und hatte selber einen Riesenspass daran. Wir sogen das natürlich nur so rein, auch wenn unsere Mutter das nicht immer lustig und gescheit fand. Vier gegen eine.

Begeistert bliesen wir Konzerte auf Grashalmen, fingen allerlei Getier und beobachteten, wie sich Schmetterlinge und Frösche entwickeln, stauten Bäche und dümpelten in ausgedienten Pneus seichte Flüsse hinunter. Wir bauten im Sommer ein Floss, im Winter einen Holz-Bobsleigh. Wir rasten auf Plastiksäcken verschneite Hänge hinunter, lernten nach Steinzeitart richtig Feuer zu machen, bauten Asthütten im Wald und Iglus auf tief verschneiten Alpwiesen. Die Winterferien verbrachten wir im Bündnerland in Hütten ohne Strom und Zentralheizung und die fast 3 Ferienmonate im Sommer campten wir an den oberitalienischen Seen, derweil Papi in Mailand arbeitete und am Wochenende zu uns stiess. Hier lernte ich mit Vier schwimmen und tauchen. Unser Vater war da nicht zimperlich; er ging einfach immer weiter mit mir hinaus und spielte mit mir „Frösche“. Mami war wohl grad nicht am Strand. Wir legten Münzen auf Bahngeleise um sie plattwalzen zu lassen und waren traurig, weil wir sie nie wiederfanden. Die Züge waren seit der Jugendzeit meines Vaters wohl ein wenig schneller geworden und der Trick funktionierte nicht mehr! Ich sehe uns heute noch alle vier in den Wiesen herumkriechen und suchen.

Alles das kam heute wieder aus den Tiefen meines Gedächtnisses hoch, bloss wegen des Fotos der Mohnblumen, das Mann von seinem Morgenspaziergang mit den Hunden zurückgebrachte! Ich denke an alle diese Erlebnisse und an meinen Vater, der dies alles nicht mehr weiss. Er ist dieses Jahr 90 geworden und befindet sich in einem weit fortgeschrittenen Stadium von Alzheimer. Aber vielleicht, vielleicht erinnert er sich ab und zu doch noch an etwas Schönes und wir merken es nur nicht.

Übrigens: Mohnlumen heissen auf Französisch coquelicots (gesprochen kokelico), eines der süssesten französischen Wörter die ich kenne! Ich sehe buchstäblich die fragile Blume; ein Windhauch und die Blütenblätter segeln davon.

Italienisch papavero (Betonung auf der 2; Silbe), klingt weniger luftig und leicht. Vielleicht empfinde ich deshalb die Mohnblume als ernst.

 

 

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