Zurück bleiben nur die Originale

Das fast stets miese Wetter diesen Winter hat dazu geführt, dass viele hier im Hafen das Handtuch geworfen haben und geflüchtet sind. Nach und nach verlieren wir unsere (menschlichen) Nachbarn, zurück bleiben nur die Boote, ein paar Unverbesserliche, ein paar Originale und wir. Wobei man uns wohl zu einer der zwei vorherigen Kategorien fügen kann. Bin mir nicht ganz sicher, zu welcher.

Wir haben eine geschlossene Facebook-Gruppe des Hafens und dort werden wir von diesen „Zugvögeln“ bombardiert mit tollen Bildern am Strand, Barbecues unter freiem Himmel, schönen Mittelmeer-Städtchen, tropischen Inseln oder exotischen Ländern. Ja sind wir denn blöd, hier auszuharren?  Ein Winter in einem halbverlassenen Küstenort im Süden Europas mit fast ausschliesslich pensionierten Kälteflüchtlingen wäre allerdings jetzt auch nicht grad mein Traumziel. Jetzt sind wir doch schon Ende Februar und ich bin überzeugt, wenn wir heute das Boot noch schnell frostsicher machen würden um für ein paar Wochen abzudüsen, bräche umgehend der Frühling an hier und wir könnten tatsächlich früh weg um die letzten Arbeiten am Boot vornehmen zu lassen um dann zügig in eine lange Cruising-Saison starten zu können. Aberglaube hin oder her, wir haben entschieden zuzuwarten. Auf nächsten Winter können wir immer noch etwas Besonderes planen, vielleicht mal ein richtiger Winter in Schweden? Gefahr besteht allerdings, dass es hier dann einen tollen, milden Winter gibt mit vielen Sonnentagen. Was solls.

Von anfänglich etwa 20 Personen sind wir noch rund die Hälfte. An unserem Steg D (nur C und D sind wintersicher) sind wir jetzt noch 4½ Boote, die bewohnt sind.  Das halbe Boot deshalb, weil der Eigner, Typ alter Seebär, auch noch eine Wohnung hat und sich die Zeit zwischen den beiden Orten aufteilt. Wir kennen ihn nur vom sehen. Er zählt also nur halb.

Ausser uns ist noch ein französisches Paar hier, das seit 18 Jahren sein Boot um- und fertigbaut (!). Ich finde sie beide sehr sympathisch; wir laden uns gegenseitig ein  und verbringen sehr lustige Stunden miteinander. Die Abende, die wir zusammen verbringen sind stets sehr kurzweilig und inzwischen kennen wir uns schon recht gut. Sie wollen dieses Jahr bis über Berlin hinaus fahren. Ich bin schon heute gespannt auf die Berichte. Die Fertigstellung des Bootes ist wohl ein ewiges (Kampf)Thema der beiden. Ich würde da mal Gas geben und alles fertig stellen. In einer ewigen Baustelle zu wohnen, wäre nichts für mich! Aber jedem sein Ding; ist ein freies Land hier.

Weiter haben wir ein in Scheidung lebender Familienvater mit komplizierter Geschichte; bin nicht sicher ob ich alle Details begriffen habe. Er ist noch gar nicht so alt für vier Kinder und wirkt ziemlich desillusioniert und müde. Das Leben auf dem Boot ist wahrscheinlich die günstigste Lösung für ein plötzlich sehr verteuertes Leben. Er arbeitet viel in einem Lehramt und hat auch die Kinder ab und zu. Meist pendelt er aber hin und her zwischen seinem Wohnort, dem Wohnort der Kinder, wo er sie zur Schule bringt oder abholt, und seinem Arbeitsort, in einer dritten Stadt. Ich wäre da auch müde. Aber echt!

Schliesslich ist da noch einer und der ist ein echtes Original. Der wohnt alleine mit seinem Hund auf seinem ziemlich kleinen und deswegen auch ziemlich vollgestopften Boot; alle drei gehen unter demselben Namen, den ich hier jetzt nicht nennen will.  Einfachheitshalber, wie er meint. Nennen wir sie alle drei Harry. Ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass Boote eigentlich weiblich sind. Harry für ein Boot hört sich für mich irgendwie seltsam an. Ausserdem ist der Hund auch eine sie, und das ist noch merkwürdiger. Sie, die Harry? Komisch. Immerhin ist der Bootsbesitzer eindeutig männlich. Wir haben ihm vor Wochen eine Flasche Wein zum Geburtstag geschenkt. Dass es sein Geburtstag war, hatte er uns glücklich wie ein kleiner Junge erzählt. In der Folge kamen wir 10 Tage lang in Genuss von Gerichten, die er für Vier gekocht hatte: Für sich und seinen Hund, und für uns. Als Dank für den Wein! Er ist ein guter Koch, aber das war uns dann mit der Zeit dann doch fast ein wenig peinlich. Noch heute bringt er uns ab und an zu essen; und wir sehen ganz bestimmt nicht ausgehungert aus!

