Ein Lob dem Spaziergang

Spaziergang in der Stadt vor einer alten Fassade

Spazieren? Das ist doch das mit Abstand langweiligste, das wir in unserer Kindheit am Sonntag mitmachen mussten!

Womöglich noch zusammen mit irgendwelchen Verwandten, die wir kaum kannten und sooo langweilig waren.

Aber ganz im Ernst, für mich hat Spazieren schon fast etwas Subversives! Ab gesehen davon, dass ein mehr oder weniger planloses Schlendern durch die Natur, in einem Park, oder durch die Strassen einer Stadt herrlich entschleunigend ist, ist es auch ein Manifest: auf einem Spaziergang ist man so weit weg vom Einkaufen, Arbeiten, Lernen oder sonst irgendwie produktiv sein und der Wirtschaft dienend als wohne man auf dem Mond. Es braucht kaum spezielle Outdoor-oder Funktionskleidung, niemand braucht für den Spaziergang ein Ticket zu lösen, ein Spaziergänger ist kein Arbeitgeber und man braucht keinen Kurs um diese Kunst zu erlernen. Spazieren ist wirtschaftsfeindlich par excellence!

Spazieren ist notgedrungen eine langsame Sache, sonst wäre es nicht spazieren. Dank dieser Gemächlichkeit sehen wir auf einmal Dinge, auf die wir beim Joggen, Radfahren, oder vom Skateboard aus kaum achten würden. Denn Gehen läuft ziemlich automatisch ab, deshalb auch sehe ich das Stiefmütterchen aus dem Asphalt lugen, die hübsche Katze hinter dem Fenster, höre die Spatzen im Busch, den Wind in den Bäumen und das Plätschern des Brunnens. Ich nehme wahr, dass ich Menschen begegne, nehme wahr, dass da jemand ist, der Mühe hat, alleine und sicher die Strasse zu überqueren, sehe Menschen, die vielleicht herumhasten oder laut ins Handy reden, Tsts, die spinnen doch!

Diese absolut nutzlose, anspruchslose Beschäftigung bringt dem Spaziergänger sehr viel. Das Denken ist entweder völlig abgeschaltet oder man denkt über etwas nach und kommt, so abgelöst von jeder Verpflichtung, auf die erstaunlichsten Lösungen für ein anstehendes Problem. Die freie Atmung bring Sauerstoff in den Körper, man tankt Kraft und vielleicht auch gerade etwas Vitamin D. Wir lassen uns treiben, es spielt keine Rolle ob und wo man ankommt, wir können spontan einen unbekannten Weg einschlagen, entdecken vielleicht eine unbekannte Pflanze, geniessen ein reizvolles Licht-Schattenspiel, scheuchen unvermittelt einen Feldhasen auf, oder beobachten balzende Vögel.Dieses Nichts-aber-halt-doch-etwas-tun bringt uns runter, das Hamsterrad steht plötzlich still und vielleicht nehmen wir den allgemeinen Wahnsinn unserer Zeit plötzlich fast unangenehm wahr.

Gehen befreit die Gedanken, ist gut gegen psychische Verstimmungen, lässt dem Geist freien Raum. Es setzt unbewusste Dinge in uns frei, gibt den Anstoss zu neuen Erkenntnissen und Einsichten. Wahrscheinlich haben viele während der Corona-Krise diese Bewegungsart, die ja jedem Konkurrenzdenken diametral zuwider läuft, wiederentdeckt! Spazieren ist wertlos und wertvoll zugleich; vielleicht müssen es einige erst wieder neu erlenen, dieses freie, langsame Wandern, alleine, zu zweit oder in einer kleinen Gruppe. Mit offenen Augen, Ohren und Seele. Es tut gut, entspannt und bringt uns nicht nur im geographischen Sinn weiter, und dies bei jedem Wetter. Und wie gesagt, es ist so herrlich nutzlos! 

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!