Schwestern: Zeit zu weinen, Zeit zu lachen

Das erste Mal seit langem bin ich weg von Hafen, Boot und Familie. Allein. Im Heimatland.

Wenn man so nach langer Zeit wieder mal in relativ vertrauten Gefilden ist und die eigene Sprache hört ist das schon seltsam, irgendwie fremd. Ich erlebe das nicht das erste Mal, und doch erstaunt es mich immer wieder, wie sehr und wie schnell man sich  entfremdet. Aber vielleicht passiert das ja nur mir so.

Auf einmal scheint der Sprachrhythmus des eigenen Dialekts als auffällig, ich realisiere, wie von meinen Landsleuten oft gewisse Füllwörter und ganze Sätze immer und immer wieder schon fast stereotyp angewendet werden. Ui, passiert mir das auch? Ich kontrolliere mich, höre mir selber zu und finde plötzlich, ich rede so komisch! Dasselbe kennt ihr vielleicht, von Situationen, wo man dasselbe Wort ein paar mal hintereinander sagt: „Es hängt innen an der Küchentür, nein nicht dort, hinter der Küch’ntür, Kü-ch’n-tüüür!“ Küchüntür? Und auf einmal hört man sich selber reden und denkt: verqueres Wort! Wie klingt den sowas für jemanden, der nicht versteht was ich genau sage!? Der denkt ja, ich hätte ein Problem! Noch nie passiert? Mir schon.

Auf jeden Fall bin ich eben jetzt „daheim“. Obwohl es sich überhaupt nicht so anfühlt.  Damit niemand beleidigt ist, der uns jetzt persönlich kennt: Nein, es weiss es niemand, auch besuche oder kontaktiere ich niemanden hier. Ich bin sozusagen in einer wichtigen, geheimen und privaten Mission: meine Schwester. Sie braucht mich. Sie ist krank. Richtig, ernsthaft krank. Da hat es nicht noch Platz für anderes. Ich bin nur und ausschliesslich für sie da. Punkt.

Es ist eben nicht nur toll, weit weg zu wohnen und relativ immobil zu sein. In gewissen Fällen kann es einen ganz schön durcheinanderwirbeln. Ich hatte im Sommer das Gefühl, alles so schön im Griff zu haben; den Operationstermin meines Mannes und seine Abwesenheitszeit für OP und Reha war wunderbar organisiert. Und dann kamen plötzlich schlechte und nach und nach noch üblere Nachrichten aus der Schweiz. Diese erreichten uns fernab von jedem städtischen Zentrum. Auf einmal kamen da ein paar  Dinge zusammen, die zeitlich und örtlich einfach nicht zusammen passen wollten. Eine  optimale Lösung gab es nicht, und ich hätte mich gerne zweigeteilt. Aber gleichzeitig an zwei, drei verschiedenen Orten sein geht nicht. Wir lagen in der falschen Gegend, Besuch war im Anmarsch, der OPs-Termin rückte immer näher und das Boot musste noch zurück in die Zivilisation …. Wieder mal musste ich realisieren, wie schnell ein scheinbar perfekter Plan unperfekt wird!

Und jetzt bin ich hier, geniesse die guten Gespräche und das lange, ungezwungene Zusammensein. Wir haben viel Zeit, Zeit zu reden, zu schweigen und ja, auch zu lachen. Der Zeitpunkt war gut gewählt, es geht im Moment nicht so schlecht. Wir können raus, für einen Kaffee, einen kleinen Spaziergang. Wir kochen zusammen, trinken Tee, geniessen die Zeit. Die Therapie schlägt jetzt an und wir sind alle guten Mutes, hoffentlich geht es, nach so vielen Tiefschlägen, nun aufwärts. Ich bin froh, war dieser überfällige Besuch jetzt endlich möglich. Ich bin erleichtert. Und den Winter über zigeunern wir ja nicht herum und sind viel flexibler. Wir brauchen das jetzt! Und das bisschen Familie, das ich noch habe ist mir wichtig, sehr wichtig.

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

4 Kommentare zu „Schwestern: Zeit zu weinen, Zeit zu lachen“

  1. Das kann ich komplett nachvollziehen. Auch wenn man einfach nur etwa 900 Km von der Familie entfernt wohnt, wird vieles sehr schwierig. Man kann leider leider noch nicht beamen. Da wäre ja vieles spontan möglich. Aber das dauert sicher noch eine ganze Zeit. Schade eigentlich. Ich wünsche dir und deiner Schwester noch eine gute Zeit.

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  2. Danke Suzy, ich habe die Zeit genossen. Was konnten wir wieder mal nach Herzenslust quatschen, Kaffee und Kuchen geniessen und einfach mal ‚sein’ , alles dürfen und nichts müssen – herrlich!
    Wie sich nun herausstellt haben wir für unser Beisammensein die besten Tage ausgewählt, darüber bin ich sehr froh!
    Bis bald wieder, ich drücke dich fest! Deine kleine Schwester

    Gefällt 1 Person

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