Eine seltsame Gemeinschaft also hier auf unserem Ponton D. Menschen die wir, wären wir „zu Hause“ geblieben, nie und nimmer kennen gelernt hätten. Natürlich gibt es sie überall, nur kommt man einfach gar nicht in Kontakt. Hier hingegen ist es so eine kleine Welt, wie eine Insel! Ich finde das toll und Horizont erweiternd. Es ist ja nicht für immer. Es gehört aber einfach dazu, wenn man seine Komfortzone verlässt von Allerlei herausgefordert zu werden und sei es bloss durch die Nachbarschaft einiger Originale oder die eigene, langsame Verwandlung hin zu Sonderlingen. Hoffentlich netten Sonderlingen!

 

 

 

Kulturschock V: Liebe Verpackungs-Designer

oder Verpackungsingenieure oder was auch immer für eine Bezeichnung korrekt ist: Ich habe Mühe mit den Verpackungen in Frankreich!

Ich glaubte damit schon in der Schweiz Probleme zu haben. Aber das war noch gar nichts! Ich rede hier nicht von irgendwelchen Gadgets, die auf Teufel komm raus und guck mich nur an verpackt sind. Ist mir klar, dass solche Sachen auch mal einfach so ausgepackt und in die Tasche gesteckt würden ohne diese Fort Knox-Verpackungen. Nein, hier geht es um Verpackungen von Lebensmitteln, also Reis, Kaffee, Salz, Schinken und so weiter. Falls es mal durch die Presse geistert, in Frankreich sei ein Mensch neben einer Packung mit Lebensmittel Hungers gestorben, KEINE Fake News! Wahrscheinlich handelt es sich dabei sogar um mich.

Ich verstehe nicht, weshalb es auf einer Müesliriegelpackung heisst „hier aufreissen“ und wenn ich das tue, habe ich zwar ein Stück Plastik in den Fingern, aber immer noch keinen Zugang zu meinem Riegel. Und, pardonnez-moi monsieur, nein, ich habe nicht immer grad einen kleinen aber gut ausgestatteten Werkzeugkoffer dabei!

Innerhalb der letzten Woche habe ich mit einer Kaffee- (wir kaufen Kaffeebohnen, ja das gibt’s noch), einer Reis-, einer Müesli, einer Salz-, Mehl und heute für den Brunch mit einer Lachsverpackung gekämpft. Gerade bei Tüten wie für Kaffee oder Reis bin ich es gewohnt, dass man die Schweissnaht mit einigem an Kraft seitlich auseinander ziehen kann; es entsteht eine Art Ausschütte und man kann bequem in eine Vorratsdose umschütten. Französische Tüten lassen sich mit viel Mühe auch so öffnen, nur einfach irgendwie dort wo das Material am schnellsten nachgibt. Reis und Kaffeebohnen all over the place! Beim Salz kann ein kleiner vorgestanzter Halbmond eingedrückt werden. Genial. Nur leider bringt man die eingedrückte Klappe nicht raus und beim Schütten blockiert dieses Stück Karton (Pappe für De) die Öffnung. Es kommt Salz aus jeder Leimlücke des Kartons, nur nicht dort wo man damit gerechnet hat. Salz all over the place! Mehl. Mehl! Schrecklich. Mehl ist in Papier verpackt, voll verklebt. So eine Verpackung zu öffnen ohne dass etwas daneben geht? Null Chance! Mehl all over the place! Schliesslich heute früh der Fisch: Artig wie ich bin, ziehe ich dort wo man mir sagt ich solle das tun. Der schmale Plastikstreifen, der abkam, brachte mich nicht zum Ziel. Lachs immer noch nicht zugänglich. Natürlich kann ich mit der Schere nachhelfen; Mit dem Ergebnis, dass die Schere und meine Hände fettig sind und die Verpackung kaputt. Immerhin habe ich mich diese Woche weder geschnitten noch aufgespiesst!

