Kulturschock X: am langen Arm der Ämter

Wir sind uns seit langem nicht mehr täglich bewusst, im Ausland zu leben. Aber hin und wieder wird dies uns wieder brutal in Erinnerung gerufen. Zu Beginn waren wir darauf eingestellt, auf das eine oder andere Hindernis zu treffen, in Unkenntnis der hiesigen Vorschriften mal in Schwierigkeiten zu geraten oder endlos herumfragen zu müssen. Aber jetzt, nach vollen 3 Jahren, ist das Leben in Frankreich einfach die neue Normalität.

Neulich hatten wir eine glorreiche Idee. Dies vor allem im Hinblick auf unseren potentiellen Winter – eigentlich Spätsommer, Herbst und Winter – in unserem derzeitigen Hafen. Wir malten uns aus, dass – falls wir tatsächlich lange Monate hier in dem doch etwas leeren Hafen verbringen müssen – wir mit einem Auto etwas mobiler wären als bloss mit den Fahrrädern. Schon ist die Stadt nur mit einem steilen, etwa 2 km langem Aufstieg zu erreichen. Dazu ist der Kanal etwas eingegraben im Tal und durch die Nähe des Walds haben wir zwar schöne Natur rundum, aber null Aussicht. Eine völlig andere Situation als etwa in Pont-de-Vaux oder Auxonne, wo wir die vorhergehenden Winter verbracht hatten. Dort waren wir ganz nahe der Stadtzentren, sozusagen am Puls des Lebens und trotzdem lagen wir ländlich und mit reizvollem, flachen Land rundherum, ideal für lange Spaziergänge oder Radtouren.

„Wir können uns ja mal nach einer guten Gelegenheit umsehen!“ Gedacht, gesagt, getan: ein vertrauenswürdiger Auto-Händler war dank guten lokalen Tipps schnell gefunden und unser hundegeeignetes Vehikel stand auch schon bei ihm im Gebrauchtwagenpark. Wir sind Leute der schnellen Entschlüsse. Kurze Testfahrt und wir griffen zu. Bei der Versicherungsagentur wurde unser Enthusiasmus alsbald schon merklich abgekühlt: Um das Vehikel zu versichern benötigen nämlich einen französischen Fahrausweis.

Aha. Ok. Wo beantragen? Auf dem Netz finden wir heraus, dass Einwandernde 18 Monate Zeit haben ihren Fahrausweis gegen einen Französischen einzutauschen. Das ist schon lange vorbei, und da unser ehemaliges Auto, kaum waren wir in Frankreich, seinen Geist aufgegeben hatte und wir in der Folge mit unseren Elektrorädern und dem gelegentlichen Ausleihen oder Mieten eines Auto zufrieden waren, waren wir nie auf diese Vorschrift gestossen worden.

In Frankreich geht wirklich viel Amtliches ausschliesslich übers Netz. Das ist praktisch, hat aber für uns einen riesigen Nachteil: unsere nomadische Lebensart ist schlicht nicht vorgesehen! Wie oft haben wir schon verzweifelt das richtige Feld zum anklicken gesucht und nicht gefunden! Verzweifelte Suche nach telefonischer Auskunft. Aber auch da kommen wir nicht voran; Virtuelle Stimmen fordern auf zum Tasten drücken: „…. drücken Sie 1, 2, 3….9…“, egal, die zu uns passende Ansage kommt nie! Am Ende bedankt sich eine Computerstimme für den Anruf und tschüss. Ratlos gucken wir auf das Telefon in der Hand!

Die Sache liess sich also übers Netz nicht erledigen. Die Capitaine des Hafens empfahl direkt auf die Préfecture zu gehen. Zum Glück wohnen wir hier im Hauptort der Haute-Marne und nicht in irgendeinem Kaff in der französischen Pampa. Also nix wie hin. Dort ist man sehr behilflich, aber trotz dem mitgebrachten, bereits umfangreichen Dossier mit Papieren fehlt noch etwas: die Bestätigung der Ausgabestelle unserer Fahrausweise in der Schweiz. Man will sicher sein, dass diese tatsächlich auch gültig sind; könnte ja jeder kommen. Die angeforderte Bestätigung trifft ein paar Tage später ein und wird umgehend dem netten Préfecture-Mann übergeben. Er meint, er hätte nun alles, füllt unseren Antrag im Netz fertig aus, fügt die gescannten Papiere zu und drückt ENTER. Voilà, in ein paar Wochen erhalten Sie Bescheid. Eine provisorische Fahrgenehmigung, wahrscheinlich.

Ein paar Wochen? Den Kauf „unseres“ Autos hatten wir auf Eis gelegt. Ob es in ein paar Wochen noch da ist? Die Versicherung wird informiert, die Dame strahlt und hofft auch, dass das alles schnell gehen wird. Wir sind positiv gestimmt. Bis gestern Abend.

Da hatten wir ein Video-Apéro mit Freunden von uns. Franzosen, im Jahr vor uns aus der Schweiz zurückgewandert ins Heimatland. Auch Boots-Nomaden. Natürlich war diese Geschichte ein Thema; wir möchten uns ja auch mal wiedersehen diesen Winter und sie in ihrem Winterquartier besuchen. Da wäre die neue Mobilität génial. Jeanine lacht lauthals: „Quelques semaines? Ein paar Wochen?“ Wir warten seit mehr als eineinhalb Jahren auf diesen Ausweis!

Wir lassen uns nicht unterkriegen, Leute. Waren wir vorher noch nicht ganz sicher, ob wir dieses Ding durchziehen wollen, jetzt aber erst recht! Unsere beiden Dickschädel lassen das nicht zu. Wir befinden uns aktuell Ende Woche drei. Countdown läuft. Grrrh.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

6 Kommentare zu „Kulturschock X: am langen Arm der Ämter“

  1. Ich drücke fest die Daumen. Die Behördenwillkür kenne ich bestens aus Italien. Hier hatte man vor allem Probleme, meinen Geburtsort – Strausberg – richtig zu erfassen. Später hatte ich dann Stress und Rennereien, um aufzuklären, dass es falsch war, dass ich in einem System als in Strasburgo (Strasbourg), im anderen als in Salisburgo (Salzburg) geboren erschien. Die Beweislast ist immer bei dir, auch wenn die Behörde einen Fehler gemacht hat. Manchmal spielt auch die Post eine Rolle. Ich hatte damals Angst, nicht heiraten zu können, weile meine Dokumente aus Deutschland irgendwo in Rom hängengeblieben waren.
    Es hat sich alles geklärt. Gibt es in Französische ein „Andrà tutto bene”? Auch für euch!

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    1. Manchmal bleibt einem nur noch der Humor, und man gewöhnt sich auch an solche Situationen. Meinen Vornamen haben sie geschafft in 3 Varianten zu registrieren: Suzanne, Susanne und Sizanne, da wird jeder verrückt. In Erklärungsnotstand bin natürlich auch ich, obwohl ich nichts dafür kann. Mais tout ira bien, doch doch 😉

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  2. Das ist ja heftig. Ich dachte immer, man könnte innerhalb Europas überall fahren, egal in welchem Land der Führerschein ausgestellt wurde. Und so lange warten?! Oh je oh je….

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