Ein Lob auf die Langsamkeit

auf das sich Einlassen und auf die Entschleunigung.

Für fleissige Leser/innen dieses Blogs ist das sicher nicht neu: wir sind langsame Reisende! Manchmal sogar extrem langsam, bis hin zum absoluten Stillstand. Gemächliche Reisende durchs Leben allgemein und auch entspannt unterwegs.

Nun stellt sich die Frage, ob es besser ist langsam unterwegs zu sein,
im wahrsten Sinn des Wortes ein wenig heruzudümpeln, und sich die notwendige Zeit zu lassen um sich auf das Eine oder Andere so richtig einzulassen oder ob man mit einem vollen Programm und präzisen Zielen und mit möglichst vielen Highlights durchdüst und so mehr profitiert. Das habe ich mir bislang noch nie so bewusst überlegt. Wir waren eigentlich schon immer wie jetzt auch; haben die Dinge auf uns zukommen lassen, nie weltbewegende Reisen gemacht und schon gar nicht jede Ecke dieser Erde abgeklappert! Trotzdem haben wir das Gefühl, extrem viel er-lebt und ge-lebt zu haben, einfach halt im Naheliegenden, Kleinen und Langsamen. Diesen Eindruck haben wir auch jetzt mit unserem Leben auf dem Hausboot. Es passiert nix und trotzdem immer viel.

Wahrscheinlich ist die Frage ähnlich wie bei einem Kleiderschrank: ist es besser einen riesigen Schrank voll mit Kleidern zu haben oder einen kleinen mit lauter essentiellen und kombinierbaren Stücken, welche man alle auch tatsächlich trägt? Eben. Wir sind vom Typ her eher ‚kleiner Schrank‘.

Mir lag noch nie viel daran, Reiseziele anzupeilen, die in jedem Prospekt zu finden sind (oder auf jedem Instagram-Post). Was soll ich da unter all’den Leuten? Warten mit dem ultimativen Shot bis keiner mehr im Weg steht? Ich brauche keine Trendbar in der ich darum kämpfen muss, etwas zu trinken zu bekommen. Ich will nicht auf den Ramblas in einer Masse von Menschen flanieren, warten bis auch ich einen Blick auf die Mona Lisa erhaschen kann, oder anstehen bis ich auf den berühmtesten Felsen, Strand, Turm… , das angesagteste Lokal, Denkmal, Museum… besuchen oder endlich in die berühmteste Kirche, Bar, Ladenzeile gelangen kann. Ein schöner Dokumentarfilm genügt mir; ich glaube es, dass es unsagbar schöne Strände gibt, in Afrika Löwen und Elefanten, dass Riesenschildkröten an Strände kommen für die Eiablage, der Mt. Everest sehr hoch und sauerstoffarm ist, New York eine riesige und faszinierende Stadt und tropische Länder anders sind als mein Heimatkontinent. Persönlich und mich innerhalb von ein paar Tagen oder Wochen vor Ort davon überzeugen muss ich nicht.  Ausser es bietet sich die Möglichkeit, für ein paar Jahre da hin zu gehen um dort zu leben, denn da funktionierte das langsame Daraufeinlassen ja wiederum. Für mich stimmt der Spruch „Sieh, das Gute liegt so nah“ absolut. Selbst wenn dieses „Gute“ sehr unaufgeregt und banal daher kommt.

Abgesehen von unseren Flügen zu und von unseren Auswanderungs-Ländern und Geschäftsreisen, also so aus freien Stücken, bin ich fast noch nie geflogen! Ich liebe jedoch Bahnfahrten, auch Lange. Reisen beginnen für mich gleich vor der Tür und der Weg ist das Ziel. Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, fahren wir nie gleich auf das Ziel los, sondern nehmen uns Zeit für Umwege und lange Pausen. Ich betrachte das nie als verlorene Zeit (höchstens wenn wir trotz aller Vermeidungs-Strategie doch in einen Stau geraten!) sondern erlebe fast auf jedem Meter stets irgend etwas; sei es bloss kurz eine besondere Aussicht, eine ungewöhnliche Wetterlage oder eine kaum sekundenlange Begegnung, irgend etwas das unterwegs kurz ins Auge sticht. Es braucht nichts Weltbewegendes zu sein! Ich liebe es, Menschen zu beobachten oder ihnen zuzuhören, da tun sich fremde Welten auf! Wenn man auf Details achtet, ist das Leben eine Parodie auf sich selbst, eine Slapstick-Nummer, tragisch, fröhlich, dumm, naiv, lustig und schön. Es ist nie langweilig, selbst wenn eigentlich gar nichts passiert.20190817_Happy cruising