Also, liebe Verpackungskünstler der Grande Nation: denkt beim Entwerfen an all die Leute die alt und gebrechlich sind, Arthrose in den Fingern haben, nicht gut sehen, es eilig haben, oder sich einfach etwas dumm anstellen wie ich es offenbar tue. In Frankreich gibt es Bücher über die verschiedensten Themen, wie Philosophie, Briefmarken, Sprachen, Mathematik, Gemüsegärtnern, den Koran, die Astrophysik… für Voll-Laien (les nuls). Sie heissen  XY pour les nuls, ABC pour les nuls usw.  In diesen Büchern ist wirklich alles gut, einfach und in nicht-akademischer Sprache erläutert. Die Bücher sind toll für so einfach gestrickte Personen wie mich. Wie wäre es jetzt einmal mit „Verpackungen pour les nuls“ ??? Bitte, bitte!?

Die Kälte kommt

Die nächsten Tage und vor allem Nächte wird es hier sehr kalt werden. Auch sehr kalt, müsste ich eigentlich sagen, denn es betrifft ganz Europa. Für alle, die auf Booten leben hat dies aber noch eine zusätzliche Bedeutung. Anders als in Häusern und Wohnungen machen wir uns nicht bloss Gedanken, ob wir es drinnen warm und kuschelig genug haben werden.

Heute Vormittag kam der Hafenmeister vorbei um mitzuteilen, dass am Nachmittag das Wasser abgestellt wird. Anders als am Stromnetz, sind wir in Bezug auf Wasser nicht direkt am Versorgungsnetz angeschlossen, sondern füllen regelmässig unsere Tanks und beziehen den täglichen Bedarf daraus. Ich habe dies in anderen Beiträgen schon beschrieben. Wir füllten also heute Morgen unseren Wassertank. Dies tun wir so alle 7-10 Tage. Vor Allem die Waschmaschine verbraucht einen rechten Teil des Wasservorrats. Diese wird in den nächsten Tagen demnach ganz sicher Zwangspause haben. Auch sonst ist ein überlegter Wasserverbrauch anzuraten. Man wir sich auf einem Boot sehr schnell bewusst, wieviel Wasser da eigentlich von uns verbraucht und vergeudet wird! Wasser laufen lassen während des Zähneputzens? Ewig duschen? Nada!

Unser Trinkwasser beziehen wir ebenfalls vom Versorgungsnetz; nicht aus dem Tank, wir füllen separat direkt vom Wasserhahn ab. Da ist unsere Vorratsmöglichkeit begrenzt. Bislang war Mineralwasser keine Option; ich bin nicht dafür, Wasser in der Landschaft herum zu karren solange Trinkwasser direkt Haus geliefert wird. Das Wasser hier schmeckt nicht gerade nach frischem Quellwasser, aber es ist trinkbar und unbedenklich. Wenn es lange kalt bleiben sollte, müssen wir wohl trotzdem auf Plan B zurückgreifen: Mineralwasser schleppen.

Wasser gefriert, wenn es unter 0°C ist. Bewegtes Wasser braucht ein bisschen länger. Unsere Tanks und Leitungen liegen alle im Bauch des Boots unter der Wasserlinie. Wenn es sehr kalt wird, erfahrene Boaters sagen unter -5°C, müssen wir also entweder Frostschutz beifügen oder den Schiffsbauch warm halten. Da wir hier wohnen wird geheizt. Natürlich ist es im Rumpf unten viel kühler als in den Wohnräumen, ähnlich eines Kellers. Aber wir machen uns schon Gedanken, wie wir eventuelles zu grosses Abkühlen verhindern können. Ein Rohrbruch ist das Letzte das wir riskieren wollen!

Letzte Nacht, da fiel das Thermometer schon einige Grade unter 0, haben wir die Temperatur im Motorraum gemessen. Um 6 Uhr, hatten wir oben noch knapp 16°C (da schläft man herrlich!) und unten 8°, ziemlich beruhigend also. Heute Nacht versuchen wir die Wirkung zu testen, die eine leichte Heizung erzielt, indem wir einen der Ölradiatoren runter stellen und die Nacht durch auf niedriger Stufe laufen lassen. Einfach um herauszufinden, ob das bei -10°C oder mehr auch genügen würde. Ich denke, das kann man mit diesem Test abschätzen. Hoffe ich. Hoffe ich!!

