Kulturschock IX: Widerstand zwecklos

Überall tun sie es: im Supermarkt, in der Post, beim Frisör, beim Arzt und in der Bäckerei. Von Beginn an fanden wir das abartig, überholt und unsinnig. Wir haben uns standhaft geweigert, da mitzumachen. Es wäre doch kostenlos und unabdingbar, wurde uns anlässlich des Einrichten unseres französischen Bankkontos gesagt. Aber nein, wir erinnerten uns an unsere harten Älpler Gringe (in noblerem Deutsch etwa Almler Köpfe oder Dickköpfe von den Almweiden) und blockierten total.

Nach bald eineinhalb Jahren sind wir nun eingeknickt: Weiterlesen „Kulturschock IX: Widerstand zwecklos“

Kulturschock VIII: Gesundheitswesen

Nicht dass ich bereits den Durchblick habe, aber eine Ahnung des französischen Gesundheitswesens habe ich mittlerweile schon.

Absolut vital ist die Carte vitale und um die muss man kämpfen. Mann hat sie schon, ich noch nicht. Aus einem einfachen Grund: Beim Antrag Anfang Jahr dachten wir mit den 2 Anträgen von uns inklusiv allen erforderlichen Dokumenten sei’s geritzt. Weit gefehlt! Weiterlesen „Kulturschock VIII: Gesundheitswesen“

Abfalltrennung à la française

Viele fragen sich oder auch uns direkt, was wir den ganzen Tag so tun. Dazu habe ich bereits versucht eine Antwort zu geben. Hier eine kleine Ergänzung mit etwas, das uns ziemlich beschäftigen kann: die Abfallentsorgung.

Wir trennen auch auf dem Boot selbstverständlich unseren Müll und geben uns auch sonst Mühe unseren globalen Fussabdruck möglichst klein zu halten. Mit der Abfalltrennung in Frankreich ist das aber so eine Sache. Jede Gemeinde trennt à sa façon, nach ihrer ganz eigenen Logik. Zu Beginn haben wir alles getrennt, ALLES. Genauso wie wir es von früher gewohnt waren. In Auxonne, unserem Winterhafen, gab es einen Abgabeplatz welcher exklusiv für die Boote war und nur mit Zahlencode zugänglich war. Es könnte ja ein Fremder etwas wegwerfen wollen! Da musste relativ deckungsgleich mit unserer schon fast angeborenen, schweizerischen Trennpolitik entsorgt werden. Wir waren uns jedoch noch nicht bewusst, dass das nicht in ganz Frankreich genau so Sitte ist. Frankreich ist zwar ein zentralistisches Land, aber sooo zentralistisch dann auch wieder nicht. Wahrscheinlich toben sich die Gemeindepolitiker in solchen Fragen wie Abfalltrennung separatistisch aus! Und so hat jeder Ort seine eigene Regelung.

Da kommen wir also daher mit unseren Boot und möchten Flaschen, Aluminium, zerquetschten Dosen, Pappe (CH: Karton) und Papier, Grünzeug, Hausabfall, Plastik oder Sperrgut entsorgen. Schon ist es in unseren beengten Verhältnissen nicht einfach, das alles unterzubringen, in der Sammelstelle sagt man uns dann auch genau, was wir wieder zusammen geben und entsorgen sollen, wo wir das tun müssen und wie genau. Die verschiedenen Container sind NICHT am selben Ort abgestellt. Oft steht der Glascontainer am anderen Ende des Ortes. Manchmal wollen sie Joghurtbecher im normalen Abfall, manchmal separat. Dasselbe mit Plastikfolien und -Verpackungen. Letzteres und auch Alu und Dosen versuchen wir auf ein Minimum zu beschränken, was aber sehr schwierig ist, da alles in den Läden derart doppelt und dreifach verpackt ist, man könnte verpackungslos glatt verhungern.

Was tun wir also, wenn wir an einer Anlegestelle ankommen? Wir informieren uns nicht nur über Sehens- und Wissenswertes sondern auch über das Entsorgungssystem eines jeden Kaffs und versuchen uns in der Folge, danach zu richten. Manchmal sind die Container sehr gut versteckt, so als möchte die Gemeinde möglichst wenig Müll entsorgen müssen; andere Gemeinden hingegen sind mit der Nase vorn und haben einen perfekt eingerichteten Entsorgungsplatz, sauber und mit intakten Containern.