Reisen ist ja eine Art Suche, für manche sicher sogar eine Flucht. Da frage ich mich, ob man ewig suchen oder auch einfach auch mal ankommen möchte. Für mich war und ist mein tägliches Leben viel wichtiger als die paar Tage oder Wochen Urlaub; im Gegenteil, stets wenn ich das Gefühl bekam unbedingt mal wieder wegfahren zu müssen, war das für mich das Alarmzeichen, dass in meinem Leben etwas Wesentliches schiefläuft oder für mich so nicht mehr stimmt. Der Entscheid weg von den Fluchtgedanken, hin zu einer besseren Lebenssituation war für mich stets ein Leitgedanke. Klar, von einem anspruchsvollem Job mit viel Prestige zurück zu buchstabieren ist nicht einfach, bringt aber oft viel mehr Lebensqualität. Ich hatte nie das Gefühl, eine Karriere führe bloss in eine Richtung, nämlich nach oben. Ein Schritt zurück, oder eine Abzweigung nehmen brachte mir mehr als einmal grössere Befriedigung und persönliches Glück. Dieses immer mehr, grösser und besser ist Quatsch und macht uns alle kaputt. Ob das nun das tägliche Leben oder den Urlaub betrifft ist ganz egal.

Hier auf den Flüssen und Kanälen beobachten wir jeden Tag viele Boote. Oft, aber nicht nur, sind es gemietete Boote, welche mit maximaler Geschwindigkeit bis spät abends unterwegs sind. Diese Leute kommen von der Autobahn, steigen ins Hausboot, und brausen davon. Auf Totalausnutzung der (teuren) Ferienwoche aus. Sie nehmen in Kauf, die Ufer durch ihren Wellenschlag zu beschädigen oder andere Boote in Bedrängnis zu bringen, sie nehmen in Kauf abends Mühe zu haben überhaupt noch einen Liegeplatz zu finden und gestresst vor Ladenschluss noch etwas zum Abendessen einkaufen zu müssen. Hetzerei und Druck und dies im Urlaub. Alles muss maximiert werden, man möchte möglichst viel für das bezahlte Geld. Für angerichtete Schäden am Boot hat man ja eine Versicherung und überhaupt, wir haben jetzt endlich Urlaub und da soll uns keiner kommen. Vorschriften und Regeln sind für die Andern da. Echt jetzt? Das Rundum ist alles Kulisse wie in Disneyland und das Umfeld die Statisten?

Ich denke, wir alle (uns eingeschlossen) sind dazu erzogen worden, in die falsche Richtung zu schauen und streben, nämlich weit nach vorne und stets nach oben. Man machte uns glauben, das müsse so sein und das Erstrebenswerte sei unbedingt zu erreichen, auf Teufel komm raus. Nun, global gesehen befinden wir uns nun in Teufels Küche, in mancher Beziehung, oder etwa nicht? Unsere Mehr-Besser-Grösser – Gesellschaft brachte uns endlosen persönlichen Druck und einen kaputten Planeten. Lasst uns doch endlich mal runterfahren und auf andere Werte fokussieren.

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

5 Kommentare zu „Ein Lob auf die Langsamkeit“

  1. Danke für diesen Beitrag 😊. Ich habe ihn heute direkt nach dem Aufstehen gelesen, war besser als die Tageszeitung 😂.
    Und was du schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Es hat mich auch gleich zum Weiterdenken angeregt.

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  2. Für jeden ist etwas anderes richtig. Meistens sind wir nicht besonders langsam, aber das ist der Zeit geschuldet, die uns zur Verfügung steht. Der Urlaub lässt sich leider nicht strecken. Allerdings in diesem Jahr waren wir auch als Bummelanten unterwegs. Wir brauchten einfach Erholung. 😉

    Gefällt 1 Person

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