Mit der Nachricht der kommenden Frosttage ist hier auf den Pontons ein wenig Aktivität. Die, die ihr Boot alleine überwintern lassen, kommen für eine Kontrollgang. Nichts vergessen? Alles dicht? Parat für eisige Tage? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Niemand will sein Boot sinken sehen. So sind wir alle – wir eh, es ist unser allererster Winter auf einem Boot – etwas angespannt. Drückt uns die Daumen, dass WIR nichts vergessen haben, danke!

 

 

Miss Giftspritze

Folge von Hunde(v)erziehung

Nun ist es schon eine Weile her, dass wir konsequent unser Verhalten umgestellt haben und verfahren wie wir es uns vorgenommen haben. Wir arbeiten an uns selber und bemühen uns möglichst locker und leichten Herzens auf die Spaziergänge mit den Hunden zu gehen. Wir weichen Stress-Situationen nicht aus sondern versuchen die Kleine (der Grosse ist alleine ja problemlos) positiv zu stimmen bei Begegnungen mit Hunden und Spaziergängern.

Die anfänglichen Käsehäppchen konnten schon ausgetauscht werden mit normalen Hundebiskuits. Es gibt so lange Streifen aus gepresstem Fleisch-Getreidemix, sozusagen Müesliriegel für Hunde. Die duften ganz toll (sogar für uns, so würzig nach Wurst) und lassen sich gut unzerteilt in der Jackentasche mitnehmen, um bei Bedarf in winzige Stücke gebrochen zu werden. Diese sind nun immer mit dabei.

Anfänglich, das war noch bevor ich vor einer guten Woche den 1. Teil schrieb,  liess sich die Kleine nur bedingt ablenken durch die Goodies. Sie bestand darauf ihr Gift in der Gegend herum zu spritzen und ja keinen Hund oder Menschen zu verpassen. Deshalb zu Beginn der Käse als Superfood. Nach und nach hat sie aber begriffen, dass wir ganz Leckeres mitführen. Wir konnten sie von der Fixierung lösen und sie buchstäblich „an der Nase lang“ am problematischen Objekt vorbei führen. In der ersten Phase wurde sie durch das Manöver durchgefüttert, nach Möglichkeit jeden Tag in etwas grösseren Abständen. Das ist für uns fast Schwerarbeit; sie ist nicht sehr gross und wir müssen uns bücken um ihr etwas zu geben. Sie soll sich ja nicht angewöhnen hochzuspringen! Wir sind also nicht gerade elegant unterwegs, aber jede Eitelkeit muss jetzt mal hintenan stehen! Inzwischen weiss sie ganz genau um unsere kulinarische Fracht und kann sich gut konzentrieren. Sie hat die Verknüpfung Hund/Spaziergänger = tolle Aussichten etwas zum Fressen erhalten eindeutig gemacht.

Heute war einer der besten Tage seit ewigen Zeiten. Mehrere uns passierende Spaziergänger, ob in Gruppen oder Einzelpersonen, wurden nicht beachtet. Eine Katze wurde interessiert beäugt, aber ohne das mindeste Zerren an der Leine. Schliesslich schaffte sie es angeleint an einem Hund vorbeizugehen, ausser einem kurzen Knurren keine Reaktion. Kein Keifen oder Zerren! Natürlich wurde sie jedes mal für ihr gutes Benehmen überschwänglich gelobt und kriegte auch ihr Goodie. Wir freuen uns sehr über diesen Teilerfolg und auch über die Bestätigung, dass wir mit unserer Taktik richtig liegen. Wir selber fühlen uns auch besser und weniger unter Druck.

Alle paar Tage machen wir ein wenig Hundesport und auch in den Spaziergängen bauen wir die eine oder andere Übung ein: mal eine Bleib-Übung hier, eine Such-Übung da. Die Kleine wirkt viel ruhiger und behält uns auch besser im Auge. Sie lässt sich wieder ganz toll abrufen und ist sehr anhänglich (auch ohne Fressen). Wir sind also auf dem richtigen Weg. Juhuuu!

 

 

Reisefieber

Jetzt wird es langsam ernst: unsere Abfahrt vom Port Royal kommt immer näher. Auch wenn das genaue Datum noch nicht steht, die Vorfreude ist gross und etwas Vorausplanung kann nicht schaden.