Bleibt bloss zu hoffen, dass unsere Mühen in einem gewissenhaftem Recycling münden,  dieses komplexe System also nicht nur reine Augenwischerei ist und die ganze Sauerei in irgend einem Erdloch verschwindet!

J’aimerais deux poignées de rampon

„Ich möchte zwei Handvoll Feldsalat“. Feldsalat ist ein super Beispiel für diesen Beitrag! Auf dem Markt habe ich genau das der Marktfrau gesagt, worauf sie mich völlig ratlos angeschaut hat. Ich deutete auf den Nüssler*-Salat. Sie „ah, c’est de la doucette!“ das ist doucette. Süss nicht? Die Bedeutung von doux/douce ist süss oder sanft. Und schon sind wir mitten im Thema.

Sprache, finde ich, ist etwas Wunderbares, Spannendes, ja Faszinierendes. Wir lernen doch alle Sprachen in der Schule und stellen dann mehr oder weniger fest, dass wir trotz jahrelangem Lernen die Sprache kaum einsetzen können. Warum? Weil wir viel zu wenig zum Sprechen (sprechen = Sprache! aha!) kommen! Reden, reden, reden und reden müssen ist der Schlüssel zu einer Sprache. Da sind wir Deutschschweizer ja mal die Vorzeigeopfer. Wir lernen in der Schule die Schriftsprache „Hochdeutsch“ und reden sobald es irgendwie geht doch wieder Dialekt, auch in der Schule. Dütsch bliibt üs meischtens irgendwie frömd, wüll’s ke Härzspraach isch (Deutsch bleibt uns meist irgendwie fremd, weil es keine Herzsprache ist) Ich bin überzeugt davon, auch in meinen Texten sieht man nach zwei, drei Sätzen meine Herkunft an – was ja nicht unbedingt negativ sein muss.

Hier in Frankreich gehen wir keinesfalls als Franzosen durch. Wir benutzen andere Ausdrücke, andere Umgangssprache, und ich bin überzeugt, auch der Syntax ist manchmal anders. Der Tonfall, die Vokale, das Sprechtempo, alles weist auf die Herkunft hin oder auf die Gegend, wo man die Sprache erlernt hat! In unseren Fällen für beide das Waadtland, der Kanton zwischen Neuenburger- und Genfersee.

Französisch habe ich seltsamerweise als erstes aber in einem französischen Kindergarten in Mailand gelernt. Es war einfach der unserem Haus am nächsten liegende „Asilo“. Schweizerdeutsch als Muttersprache, Italienisch ab 4 und Französisch ab 5 Jahren. Meinen Eltern bin ich für dieses Geschenk unendlich dankbar! Es hat mir für mein ganzes Leben zwar nicht von Beginn an perfekte Sprachkenntnisse geschenkt, dafür war die Immersion mit 5 respektive 1 Jahr zu kurz, aber es hat mir die grundlegende Angst vor Sprachen genommen und mich ermutigt, jede sich bietende Gelegenheit zur Vertiefung oder Erlernen von weiteren Sprachen zu nutzen. Immersion ist wohl stets die allerbeste Form von Sprachenlernen, für mich persönlich eigentlich die Einzige. Rein und hui! Erst herum stottern, Verben suchen, Umschreibungen verwenden, mal für einen Lacher sorgen oder für Ratlosigkeit. Kein Problem. Es ist noch nie ein Meister vom Himmel gefallen und wir dürfen alle Fehler machen. Und, Hand aufs Herz, niemand erwartet Perfektion im Alltag!

*Feldsalat, Nüssler, Nüssli, Rapunzel, Mausohrsalat, Sonnenwirbel, Vogerlsalat …. kaum eine Salatsorte hat so viele deutsche Bezeichnungen!

Französisch: rampon, doucette, mâche, boursette, raiponce, oreille-de-lièvre

Italenisch: lattughella, valerianella, valeriana, songino/soncino, im Tessin: formentino

English: mache, corn salad, lamb’s lettuce, nut lettuce

 

Kulturschock VI: Alles Käse oder was?

