Freundschaft in Zeiten von Corona

Im alten, normalen Leben war alles ganz einfach! Man traf sich, sass zusammen, schwatzte, lachte oder weinte auch einmal zusammen. Treffen waren ungezwungen und locker. Wir nahmen gar nie wahr, was das für ein unglaubliches Geschenk war!

Heute ist es ganz anders. Einmal dürften wir immer noch nicht raus, Treffen ausserhalb der kleinsten Zelle (Familie, Paar, Einzelperson, Wohngemeinschaft) sind eigentlich gar nicht erlaubt. Das gilt für Länder mit Ausganssperre, wie hier, in Frankreich zur Zeit der siebten Woche des confinement. In anderen Gegenden sind die Bedingungen vielleicht schon etwas gelockert, grössere Zusammenkünfte und mitmenschliche Nähe sind aber auch da wohl noch nicht gestattet.

Nun nehmen es die Menschen jedoch hüben wie drüben ganz unterschiedlich ernst und hier fangen die Probleme an. Auch hier bei uns, im Land des Hausarrests. Einige fühlen sich dermassen gesund, dass sie jede Massnahme als völlig daneben erachten. Bei jeder Gelegenheit erzählen sie, wie übertrieben sie das alles finden und kommen dabei ganz nahe und fuchteln in der Luft herum. Andere nehmen buchstäblich Reissaus, wenn man sich ihnen nur nähert. Die Einen sitzen in Gruppen unbekümmert zusammen, sobald sie sich vor den Gendarmen sicher fühlen, andere spazieren, joggen, ja, fahren sogar Rad oder alleine im Auto nur mit Mundschutz!

Es ist schwierig eine Balance zu finden; entweder ist man zu ernst oder zu locker. Man ist ein Partykiller oder eine Gefahr für andere. Ist ein mieser Brocken oder eine rumlaufende Zeitbombe. Ich bin es Leid, erklären zu müssen, weshalb wir uns zurücknehmen, auf Distanz gehen und an geselligen Treffen nicht mitmachen. Wir versuchen, das Thema so wenig wie möglich anzuschneiden, denn entweder kommen wir als Angstmacher oder Spielverderber rüber oder gehen mit den Vorkehrungen zu wenig weit und sind fahrlässig.

Dabei haben wir es persönlich noch gut! Mit dem vielen Alleinsein haben wir keine Mühe. Per Mail, WhatsApp und allen möglichen anderen Medien nehmen wir herzlich Anteil am (Er-)Leben von Familie und Freunden. Gemeinsam erfreuen wir uns an vielen kleinen Dingen und stehen uns mitfühlend bei, im Falle von schlechten Zeiten oder Lagerkoller. Freunde von uns haben gerade die alte Mutter verloren. Ein Begräbnis in der derzeitigen Lage zu organisieren ist noch schlimmer als schon in normalen Zeiten! Trost zu spenden auf Distanz, sei es nun per Telefon, Schreiben oder physisch, jedoch auf zwei Meter Abstand, ist nicht so einfach; ich fühle mich da so was von deplatziert und verloren. Eine herzliche Umarmung wäre jetzt das einzig Richtige, und gerade eine solche Nähe ist jetzt ausgeschlossen.

Die hier in Frankreich üblicherweise so grosszügig verteilten bises (Küsschen links und rechts für alle, die sich schon mehr als zweimal getroffen haben) sind jetzt ganz plötzlich ein faux pas. Spontan einladen zum Kaffee oder einem Glas Wein? Geht nicht mehr. Gemütlich zusammen am Ufer sitzen, den Hunden zuschauen und ein wenig schwatzen? Einen Teil des Weges zusammen gehen? Nur mit grossem Abstand und mit einem leicht unwirklichem Gefühl. Die übliche Unbefangenheit ist uns irgendwie abhanden gekommen. Mich irritiert dies ziemlich.

Die Gesprächsthemen werden auch spärlicher; uns geht langsam der Stoff aus. In den News kommt kaum etwas anderes als die schon durchgekauten Themen: Corona, die Statistiken, die Öffnung, die Wirtschaft und Trump (und jetzt noch ein wenig Kim Jong Un). Von da kommt also keine neue Nahrung für Gespräche. Persönlich erleben wir ja auch kaum mehr etwas besonders Aufregendes, und so ertappen wir uns auf einmal bei einem Notstand an Gesprächsthemen. Etwas noch nie dagewesenes!

Trotz alledem finde ich diese Zeit spannend, wie eine Prüfung. Nach den ersten Wochen fällt man auf sich selbst zurück, beginnt die eigenen Werte, die eigenen Lebensumstände, die Freund- und Bekanntschaften, die persönliche Wichtigkeits-Skalen zu reflektieren. Ich denke, hier laufen wichtige Prozesse ab. Ich bin überzeugt, wir als Gesellschaft brauchen diesen „Full Stop“. Dies ist DIE Gelegenheit, Umschau zu halten und sich zu fragen, wo oder was wir ändern möchten, ob und warum wir vielleicht diesem oder jenem ein anderes Gewicht in unserem Leben geben möchten. Jetzt ist die Gelegenheit da, zu versuchen klarer zu sehen und dem Leben und der Gesellschaft eventuell einen guten Schubser in eine andere Richtung zu geben. Das ist doch gut!

Bleibt brav und gesund

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

4 Kommentare zu „Freundschaft in Zeiten von Corona“

  1. Ich mag deinen Beitrag sehr, die Stimmung entspricht meinem Empfinden.
    Man kann nicht wirklich begeistert sein von den Einschränkungen, macht aber positive Erfahrungen mit entschleunigter Kommunikation, die aufrichtig nach gemeinsamen Themen sucht, weil man eben von aussen auf so wenige reduziert wird.
    Und ich fühle mich abgestossen von den fremden, sich all zu sehr selbstbemitleidenen Menschen und tief enttäuscht von Bekannten, die ich für innerlich erwachsener gehalten hätte, zumal sie genau dasselbe Gequengel bei Kindern rügen würden und bei ihren eigenen womöglich sanktioniert hätten, und die gewohnheitsmässigen Rebellen, die nur reflexhaft gegen egal was anrennen, kann ich nicht begreifen.
    Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn sagte schon zu Beginn der Woche während einer Regierungsbefragung „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ und, ganz gleich, wie er es nun in der Situation gemeint hat, finde ich den Satz für das Kleine wie das Grosse passend.
    Liebe Grüsse!

    Gefällt 2 Personen

  2. Das ist auch etwas was mich sehr anstrengt, dass man immer an einer Front steht. Man merkt es unseren Teenagern jetzt doch so langsam an, wir haben die Kontaktsperre radikal ausgelegt, jetzt öffnen wir im erlaubten Rahmen. Wir erwachsen können irgendwie trotz allem versuchen etwas Positives aus der Krise zu ziehen. Für unsere Teenies ist das schwieriger. Sie haben am Anfang wirklich gegengehalten, sich auf ihre Familienkerngruppe beschränkt, Sport gemacht, kreativ geworden, im Garten geholfen. Jetzt ist die Luft raus. wahrnehmbar ist eine leicht depressive Verstimmung.

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