Kleine Welt

Kleine und fast heile Welt.

Wir beginnen heute die fünfte Woche des confinements. Papa Macron hat vorgestern den Lockdown um zwei Wochen verlängert, allerdings mit einigen wichtigen Lockerungen: kleine Läden dürfen wieder aufmachen. Deren Schliessung wurde landesweit diskutiert und stiess mehrheitlich auf grosses Unverständnis. Unser persönlicher Aktionsradius wurde von 1 auf 20 km und von einer einzigen Stunde pro Tag auf täglich 3 Stunden erhöht. Fühlt sich an wie Freiheit!

Da kommt natürlich sofort wieder das Thema Auto auf. Hier sind wir mit dem Antrag auf den französischen Fahrausweis noch weiterhin in der Warteschlaufe. Auf dem Internet können wir den Status unseres Gesuchs ersehen: en traitement, in Bearbeitung, aha, immerhin. Wir suchen nun eine Zwischenlösung mit dem Autoverkäufer. Er wäre sogar bereit uns das Auto, das wir uns ausgesucht hatten, zu leihen. Wirklich ein netter Kerl!

Gerne würde ich ab und an etwas aus unserer engen Welt hier ausbrechen. Wir befinden uns ja in einem Tal, wunderschön zwar, aber halt doch etwas kleinräumig. Wir haben tolle Spazierwege abseits des Kanals entdeckt, aber auch da gibt es nichts zu sehen. Ich gebe jedoch gerne zu, eine schöne Landschaft, Äcker, Wiesen und Wälder plus Rehe und Füchse sind nicht nichts!

Wenn ich in unserer Küche stehe – ich weiss, auf einem Schiff ist das die Kombüse, aber wir sehen das hier jetzt nicht so eng – da schaue ich über den Kanal hinweg auf das gegenüberliegende Ufer. Da ist stets etwas los. Es hat einige Rennsportler hier. Das was die machen ist auch für mich Laie eindeutig kein Jogging. Die haben Tempi drauf, unglaublich. Einer erinnert mich stets an den Film Chariots of Fire, der rennt genauso in laaaangen Schritten und die Fersen berühren beinahe seine Pobacken! Der ist in Windeseile durch mein Gesichtsfeld hindurch. Dann sind natürlich da viele Spaziergänger mit ihren Hunden und Kindern, Paare, die regelmässig ihre tägliche Runde machen, Familien und ein Pärchen sportliche Geher. Diese Sportart sieht einfach seltsam aus, aber auf DIESE Pobacken wäre selbst Kim K. neidisch!

Schliesslich sind da noch die Neugierigen. Die, welche so gemütlich durchschlendern, auf einmal stoppen und …. gaffen. Das Boot ungeniert angucken, manchmal sogar mit eingestützten Armen, mit Fingern auf uns zeigend und offensichtlich über uns und das Boot diskutierend. Man sieht schlecht ins Boot hinein. Die Scheiben sind von aussen bräunlich und spiegeln sehr stark. Für uns, die wir uns wie Affen im Zoo vorkommen, eher unangenehm. Ich habe mir angewöhnt ganz nahe der Scheibe zu winken. Das hilft. Entweder winken sie zurück oder sie ziehen erschrocken ihres Weges. Passt, beides.

Seit einer Woche haben wir einen Eisvogel hier. Er schwebt wie ein Kolibri über dem Kanal, sucht ihn ab auf Fische, fliegt 5 Meter weiter, steht wieder schwirrend in der Luft, wieder 5 Meter, und so fort. Manchmal sitzt er auf dem Nachbarboot, den Blick immer aufs Wasser gerichtet. Ich hoffe, ich kriege ihn mal vor die Linse, sein Gefieder ist einfach zu prachtvoll! Ein Grünspecht ist ebenfalls zugezogen, irgendwas im Boden unter den Birken schmeckt ihm ganz besonders gut. Einen einsamen Raben beobachten wir, wie er – wie ein Eichhörnchen – Wal-und Haselnüsse als Vorrat eingräbt. Walnussbäume gibt es hier viele und kaum jemand liest die Nüsse auf; wenn er Appetit drauf hat fliegt er mit einer Nuss auf den grossen Platz gegenüber und lässt sie aus grosser Höhe fallen. Manchmal benötigt die Nuss mehrere Stürze um zu brechen. Kein Problem für Herrn Rabe, der weiss was er tut!