Ich wage jetzt mal etwas Kritik

Ich liebe französischen Käse! Es soll 400 Sorten geben in diesem Land. Vielleicht sind es ja auch nur 300, aber auch 300 ist eine respektable Zahl. Jetzt, da ich in diesem Land lebe, frage ich mich wo all diese Käsesorten verkauft werden (ich rede jetzt hier nicht von Industriekäse). Bislang habe ich nur einen Bruchteil davon in den Supermärkten entdeckt, dazu noch meistens dieselben in jedem Laden. Richtige Käsegeschäfte findet man leider auch nicht in jedem Ort. Was fast komplett fehlt sind Hart – oder Halbhartkäse. Da werden zwar Holländische (die mit der roten oder orangen Wachshaut, sehr originell!) angeboten und auch Schweizer Käsesorten produits en France, aber ausser zwei, drei französische Sorten plus den Comté*, der wahrscheinlich von Immigranten aus dem Greyerz* mitgebracht wurde, ist kaum etwas zu finden. Das alles finde ich etwas enttäuschend, aber noch viel enttäuschender finde ich die Käsetheken, an denen Personal steht, gekleidet wie Käser direkt von einer Alpweide, das null Ahnung hat von den Käsesorten, die in der Vitrine angeboten werden. So délicieux das Angebot ist, ich habe etwas mehr erwartet, pardon les français, je suis un peu déçue.

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Das Weinangebot

Kommen wir zu den Weinen. Da gibt es tausende in Frankreich und ich verstehe absolut, dass in den Weinabteilungen oder auch beim Weinhändler vor allem einheimischer Wein angeboten wird. Was sage ich „vor allem“? Fast ausschliesslich einheimischer Wein! Mal zur Abwechslung ein Italiener oder Spanier gefällig? Da wird es schwierig. Lambrusco vielleicht, oder ein Allerwelts-Chianti, im Stil der Weine die wir als 17-Jährige hinter die Binde gekippt haben. Echt jetzt, hier wird Protektionismus in Reinkultur betrieben. Nicht mal die anderen EU-Weinerzeuger haben ihr bescheidenes Plätzchen und da hätte es doch einiges, das dem französischen Erzeugnis die Stange halten würde. Der französische Durchschnitts-Wein, ist, pardonnez-moi, oft in bescheidener Qualität. Da die Franzosen nichts anderes trinken, merken sie es offenbar gar nicht. Frankreich scheint aber irgendwie auch an einem Mangel an Selbstbewusstsein zu leiden. Weshalb sonst hätte es vor Jahren mit Hilfe der EU der kleinen Schweizer Gemeinde Champagne (1000 Einwohner) verbieten lassen, deren Wein unter dem Dorfnamen zu verkaufen? Man stelle sich vor: die gigantische Produktion aus der französischen Champagne fühlte sich von den paar Winzern und deren Weisswein von Champagne CH bedroht! Sogar der lokale Bäckereibetrieb, der sehr leckere und bekannte Flûtes de Champagne (eine Art Grissini) herstellt, bekam Schwierigkeiten. Incroyable, non?  Als Wiedergutmachung hätte ich jetzt gerne eine kleine, solide Auswahl an Weinen aus der ganzen Welt; vielleicht wäre das ja sogar inspirierend für die Franzosen?

Bin heute gerade nicht nett!

Ich bin mir bewusst, dass ich mich jetzt nicht gerade freundlich gegenüber unseren Gastgebern hier benehme. Es ist absolut in Ordnung wenn ein Land stolz auf seine Erzeugnisse ist und diese pflegt. Hier in Frankreich ist aber eine gewisse Blindheit gegenüber dem Rest der Welt feststellbar und das ist nicht gesund. Hier heisst es sofort

  • die französische Küche ist die Beste aller Küchen
  • die französischen Weine sind Weltspitze
  • die Franzosen sind Weltmeister in der Käseherstellung

Ich möchte das jetzt nicht aufrechnen gegen andere Nationen, aber sind wir ehrlich: Andere Mütter haben auch schöne Söhne!

