Ein Lob auf die Langeweile

Gerne sage ich mal, ich langweile mich nie.

Das ist wahr und gleichzeitig gelogen. Denn klar langweile ich mich ab und zu. Wenn auch nie lange, aber trotzdem, es passiert mir auch. Wenn ich an Langeweile denke, habe ich sofort eine Kinderstimme im Ohr: Mama, mir ist langweilig!

Eigentlich, egal wer das sagt, sind wir dann meist schnell zur Stelle mit Ratschlägen. Einem Kind sagen wir etwa, es solle doch etwas zeichnen oder wieder mal die Legos hervor nehmen. Bei Erwachsenen ist das schon schwieriger, da wird etwa flapsig vorgeschlagen, jetzt halt endlich die Wäsche zu machen oder das Badezimmer zu putzen. Meist kriegen wir jedoch gar nicht mehr zu hören, dass sich die Grossen auch ab und zu langweilen; es gibt da doch das Handy oder sonst ein elektronisches Spielzeug mit dem man dieses öde Gefühl abtöten kann. Ob das besser ist, als eine Ruhepause einzuschalten, sich Träumereien hinzugeben oder einfach mal ein Nickerchen zu machen?

Und dennoch, was ist Langeweile eigentlich? Wir leiden unter Antriebslosigkeit, haben keine Ideen, keine Lust auf was auch immer, oder befinden uns einfach in einer persönlichen Endlosschlaufe. Das unangenehme ist ja nicht das gegenwärtige Nichtstun, sondern das schlechte Gewissen. Weil wir dazu erzogen werden stets etwas tun zu müssen, produktiv sein, Ergebnisse vorweisen. Aber müssen wir das wirklich?

Ich denke nicht. Wir sind keine Automaten und auch keine gestörten Hamster, die wie verrückt im Rad herumjagen. Das Nichtstun sollten wir nicht nur auf die Ferien verschieben um diese dann mit einem masslosen Erholungsanspruch zu überfrachten: „Also, Körper und Seele mal herhören! Wir haben jetzt zwei Wochen Zeit um uns  t o t a l  zu erholen, vorwärts marsch!“ Ich bin dafür, dass wir auch unseren Kindern, Partnern, ja sogar Chefs sagen dürfen, dass wir jetzt mal eine Runde ins Blaue starren und einfach nichts tun wollen oder müssen.

In einer Hängematte, nichts tun und ins Blaue schauend
Nichtstun und ins Blaue gucken

Als ich im Praktikum meiner Ausbildung war, hatte ich meinen Arbeitstisch an einem gläsernen Atrium. Ich sah rundum die Arbeitsplätze von Leuten aus anderen Teams, die ich kaum kannte. Gegenüber war ein junger Architekt. Der starrte regelmässig und regungslos lange einfach in die Luft, den Oberkörper weit zurückgelehnt, oft die Füsse auf dem Pult, Augen offen. Ausgeschaltet, vorübergehend nicht auf Sendung. Auf einmal war diese Träumerei jeweils zu Ende und er zeichnete und rechnete wie in Trance, wohl bemüht die Eingebungen so schnell wie möglich auf Papier zu bringen, bevor sich die Ideen verflüchtigen konnten. Ich denke, der hatte seine Methode zu tollen Eingebungen gefunden und ich bin heute noch erstaunt, dass sich damals (Ende der 70er) niemand über den Faulpelz beklagte; offenbar war er gut in seinem Job!

Irgendwo hab ich mal gelesen, dass Langeweile im Hirn Kräfte auslöst. Langeweile und  Nichtstun seien Superfood für das Hirn! Bei gesunden Menschen dauere sie nicht an, sondern –  wenn man sie denn zulässt -, erfolge auf einmal ein Energie- und Ideenschub. Langeweile könnte auch eine Pause für das Hirn sein, in der wir nicht ständig aktiv denken und uns mit weiss Gott was allem herumschlagen. Das Hirn wird von uns nicht dauernd mit Aufträgen bombardiert, sondern darf einfach mal sich selber sein und tada! kommt eine Erleuchtung. Das ist doch toll! Vielleicht kommen gerade deshalb vielen gute Ideen oder Lösungen beim Einschlafen oder in der Nacht. Unser Hirn braucht offensichtlich Ruhe und Entspannung um manchmal zur Höchstform auflaufen zu können!

Langeweile sollten wir deshalb einfach zulassen und aushalten, und nicht sofort ein Ablenkungsmanöver starten. Kein Handy-Game, kein „halt mal Mutter anrufen“, kein Fernsehen, kein „ich geh dann mal in die Kneipe und hänge mit den Kollegen ab“. Wir sollten auch keine Ratschläge an Langeweile-„Opfer“ geben. Mir kommen in einem solchen Fall tatsächlich oft die unglaublichsten Einfälle. Meist merke ich es zunächst gar nicht, finde mich aber plötzlich auf einer Leiter am Wände neu streichen, am Kuchenbacken (ich backe sonst nie Kuchen!), bin schon mitten im Beitrag schreiben, habe die Nähmaschine hervor gekramt und flicke gerade endlich den Riss in den Jeans, reinige alle Küchenfronten oder wasche gar mein Fahrrad!

Ehrlich, Langeweile lohnt sich! Es tut gut einfach mal unser Hirn machen lassen.

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Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

2 Kommentare zu „Ein Lob auf die Langeweile“

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