Die elende Kette

Meistens wenn wir irgendwo anlegen, sind schon andere da, nehmen eine Leine in Empfang, oder gucken einfach den Manövern zu und kommen dann kurz grüssen. Klar gibt es da jeweils ein Gespräch und die neuesten News von unserem Klatsch-Netzwerk, Radio Ponton oder Radio Canal genannt, werden ausgetauscht. Ich finde den gegenseitigen Informationsaustausch toll und wichtig. In der Regel sind die „internen“ Infos und Tipps sind sehr willkommen. Oft fällt jedoch uns auf, dass da Nachrichten und Anekdoten herumgeboten werden, die ziemlich aufgepeppt worden sind oder nicht mehr so taufrisch sind, wie der Erzählende es erscheinen lässt.

Gestern kam nun die Rede wieder einmal auf das leidige Thema der nächtens abgeleinten Boote. Die Tatsache, dass es Leute gibt, die es lustig finden, Boote in der Nacht „freizulassen“, ist wirklich ein Problem. Nur punktuell zwar, aber wen es trifft, der hat nicht nur einen Schaden am Boot, sondern vor allem einen enormen Vertrauensverlust, ähnlich wie nach einem Einbruch.

Mal ist nur ein einzelnes Boot betroffen, manchmal werden die Leinen aller Boote einer Anlegestelle von Unbekannt losgemacht. Meist in der Nacht, manchmal sogar am heiterhellen Tag. Wie kann man nur sowas einen lustigen Streich finden!? Jungenstreiche sind das nicht, das ist Vandalismus. Denn die Schäden an den Booten und deren Bergung können schwierig und teuer werden.

Wir sind nicht gerade panisch deswegen, aber die Sorge darum bleibt schon etwas im Hinterkopf. Eigentlich machen wir uns nur dann Gedanken, wenn wir oberhalb einer nahen Schwelle festgemacht haben. Man stelle sich vor in stockdunkler Nacht zu erwachen, weil man das beklemmende Gefühl hat irgend etwas stimme nicht. Dann stellt man fest, dass das Boot frei dümpelt und sich mit der Strömung talwärts bewegt. Vielleicht ist die nächste Schwelle gar nicht mehr weit! Das Tosen eines Wehrs ist in der Regel von weitem zu hören und davon mitten im Fluss geweckt zu werden, ist eine reine Horrorvorstellung. Das möchte niemand erleben müssen.

Kein Wunder beschäftigt das Thema die Bootsleute. Diese Fälle sind zwar selten, werden jedoch in Endlosschleife auf Radio Canal oder Radio Ponton herumgeboten. Die menschliche Lust an der Sensation halt! Ab und an kommt eine solche Nachricht jedoch in einem richtigen, lokalen Nachrichtenportal, was dann natürlich heftig im Netz geteilt wird. Jedes mal, wenn wir von einer solchen Begebenheit hören oder lesen, machen wir uns Gedanken, vergessen es dann aber bald wieder. Grundsätzlich widerstrebt es uns, Vorsorge gegen alle möglichen und unmöglichen Gefahren zu treffen. Aber ich glaube, es ist jetzt doch mal angebracht, so eine blöde Kette anzuschaffen, und sei es bloss drum, im Falle eines mulmigen Gefühls eine an Bord zu haben. Einfach, damit wir ruhig und unbeschwert schlafen können. Ob wir sie dann wirklich mal montieren, steht noch auf einem anderen Blatt Papier. Also gut, die olle Kette muss her.

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Einer unserer liebsten Anlegeplätze, gar nicht so weit vom nächsten Wehr

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!