Nun aber etwas sehr Erfreuliches

marchés_bourgogneBald können wir wieder auf den Wochenmärkten einkaufen. In Auxonne gibt es auch einen, aber hier haben Kleider-, Pfannen- und Krimskrams-Händler den Markt quasi übernommen. Die übliche riesige Auswahl an Gemüse, Früchte, Käse- und Fleischständen, Olivenspezialisten und und und, ist hier leider nicht vorhanden. In anderen Städten und Städtchen ist das völlig anders. Da kann man sich zu 100% für die Woche versorgen und dies erst noch bei vielen lokalen Anbietern. Darauf freue ich mich sehr. Das Schlendern von Marktstand zu Marktstand, der kleine Schwatz mit dem Händler oder sogar dem Produzenten selber, die Marktstimmung, die Menschen, Gerüche und Aromen. Mmmmhhh! Am Ende noch den café au lait mit einem croissant au chocolat oder – am späteren Vormittag – einen kleinen Ricard. Ah, das savoir-vivre, santé!Apero1

*Der französische Hartkäse Comté: Tatsächlich mussten im 19. Jahrhundert viele Freiburger, unter anderem aus dem Gruyère, aus der Schweiz auswandern.  Der Kanton Freiburg war extrem arm damals. Früher wurden viele Burschen Söldner in Frankreich, das war aber mit der französischen Revolution mehr oder weniger vorbei. Es waren also meist die jüngeren Söhne eines Hofes, die sich etwas einfallen lassen mussten. Viele wussten etwas über die Käseherstellung. Mit diesen Kenntnissen über den Jura nach Frankreich zu gehen war die nächstmögliche Lösung um der Armut zu entgehen. Und sie wurde rege genutzt.

 

Kulturschock V: Liebe Verpackungs-Designer

oder Verpackungsingenieure oder was auch immer für eine Bezeichnung korrekt ist: Ich habe Mühe mit den Verpackungen in Frankreich!

Ich glaubte damit schon in der Schweiz Probleme zu haben. Aber das war noch gar nichts! Ich rede hier nicht von irgendwelchen Gadgets, die auf Teufel komm raus und guck mich nur an verpackt sind. Ist mir klar, dass solche Sachen auch mal einfach so ausgepackt und in die Tasche gesteckt würden ohne diese Fort Knox-Verpackungen. Nein, hier geht es um Verpackungen von Lebensmitteln, also Reis, Kaffee, Salz, Schinken und so weiter. Falls es mal durch die Presse geistert, in Frankreich sei ein Mensch neben einer Packung mit Lebensmittel Hungers gestorben, KEINE Fake News! Wahrscheinlich handelt es sich dabei sogar um mich.

Ich verstehe nicht, weshalb es auf einer Müesliriegelpackung heisst „hier aufreissen“ und wenn ich das tue, habe ich zwar ein Stück Plastik in den Fingern, aber immer noch keinen Zugang zu meinem Riegel. Und, pardonnez-moi monsieur, nein, ich habe nicht immer grad einen kleinen aber gut ausgestatteten Werkzeugkoffer dabei!

Innerhalb der letzten Woche habe ich mit einer Kaffee- (wir kaufen Kaffeebohnen, ja das gibt’s noch), einer Reis-, einer Müesli, einer Salz-, Mehl und heute für den Brunch mit einer Lachsverpackung gekämpft. Gerade bei Tüten wie für Kaffee oder Reis bin ich es gewohnt, dass man die Schweissnaht mit einigem an Kraft seitlich auseinander ziehen kann; es entsteht eine Art Ausschütte und man kann bequem in eine Vorratsdose umschütten. Französische Tüten lassen sich mit viel Mühe auch so öffnen, nur einfach irgendwie dort wo das Material am schnellsten nachgibt. Reis und Kaffeebohnen all over the place! Beim Salz kann ein kleiner vorgestanzter Halbmond eingedrückt werden. Genial. Nur leider bringt man die eingedrückte Klappe nicht raus und beim Schütten blockiert dieses Stück Karton (Pappe für De) die Öffnung. Es kommt Salz aus jeder Leimlücke des Kartons, nur nicht dort wo man damit gerechnet hat. Salz all over the place! Mehl. Mehl! Schrecklich. Mehl ist in Papier verpackt, voll verklebt. So eine Verpackung zu öffnen ohne dass etwas daneben geht? Null Chance! Mehl all over the place! Schliesslich heute früh der Fisch: Artig wie ich bin, ziehe ich dort wo man mir sagt ich solle das tun. Der schmale Plastikstreifen, der abkam, brachte mich nicht zum Ziel. Lachs immer noch nicht zugänglich. Natürlich kann ich mit der Schere nachhelfen; Mit dem Ergebnis, dass die Schere und meine Hände fettig sind und die Verpackung kaputt. Immerhin habe ich mich diese Woche weder geschnitten noch aufgespiesst!

