Auf dem Weg ins neue Heim

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben wir Soissons verlassen. An einem leicht nebligen Morgen brachen wir auf und wurden ganz ungeplant bis zur zweiten Brücke nach Soissons von Ruderern begleitet. Danach waren wir ganz allein; wir, der Fluss, die Uferwälder, Hecken, abgeerntete Äcker, bloss ab und zu ein einsamer Fischer, ein menschenleeres Dorf, ein Haus. Nach der lebhaften Stadt war das ein ziemlicher Unterschied. Ausser uns waren die ersten beiden Tage keine Boote unterwegs, wir kreuzten weder Freizeitschiffer noch Lastkähne.

Nach Soissons geht es noch 16 Kilometer auf dem Fluss Aisne bergan, bis man durch eine Doppelschleuse in den Canal latéral à l’Aisne einfährt. Dabei fährt man erst in die erste Schleuse ein, das einschiessende Wasser bringt einen statt raus in den Kanal, erstmal auf die untere Einfahrthöhe der zweiten Schleuse. Man fährt ein, und wieder schiesst Wasser ein, und erst dann, nach 2 x knapp 3 Meter Höhenunterschied gelangt man auf die Höhe des Kanals und hat freie Fahrt.

Oberhalb dieser Schleuse gab es einen idealen Platz für eine kleine Pause, in der sich alle die Füsse vertreten konnten. Danach ging es auf dem herbstlichen und gepflegten Kanal weiter, immer in ostnordöstliche Richtung.

An der weiträumigen Verzweigung mit dem Canal de l’Oise à l’Aisne, in welchen wir Wochen vorher in der Gegenrichtung eingefahren waren, fanden wir an einem kleinen Schwimmsteg einen Platz mit elektrischem Strom und Wasser. Wir wussten, dass auf dieser Strecke ein nahes Wasserkraftwerk Wasser vom Kanal abpumpt; Im Führer befindet sich eine Warnung wegen der möglichen starken Seitenströmung. Diese bekamen wir auch voll zu spüren; mit einem im Kanal völlig ungewohnten Kraftakt brachten wir unser Boot schliesslich an diesen Steg heran. Ich war sogar schon ausgestiegen, hielt die Escapade an der Bugleine und wollte sie wie gewohnt, ähnlich eines braven Hündchens, an den vorgesehenen Platz ziehen und festmachen. Sie bockte wie ein Wildpferd und liess sich kaum bändigen. Mit voller Motorkraft brachten wir sie schliesslich in Position. Irgendwie kamen wir uns vor wie zwei Filmschauspieler, die in einer lächerlichen Pfütze eine dramatische Szene spielten, einfach surreal!

Von hier aus kannten wir die Strecke und waren am nächsten Tag im Nu in Berry-au-Bac, wo wir an der Türe leckere, hausgemachten Konfitüren einkauften. Früher gab es viel öfter Anwohner, die an die Boote kamen und ihre Produkte anboten. Wir hatten das stets sehr geschätzt. Dieser Mann allerdings wollte gar nicht mehr aufhören zu schwatzen und liess sich kaum mehr abwimmeln. Uff. Am folgenden Morgen ging es in „unseren“ Kanal hinein, den Canal de la Marne à l’Aisne, an dem auch Sillery, unser Winterstandort liegt. Wiederum auf dem herrlich türkisfarbenen Wasser fahrend und gegen einen heftigen Wind kämpfend, peilten wir Courcy als letzten, diesjährigen Übernachtungsplatz an. Der erste Lastkahn, den wir auf dieser Fahrt treffen sollten, kam uns kurz vor dem Anlegeplatz aus einer Kurve entgegen, passenderweise gleich auch noch unter einer Brücke! Super. Zum Glück sind wir in der Zwischenzeit ziemlich geübt in solchen Begegnungen. Abbremsen, gut zielen, 6 Meter vor dem Bug des „Gegners“ volle Fahrt voraus, Hintern zusammenklemmen und durch! Sorry für die bildliche Sprache, aber die Sogwirkung der Bugwellen der Grossen sind nicht zu unterschätzen. Wenn wir zu zögerlich vorbeifahren, legt sich die Escapade beim Kreuzen quer und droht mit dem Heck an die Seitenwand der Péniche zu schlagen. Die beschriebene Taktik funktioniert jedoch immer (das ohne Hintern müssen wir noch üben, geht sicher auch!)

Courcy entschädigte uns für die kurze Aufregung erst mit einem herrlichen Abend und schöner Morgenstimmung am Tag danach. Dann allerdings zog Regen auf und die letzten 22 Kilometer Fahrt dieses Jahres wurden dann ziemlich nass, kalt und windig. Statt mit Pauken und Trompeten kamen wir pudelnass und frierend in Sillery an, voller Vorfreude auf einen heissen Tee. Unser Platz war wie versprochen reserviert und bereit für uns. Ran an den Kai, Leinen um die beiden Poller, raus aus dem nassen Zeug und Wasser aufsetzen!

Es ist stets ein seltsames Gefühl, dieses Ankommen im Winterplatz. Ein bisschen wehmütig macht das schon.

Pour quelques mois c’est fini avec la vie de nomades

(für einige Monate ist das Nomadenleben vorbei!)

Wir haben jedoch nicht lange Zeit Trübsal zu blasen. Besuch steht ins Haus und die übliche Putzerei, Einkauf und Vorbereitungen treffen lassen uns absolut keine Zeit dazu und das ist gut so.

Die Matrosenarbeit ist so was von erschöpfend!

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

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