Die Sache mit dem Wasser

Mal hat’s Zuviel, mal Zuwenig. Im Moment verfügen Flüsse und Kanäle in Frankreich über genügend Wasser. Bloss, jetzt ist November und fast niemand ist auf den Wasserwegen unterwegs und was soll man da bei Kälte, Nieselregen und Nebelschwaden?

Obwohl fast jedermann schon hinter dem Ofen an der Wärme hockt, geht die Diskussion über die Wasserlage auf Stegen, in Booten und in den verschiedenen Netzwerken weiter. Der Schock der vergangenen zwei Saisons sitzt noch in den Knochen. Im 2018 gab es allgemein ab August Probleme mit niedrigen Wasserständen. Ein paar Kanäle mussten deswegen geschlossen werden, Abschnitte wurden gesperrt oder zumindest kriegten die Boote mit grösserem Tiefgang Probleme.

Dieses Jahr fingen die Sorgen bereits im Juni an. Die Bootsleute waren gut beraten, sich laufend über den neuesten Stand zu informieren. Immer wieder wurden Sperrungen gemeldet und schon früh wurden wichtige Kanäle wie der Canal de Bourgogne, der Canal du Centre, der Canal latéral à la Loire oder die Hauptverbindung in den Norden des Wasserwegnetzes, der Canal des Voges, gesperrt oder zumindest bloss sehr eingeschränkt befahrbar. In unserer Gegend tummelten sich auf einmal Hotel-Péniches, die normalerweise auf den Routen entlang der Burgundischen Weinbergen unterwegs sind. Basen für Mietboote in den oben erwähnten Kanälen konnten ihr Angebot nicht mehr aufrecht erhalten und mussten ihre Aktivitäten auf die noch offenen Wasserwege konzentrieren, insbesondere auf die Saône und die Petite-Saône. Letztendlich traf es auch uns und viele andere Freizeitschiffer. Ob wir nun stets denselben Winterplatz haben oder jedes Jahr an einem anderen Hafen die kalten Monate verbringen wollen, die Plätze werden normalerweise spätestens im Frühjahr gebucht. Im Frühsommer fing es vielen von uns an zu dämmern, dass diese Überwinterungsplätze nicht mehr ohne Weiters erreicht werden konnten. Die permanenten Schliessungs-, Wiedereröffnungs- und erneute Schliessungsnachrichten waren beunruhigend. Routen mussten angepasst werden, viele machten rechtsumkehrt und jeder versuchte zu erraten, ob er seinen Platz besser freigeben sollte und einen anderen, sicherer zu erreichenden suchen sollte. Diese Unsicherheit merkte man gut. Es war ein konstantes Diskussionsthema auf den Bootsstegen.

Auch der Unwillen und die Kritik gegenüber den staatlichen Verantwortlichen stieg. Vor allem auf den Plattformen im Internet. In Frankreich ist die staatliche Behörde nicht unbedingt für ihre proaktiven Handlungen bekannt; im Gegenteil, eher für Budgetkürzungen, rigide Sparmassnahmen bei Personal und Unterhalt der Infrastruktur und Bekanntgabe über geplante Totalschliessungen und Verkleinerung des Wasserwegnetzes. Dabei wären eine nachhaltige Pflege und die Einsetzung moderner Technik für ein optimiertes Wasser-Management gerade jetzt wichtig. In Frankreich gibt es meines Wissens keine Schleusen, die das „verlorene“ Wasser wieder raufpumpen. Was runter ist, ist weg! Das ist unsinnig. Der Missmut der Nutzer und Freunde der Wasserwege ist legitim und nimmt spürbar zu.

Verständlich scheint mir persönlich die bisherige Politik – oder besser das laisser faire -vom Staat und damit VNF (Voies Navigables de France) also nicht gerade! Neben der freizeitlich betriebenen Schifffahrt haben die Wasserwege ein riesiges Potential für die professionelle Schifffahrt. Ein modernes Binnen-Transportschiff transportiert Waren, die sonst 180 LKWs laden müssten. Aber auch die kleineren, traditionellen Péniches, welche bis zu 10 LKW-Ladungen transportieren können, haben ihre Berechtigkeit. Schliesslich lassen wir auch einzelne LKWs auf den Strassen herumbrettern! Die Transportart auf dem Wasser ist bereits jetzt umweltverträglicher als der Strassenverkehr und könnte noch weiter verbessert werden. Der Wasser-Tourismus ist bestimmt auch nicht vernachlässigbar und die Häfen und Anlegestellen bringen Geld in Geschäfte und Restaurants vor allem auch in nicht zentral gelegene Ortschaften, da die Kanäle oft durch sehr ländliche Gebiete führen. Die Wasserwege Frankreichs (und Europas allgemein) stellen zudem ein kulturelles Erbe dar, das durchaus besser gepflegt und geschätzt werden könnte.

Anstatt dass diese bewundernswerten Bauwerke aus vergangenen Jahrhunderten gepflegt und ausgebaut werden, sehen wir hilflos zu wie sie sich selber überlassen werden, wie trotz Wassermangel Bauern (zum Teil illegal) hektoliterweise Wasser aus Flüssen und Kanälen pumpen und das Wasser im Giesskannenprinzip vor allem über Viehfutter (Mais) sprengen, auch tagsüber bei 35°C ! Der Franzose staunt dann, wenn abgesehen von den Kanälen auch zum Beispiel von der Loire nur noch ein Rinnsal verbleibt und den Fischen das Restwasser zu warm wird und sie eingehen.

Diesen Herbst nun gibt es reichlich Niederschlag. Wenn es einen nicht allzu trockenen Winter gibt, besteht eine gute Chance, dass die Speicherseen und die Wasserspeicher im Boden voll werden und das nächste Jahr über volle Kanäle und Flüsse verfügen wird. Es gibt viel Widerstand gegen die bisherige Politik der Verwaltung der Kanäle und des Wassers. Nun ist ein neues Direktorium am Drücker. Der Verwaltungsratspräsident kämpfte in seiner vorherigen Tätigkeit als Maire von Nancy u.a. für „seine“ Kanäle und deren besseren Unterhalt und Nutzung. Es besteht also begründete Hoffnung, dass es eine Wende gibt. Die nächsten Jahre werden es aufzeigen. Ideal wäre, wenn die professionellen Transporte gestärkt würden; Nicht bloss weil es wirtschaftlich und ökologisch interessant wäre, sondern nicht zuletzt, zum Nutzen der Freizeitschiffer, weil die grösseren Transportschiffe die Wasserwege „pflügen“ und so exzessiven Algenwuchs behindern und Sediment ausräumen. Ich bin sicher, mit etwas häufigeren Begegnungen mit den kraftvollen Transportschiffen könnten wir Kleinen leben, auch wenn es nicht immer einfach ist, diese zu kreuzen oder sich überholen zu lassen! Mit gegenseitiger Rücksicht geht alles und mit vereinten Kräften lässt sich mehr erreichen. Zum Beispiel mehr Interesse für intelligentes Wassermanagement.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

2 Kommentare zu „Die Sache mit dem Wasser“

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