Also, liebe Verpackungskünstler der Grande Nation: denkt beim Entwerfen an all die Leute die alt und gebrechlich sind, Arthrose in den Fingern haben, nicht gut sehen, es eilig haben, oder sich einfach etwas dumm anstellen wie ich es offenbar tue. In Frankreich gibt es Bücher über die verschiedensten Themen, wie Philosophie, Briefmarken, Sprachen, Mathematik, Gemüsegärtnern, den Koran, die Astrophysik… für Voll-Laien (les nuls). Sie heissen  XY pour les nuls, ABC pour les nuls usw.  In diesen Büchern ist wirklich alles gut, einfach und in nicht-akademischer Sprache erläutert. Die Bücher sind toll für so einfach gestrickte Personen wie mich. Wie wäre es jetzt einmal mit „Verpackungen pour les nuls“ ??? Bitte, bitte!?

Kulturschock IV: C’est compliqué!

Seit Ende 2017 wohnen wir offiziell nicht mehr in der Schweiz und geben uns wirklich alle Mühe, uns hier in Frankreich erfolgreich niederzulassen. Theoretisch absolut kein Problem. Bis man zum praktischen Teil kommt.

Mit dem Praktischen schlagen wir uns nun seit Anfang Jahr herum. Offiziell ist die démarche, das Vorgehen, ganz klar. Aber das Ganze ist irgendwie verbandelt mit der sécurité sociale und mit der carte vitale (Sozialwesen und Gesundheitskarte). Bevor wir überhaupt mit dem Prozess in Frankreich beginnen konnten, mussten wir in der Schweiz unsere internationale Krankenversicherung organisieren. Wir haben diese Lösung gewählt weil wir mit dem Hausboot in ganz Europa unterwegs sein werden. Das war easy und schnell erledigt.

Ohne gesundheitliche Absicherung, keine Niederlassung. Kein Problem. Seit Anfang Januar ist das entsprechende Papier für die französischen Behörden bereit. Dazu jede Menge persönliche Papiere im Original (Bescheinigungen dass und wo wir geboren sind, gewohnt haben, Gehalt bezogen, Steuern bezahlt, Gas und Wasserrechnungen beglichen haben, zum Frisör gingen und bitte nicht vergessen, die Schuhgrössen anzugeben).

Es ist uns ja klar, dass Frankreich keine zukünftigen Sozialhilfebezüger reinlassen will. Kein Problem. Die Papiere sind seit Mitte Januar beim Gesundheitsamt, persönliches Erscheinen war Pflicht. Merke: wir haben ein Boot aber kein Auto. Die Meldestelle befindet sich 2 Bahnstunden von hier! Dass wir theoretisch bereits in und über Frankreich hinaus versichert sind, ist nicht relevant. Es braucht die carte vitale! Kein Problem. Die Krankenversicherung in der Schweiz möchte einfach innert nützlicher Frist eine Bestätigung haben von der erfolgreichen Anmeldung im französischen Gesundheits-System.

Nachdem die verantwortliche Stelle in Frankreich den Antrag und alle Papiere für genügend befunden und 100 mal abgestempelt hat, hatten wir uns vorgenommen, regelmässig nachzufragen, wie es unserer künftigen carte vitale denn so gehe. Gestern war dieser erste Erinnerungstag. Nachdem wir endlos mit Computern geredet und Ziffern gewählt haben, die unserem Anliegen wahrscheinlich am ehesten nahekamen, zweimal im falschen Département (mais non, vous vous êtes trompé du département, c’est Paris ici hahahhaha), gelandet sind – blöde Computer – gelangten wir doch mal an die richtige menschliche Stimme, dies nur um zu hören, dass das Vorgehen für Zuzügler in Rente gaaaanz anders sei und keine Ahnung wo sich jetzt unsere Papiere befinden würden! Ich dachte, Mann fällt in Ohnmacht (er ist französischer Muttersprache, deshalb kommt ihm die Ehre zu, den aktiven Teil zu spielen, der Arme).