Für französische Flüsse und Kanäle gibt es ganz wunderbare Führer, nach Regionen aufgeteilt. Wenn ich richtig gezählt habe gibt es deren 18 solche Hefte in denen die rund 10’000 km schiffbare Wasserwege in diesem Land dokumentiert werden. Da diese Unterlagen auch jedem ausgehändigt werden, der ein Ferienboot mietet, ist jede Menge an grundsätzlichen Informationen darin enthalten. Die Verkehrsregeln werden erklärt, die Bedeutungen der Signalisationen und Ausschilderung. Es ist auch beschrieben wie man schleust, wie man festmacht usw.

Kleiner Einschub:

Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich viele der Urlauber vorbereiten, es sieht manchmal wirklich nicht danach aus. Die Bootsverleiher instruieren die Mieter meist oberflächlich (ist ja ganz einfach, wie Autofahren) und die Urlauber, verständlich, sind meist auch sehr ungeduldig und wollen das Ding endlich in ihre Hände kriegen und los schippern. Deshalb wohl haben wir schon Boote davor bewahrt sich in einer Schleuse aufzuhängen (die Urlauber haben es festmachen wollen), unzähligen geholfen anzulegen und festzumachen (habe mir vorgenommen, mal eine Fotoserie von fantasievollen Knoten zu lancieren) und mehrere Augen zugedrückt, wenn sie in uns reingefahren sind (kein Problem, wir sind aus Stahl und stärker als diese Plastikdinger). Also, falls dies jemand lesen sollte, der Bootsferien gebucht hat: diese Führer sind wirklich gut und es ist angenehm, wenn man sie zumindest schon mal durchgelesen hat und sich etwas Basiswissen vor der Abreise aneignet. Und es ist nicht wahr, dass man die Boote ohne Ausweis fahren kann; der Ausweis wird vom Vermieter für die Zeit des Urlaubs mit dem Boot verliehen! Gut, das war jetzt so einer meiner Zeigefinger-Ausrutscher, aber das musste mal raus.

Zurück zum eigentlichen Beitrag heute

In diesen Führern ist alles Relevante für eine Bootsreise beschrieben. Die Brücken sind abgebildet. Wir können also zum Voraus wissen, wie hoch die Durchfahrt ist, an welcher Stelle durchgefahren werden muss und ob es irgendwelche Besonderheiten gibt wie eine Sandbank, Wirbel oder Seitenströmungen…). Die Schleusen haben Symbole aus denen man herauslesen kann ob bedient, welches Automatiksystem eingebaut ist oder etwa sogar selber gekurbelt werden muss. In letzterem ist es von Vorteil, wenn man schon weiss wie eine Schleuse Ûberhaupt funktioniert ;-). Die Anlegestellen und Häfen sind beschrieben und man weiss genau welche Serviceleistungen erwartet werden können, Strom, Wasser, Tanksäule, ob es einen Supermarkt hat, Restaurants etc. Im Weiteren sind alle Wasserläufe mit PK markiert (Kilometermarkierung) und zwar auf der Karte und am Ufer. Dies erlaubt es a) leicht Tagesstrecken zu planen und b) zu wissen, wo man sich befindet im Falle eines Notfalls – so man denn nicht einfach ins Blaue fährt und nie auf die Karte guckt, was ich nicht empfehlen würde. Wir haben schon Urlauber auflaufen sehen, anderen heftig  gehupt, weil die sich die Schwellen offenbar von ganz nah anschauen wollten. Ei,ei, das wird teuer!!!  Zu unsere Schande muss ich hier jetzt aber auch gestehen, dass wir mal ein Sonnendach an einer Brücke beschädigt haben. Wirbel und Seitenwind. 😦

Das Beispiel einer Seite mit Flusskarte, Markierungen von Besonderheiten, Zeichnungen der Brücken etc. Auch die PK-Punkte sind zu erkennen, von Punkt zu Punkt ist immer 1 Kilometer
Das Beispiel einer Seite mit Flusskarte, Markierungen von Besonderheiten, Zeichnungen der Brücken etc.

Also, bei uns sind nun diese Führer ausgelegt und wir reisen mit Fingern und Massstab schon mal etwas voraus. Wir haben zwar einen Tiefgang von nur einem Meter (nur bei der Heckschraube) aber wir sind hoch! Wir müssen sicher sein, dass eine ganze Kanalstrecke von uns befahren werden kann ohne dass wir streifen. Es gibt auch Kanaltunnels, für diese habe ich einen Querschnitt des Boots gezeichnet und sicherheitshalber übertrage ich die in jede Tunnelzeichnung. Keine Lust da mal stecken zu bleiben! Schlimmstenfalls können wir die Streckenwärter von VNF (Voies Navigables de France) bitten, für uns den Wasserstand vorübergehend abzusenken, cool, nicht?