Heute ist ein grosser Trupp Möwen aus dem Nichts aufgetaucht. Eine Stunde lang flogen sie über dem Hafen ihre Runden um dann wieder zu verschwinden. Unter der nahen Brücke haust zum Ärger von Merry eine Gruppe verwilderter Haustauben. Irgendwann mal springt unser Hündchen aus Versehen in den Kanal, denn die Biester machen sich einen Spass daraus, ihr eine lange Nase zu drehen und überfliegen sie ganz frech und tief, so als wollten sie sagen: „Hasch mich wenn du kannst. Aber ich kann halt fliegen und du nicht!“

Jeden Tag kommen nun mindestens eine wenn nicht gar mehrere Péniches vorbei. Wir freuen uns über jedes Boot und mein Mann hastet dann jeweils raus, schwingt sich auf sein Rad, begleitet die Lastkähne und macht viele Bilder. Mittlerweile kennen sie uns, kommen raus aus der Kabine und winken. Ab und zu kriegen wir sogar ihren Standort mitgeteilt, damit genug Zeit bleibt, um sich in Foto-Position zu bringen. Während des Schleusenvorgangs gibt es immer auch genug Zeit für einen kleinen Schwatz. Sie freuen sich über schöne Bilder und können sich diese auf einer speziellen Flussfahrer-Gruppe auf Facebook ansehen und herunterladen.

Das Wetter ist zwar kalt aber sehr sonnig. Mit unseren grossen Fensterflächen heizt sich das Boot ganz ohne Heizung angenehm auf. Die Welt hier sieht so heiter und heil aus, manchmal müssen wir uns selbst daran erinnern, dass da draussen manches alles andere als rosig und in Ordnung ist. Natürlich erreichen uns die Nachrichten alle auch, aber wir leben hier schon etwas in einer bulle, Blase. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob das nun voll gut oder eher schlecht ist.

Bleibt brav und gesund

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

5 Kommentare zu „Kleine Welt“

  1. So schön, deine Beschreibungen über die Natur. Als würdest du die Welt anhalten und inne halten, um sie zu geniessen. 😍 Und vorallem geniesst das schöne Wetter. Wir sitzen seit einer Woche in der Nebelsuppe.
    Liebe Grüsse von uns ☀️

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  2. Wir wohnen im Herzen der Zentralschweiz. Oberhalb der Rütliwiese. Jedes Wochenende fast alle Parplätze im Dorf belegt. Mit unseren 3 Malinois und einem Papillon ist das Wandern keine Erholung mehr. Heute nach Andermatt Richtung Oberalp, überall Menschen, ich bin mit den Hunden über die Alpwiesen gelaufen um nicht alle 20m jemanden zu begegnen.
    Wenn ich deine Bilder anschaue scheint alles stressfrei, friedlich und schön. Wenn man dann noch beidseitig einen Treidelweg hat, ist das schon fast Luxus.
    Markus

    Gefällt 1 Person

    1. Du hast recht, wir haben es schön ruhig hier. Ich mag es auch nicht, wenn ständig viele Leute herumschwirren, schon gar nicht auf Spaziergängen. Man kommt ja gar nicht zur Ruhe so. Wenn im Unterland Nebel herrscht, muss es bei euch schlimm sein und alle etwas Sonne haben wollen! Ich hoffe du findest eine ruhige Ecke, behalte den aber geheim sonst bleibst du nicht lange allein 😉

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