Heftige Aufregung bei uns also und Riesenfrust. Weitere Abklärungen waren nicht mehr möglich; über die telefonische Endlosschlaufe >idiotische Melodie – „Sie werden sofort bedient sobald….“ – idiotische Melodie< kamen wir nicht hinaus. Heute haben wir die Internationale Krankenversicherung in Genf angerufen, um zu melden, es gehe noch lange bis die gewünschte Bestätigung bei ihnen eintreffen würde und wir zudem eine neue Version des Vorgehens erklärt erhalten hätten. Die Dame in der Schweiz hat buchstäblich Tränen gelacht und gemeint, das wüssten sie schon; Es dauere immer zwischen 6 und 9 Monaten bis die carte vitale ausgestellt würde und wir sollen die Sache einfach laufen lassen, alles sei korrekt. Wir könnten uns auch ohne carte vitale in Mâcon anmelden und die Niederlassung finalisieren, wenn wir dann endlich im Besitz dieser Karte seien. Sie versicherte uns, es sei alles noch im grünen Bereich.

Wieso wissen die Schweizer besser Bescheid als die Franzosen selbst? Wem glauben wir jetzt? Bei keinem einzigen Amt in Frankreich kriegt man Menschen ans Telefon. Stets reden wir mit Maschinen, und es muss uns ganz genau klar sein, was wir wollen. Sonst sind die gedrückten Ziffern falsch und man landet bei der falschen Person. Diese ist zwar stets sehr nett, aber ihr Handlungsbereich ist limitiert und deshalb verbindet sie uns weiter. RICHTIG geraten: wieder mit der Maschine von Punkt 1! Wir haben schon Tage so verbracht. Ich glaube wir lassen das jetzt wirklich einfach laufen und uns überraschen.

Wir erholen uns jetzt kurz und versuchen dann mit der Machine von Mâcon einen Termin für die Niederlassung abzumachen. Wahrscheinlich geht das nicht, und wir müssen einfach ohne Termin mal antraben und warten, bis jemand für uns frei wird. Im März fahren wir runter nach Mâcon, mit dem Boot. Sind ja nur 5 Tage Fahrt!

Wie machen das bloss Leute die arbeiten?

Kulturschock III: Essen in Frankreich

Hier in Frankreich vergessen wir oft, im Ausland zu sein, bis wir auf etwas Besonderes stossen,  eine Beobachtung machen oder uns etwas auffällt.

Nehmen wir das Thema Essen: die Franzosen nehmen sich Zeit für ihr Essen. Sogar für’s Mittagessen. Weiterlesen „Kulturschock III: Essen in Frankreich“

Kulturschock II: zurück zum Start

Bürokratie ist in keinem Land lustig. Ich finde, in Frankreich schon. Ich will mich hier absolut nicht lustig machen über unser Gastland. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig als uns zu freuen ob der Komplexität der Aufgabe sich hier niederzulassen mit allem was dazu gehört.

Am Anfang war das ziemlich Brennendste ein französisches Handy. Wir dachten easy peasy, ab in ein Handygeschäft und die Sache ist geritzt. Sehr naiv von uns. Erst ging es flott voran, das ausgesuchte Handy lag schon auf dem Tresen, dann stockte es. Wir hatten keinen R.I.B. Weiterlesen „Kulturschock II: zurück zum Start“

Kulturschock I: Die Geduld der Franzosen

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Eigentlich waren wir uns nicht so richtig bewusst, dass wir in ein anderes Land auswandern! Ich meine, für uns ist Frankreich ein Nachbarland und so anders kann das ja gar nicht sein. Zudem lebten wir vorher in der Westschweiz, also im selben Kulturkreis. Und doch fällt uns da so einiges auf. Weiterlesen „Kulturschock I: Die Geduld der Franzosen“