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete und macht auch Spass. Wir werden an vielen interessanten Stellen und Sehenswertem durchkommen, und nicht alles wird direkt vom Wasser aus zu sehen sein. Dafür hat es Kurzbeschriebe in diesen Führern und so kann man schon ein wenig die Halte oder Tages-Etappen planen. Natürlich fixieren wir nicht alles, das wäre ja schlimm: sind wir jetzt endlich einmal frei und unbeschwert, wollen wir uns sicher nicht erneut in ein Korsett zwingen. Aber etwas weise Voraussicht muss sein.

Unser Nachbar: der Kormoran

Endlich. Der hat’s uns wirklich schwer gemacht. Seit Wochen versuchen wir ihn zu erwischen, natürlich nur fotografisch. Er hat ein gutes Timing. Er kommt meist angeflogen, wenn ich am Kochen bin, am Haare föhnen, was auch immer. Ich habe immer noch die Hoffnung, ihn mal im Wasser beim Fischen fotografieren zu können. Aber um wirklich gute Bilder zu schiessen, müsste man wohl stundenlang ansitzen.

Er ist sehr scheu und macht sofort rechtsumkehrt, kaum sind wir zu nah oder bewegen uns zu brüsk. Ich bin überzeugt er kennt uns, sieht uns durch die Fenster und hat längst verstanden, dass wir keine wirkliche Gefahr für ihn sind. Und doch traut er uns nicht über den Weg.

Ich habe in der Zeit unserer oberflächlichen Bekanntschaft einiges über Kormorane gelesen. Gerade eine Schönheit ist dieser Vogel ja nicht. Aber seine Erscheinung geht sicher nicht unbemerkt durch. Seine Eigenart, in Gruppen mit offenen Flügeln auf einem schwimmenden Baumstamm oder sonst einer Unterlage zu sitzen, fällt schon auf. Dann ist er im Wasser schwimmend bedeutend „tiefergelegt“ als jeder andere Wasservogel den ich kenne. Für seine Fähigkeit innert Kürze in mehreren Tauchgängen jedes Mal einen dicken Fisch zu fangen muss ich ihn einfach bewundern. So enorm effizient; Kein Wunder ist er bei Fischern nicht gerade beliebt! Unser Kormoran kam eine Weile lang mit einer Partnerin her, in letzter Zeit aber wieder allein. Er fischt stets zwischen uns und dem Nachbarboot. Da ist ein Bootsplatz frei. Scheint ein sehr ergiebiger Jagdgrund zu sein, also bitte nicht weitersagen.

Diese Bilder hier hat alle Mann aufgenommen. Als ich es das letzte Mal versucht habe, habe ich des Kormorans ersten Tauchgang dazu benutzt mich fotofertig zu positionieren. Wo er wieder auftauchen würde war nicht abzuschätzen, und weder er noch ich haben erwartet, dass das nur eineinhalb Meter von einander entfernt sein wird. Wir waren beide so erschrocken, er war weg bevor ich überhaupt reagieren konnte. Die Bilder, die ich schlussendlich doch noch schoss, zeigten bloss etwas verwischtes Schwarzes aus dem Bild fliegen. Schade, ich war so nahe dran!

Kulturschock IV: C’est compliqué!

Seit Ende 2017 wohnen wir offiziell nicht mehr in der Schweiz und geben uns wirklich alle Mühe, uns hier in Frankreich erfolgreich niederzulassen. Theoretisch absolut kein Problem. Bis man zum praktischen Teil kommt.

Mit dem Praktischen schlagen wir uns nun seit Anfang Jahr herum. Offiziell ist die démarche, das Vorgehen, ganz klar. Aber das Ganze ist irgendwie verbandelt mit der sécurité sociale und mit der carte vitale (Sozialwesen und Gesundheitskarte). Bevor wir überhaupt mit dem Prozess in Frankreich beginnen konnten, mussten wir in der Schweiz unsere internationale Krankenversicherung organisieren. Wir haben diese Lösung gewählt weil wir mit dem Hausboot in ganz Europa unterwegs sein werden. Das war easy und schnell erledigt.

