Kanal auf, action!

Seit Montag ist unser Kanal wieder offen. Es läuft wieder etwas.

Als erstes kamen die Boots-Clochards, sorry – die Lebenskünstler, von weiter oben daher. Auf dem Wasser treffen wir immer wieder Leute, die fast ohne Geld auf ihrem Kahn leben, mehr oder weniger kunstvoll. Sie sind ständig auf der Suche nach dem besten Deal, sei es ganz einfach, weil sie möglichst nichts für Wasser und Strom zahlen wollen, oder weil ihr Boot irgendein Ersatzteil benötigt. Da werden alte Batterien noch verhökert, die Neuen nach dem tiefst möglichen Preis auf Amazon bestellt, am Motor, an den Pumpen und den elektrischen Installationen wird gebastelt und geklittert, manchmal machen mir diese Boote richtig Angst!

Irgendwie bewundere ich diese Menschen, und ein bisschen Leid tun sie mir auch. Jeden Euro umdrehen zu müssen, ohne Heizung durch den Winter kommen zu müssen, ständig mit diesem grossen Druck leben zu müssen/wollen, ein paar Cents zusammen zu kratzen um Hundefutter zu kaufen, das wäre nichts für mich. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit ist schön, aber damit hat dies hier nichts zu tun!

Nun, diese Boots-Originale kamen als Erste durch, alle drei wollten so schnell wie möglich aus dem Kanal raus, einer davon übernachtete hier, im ungeheizten Boot bei 5 Grad, brrr. Ein Boot hatte schon eine Panne und kam von Hand gezogen an. Dies erfuhren wir von einem völlig aufgelösten VNF-Mann, der auf einmal bei uns klopfte. Erst Tag 2 nach der Wiedereröffnung, und bereits ein Pannenboot mit einem Skipper, der kein Wort Französisch spricht! Das war Zuviel für ihn. Ich weiss nicht, weshalb er zu uns kam um seinen Frust abzuladen, wahrscheinlich weil er uns jetzt 11 Wochen lang jeden Tag hier liegen sah und wir halt gerade in der Nähe des „Patienten“ waren. Mein Mann zog sich umgehend die Handschuhe an und lief in angegebener Richtung dem Kanal entlang. Ich guckte zum Heck raus und schon kam der Bug langsam unter der nahen Brücke hervor! Wir zogen das fast 20 Meter lange Boot an den nächstbesten Platz und halfen dem Skipper es festzumachen. Handschuhe zu tragen war tatsächlich ratsam, bei diesen splissigen Leinen!

Den Skipper des Pannenboots kannten wir bereits, einen 85-jähriger Australier, der a) schon seit einiger Zeit sein Boot verkaufen möchte und b) mit eben demselben Boot einen Freund in Norwegen besuchen möchte. Jaja, auf den Wasser ist alles möglich, sogar gleichzeitig!

Die nächsten die hier durchkamen, waren die Convoyeurs, Boots-Überführer. Diese haben es stets eilig und brausen ungebremst an einem vorbei. Egal, ob es uns dann herumschaukelt oder an den Quai knallt. Aber wir haben in dieser speziellen Situation grosses Verständnis und nichts desto Trotz Freude an jedem Wasserfahrzeug, das jetzt aufkreuzt. Endlich ist wieder etwas Leben auf dem Kanal!

Seit Montag könnten wir also theoretisch wieder fahren. Wir möchten bloss, dass vor uns noch einige Kommerzschiffe den Kanal befahren und allfällige Algenteppiche wegräumen. Diese Péniches liegen viel tiefer im Wasser als wir und die bullige Bauart und der respektable Schub ist perfekt um alles, was da unter Wasser im Weg sein könnte, wegzuschieben. Allerdings ist der anschliessende Kanal, der Canal de la Marne au Rhin (Rhein-Marne Kanal) auf dem Teil, den wir befahren würden, noch fast auf der ganzen Strecke geschlossen. Sehr weit kämen wir also zu Zeit nicht; die Öffnung von weiteren Wasserwegen kann jedoch bloss eine Frage der Zeit sein, es hat ja ausgiebig geregnet und tut es immer noch.

Unsere Wunschdestination liegt fast 400 Kilometer und 181 Schleusen von hier entfernt. Die Fahrt dahin wäre bei Regen und der aktuellen Kälte kein Zuckerschlecken. Wir heizen ja bereits wie verrückt, der Zeiger des Tanks rückte immer tiefer. Da es hier weit und breit keine Tankstelle für Schiffe gibt, haben wir einen Tankwagen kommen lassen müssen. Die erste Firma die wir anfragten, hatte uns einen Korb gegeben. Zu gefährlich, machen wir nicht. Wirkliche Gefahr besteht natürlich nicht, aber wir wissen schon, wovor dieser Lieferant Angst hatte: dass etwas daneben geht, Wasserverschmutzung, Feuerwehr, Busse. Das ist natürlich unangenehm. Wir kennen das Problem und brauchen einen besonnenen Lieferanten mit jemandem an der Pumpe, der sich die Zeit nimmt für das Befüllen und nicht meint, in 7 Minuten sei die Sache erledigt.

Mit einer anderen Firma hatten wir sofort ein gutes Gefühl. Sie stellten uns die richtigen Fragen und schienen sich der Sonderbedingungen bewusst zu sein. Alles lief dann auch glatt, auch wenn der Fahrer im ersten Moment etwas zu viel Power auf die Pumpe gab und es einen Mini-Rückstau gab. Es spritzten kaum vier Tropfen in den Kanal; Wahnsinn, wie sich ein paar Tropfen Öl oder Treibstoff auf einer Wasserfläche ausbreiten! Wir standen aber schon bereit mit Soda-Bikarbonat zum draufstreuen. Dies neutralisiert sofort. Puh.

Mit dem fast vollen Tank können wir uns nun gemütlich zurücklehnen, für Wärme ist gesorgt und falls wir fahren können, kommen wir nun weit, sehr weit! Denn dass wir nochmals etwas fahren können, das hoffen wir schon! Aber lieber ohne Regen und Kälte.

Schönes Herbstwetter wäre jetzt toll.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

3 Kommentare zu „Kanal auf, action!“

  1. Oh ja, es gibt so unterschiedliche Menschen auf den Booten. Aber die gibt es an Land auch. 😉 Nur da kommt man oft nicht so in Berührung, sondern bleibt in seiner Blase. Aber schön, dass ihr nun wieder fahren könnt, wenn ihr dann wollt. Drücke euch die Daumen für ein paar sonnige Tage.

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