Ohne gesundheitliche Absicherung, keine Niederlassung. Kein Problem. Seit Anfang Januar ist das entsprechende Papier für die französischen Behörden bereit. Dazu jede Menge persönliche Papiere im Original (Bescheinigungen dass und wo wir geboren sind, gewohnt haben, Gehalt bezogen, Steuern bezahlt, Gas und Wasserrechnungen beglichen haben, zum Frisör gingen und bitte nicht vergessen, die Schuhgrössen anzugeben).

Es ist uns ja klar, dass Frankreich keine zukünftigen Sozialhilfebezüger reinlassen will. Kein Problem. Die Papiere sind seit Mitte Januar beim Gesundheitsamt, persönliches Erscheinen war Pflicht. Merke: wir haben ein Boot aber kein Auto. Die Meldestelle befindet sich 2 Bahnstunden von hier! Dass wir theoretisch bereits in und über Frankreich hinaus versichert sind, ist nicht relevant. Es braucht die carte vitale! Kein Problem. Die Krankenversicherung in der Schweiz möchte einfach innert nützlicher Frist eine Bestätigung haben von der erfolgreichen Anmeldung im französischen Gesundheits-System.

Nachdem die verantwortliche Stelle in Frankreich den Antrag und alle Papiere für genügend befunden und 100 mal abgestempelt hat, hatten wir uns vorgenommen, regelmässig nachzufragen, wie es unserer künftigen carte vitale denn so gehe. Gestern war dieser erste Erinnerungstag. Nachdem wir endlos mit Computern geredet und Ziffern gewählt haben, die unserem Anliegen wahrscheinlich am ehesten nahekamen, zweimal im falschen Département (mais non, vous vous êtes trompé du département, c’est Paris ici hahahhaha), gelandet sind – blöde Computer – gelangten wir doch mal an die richtige menschliche Stimme, dies nur um zu hören, dass das Vorgehen für Zuzügler in Rente gaaaanz anders sei und keine Ahnung wo sich jetzt unsere Papiere befinden würden! Ich dachte, Mann fällt in Ohnmacht (er ist französischer Muttersprache, deshalb kommt ihm die Ehre zu, den aktiven Teil zu spielen, der Arme).

Heftige Aufregung bei uns also und Riesenfrust. Weitere Abklärungen waren nicht mehr möglich; über die telefonische Endlosschlaufe >idiotische Melodie – „Sie werden sofort bedient sobald….“ – idiotische Melodie< kamen wir nicht hinaus. Heute haben wir die Internationale Krankenversicherung in Genf angerufen, um zu melden, es gehe noch lange bis die gewünschte Bestätigung bei ihnen eintreffen würde und wir zudem eine neue Version des Vorgehens erklärt erhalten hätten. Die Dame in der Schweiz hat buchstäblich Tränen gelacht und gemeint, das wüssten sie schon; Es dauere immer zwischen 6 und 9 Monaten bis die carte vitale ausgestellt würde und wir sollen die Sache einfach laufen lassen, alles sei korrekt. Wir könnten uns auch ohne carte vitale in Mâcon anmelden und die Niederlassung finalisieren, wenn wir dann endlich im Besitz dieser Karte seien. Sie versicherte uns, es sei alles noch im grünen Bereich.

Wieso wissen die Schweizer besser Bescheid als die Franzosen selbst? Wem glauben wir jetzt? Bei keinem einzigen Amt in Frankreich kriegt man Menschen ans Telefon. Stets reden wir mit Maschinen, und es muss uns ganz genau klar sein, was wir wollen. Sonst sind die gedrückten Ziffern falsch und man landet bei der falschen Person. Diese ist zwar stets sehr nett, aber ihr Handlungsbereich ist limitiert und deshalb verbindet sie uns weiter. RICHTIG geraten: wieder mit der Maschine von Punkt 1! Wir haben schon Tage so verbracht. Ich glaube wir lassen das jetzt wirklich einfach laufen und uns überraschen.

Wir erholen uns jetzt kurz und versuchen dann mit der Machine von Mâcon einen Termin für die Niederlassung abzumachen. Wahrscheinlich geht das nicht, und wir müssen einfach ohne Termin mal antraben und warten, bis jemand für uns frei wird. Im März fahren wir runter nach Mâcon, mit dem Boot. Sind ja nur 5 Tage Fahrt!

Wie machen das bloss Leute die arbeiten?