Kulturschock IX: Widerstand zwecklos

Überall tun sie es: im Supermarkt, in der Post, beim Frisör, beim Arzt und in der Bäckerei. Von Beginn an fanden wir das abartig, überholt und unsinnig. Wir haben uns standhaft geweigert, da mitzumachen. Es wäre doch kostenlos und unabdingbar, wurde uns anlässlich des Einrichten unseres französischen Bankkontos gesagt. Aber nein, wir erinnerten uns an unsere harten Älpler Gringe (in noblerem Deutsch etwa Almler Köpfe oder Dickköpfe von den Almweiden) und blockierten total.

Nach bald eineinhalb Jahren sind wir nun eingeknickt:
unsere Schecks sind vor ein paar Tagen eingetroffen! Schecks! Fühlt sich an wie damals als wir noch mit Traveller-Checks in den Urlaub fuhren, weil es noch keine Bankkarten gab, schon gar nicht für so junges Gemüse wie wir.

Das für Schecks für den modernen Bauern werbende Titelbild stammt übrigens aus ca. 1950!

Nun denn. Jetzt gehören wir auch zu denen, die mit Chèques bezahlen (könnten, wenn es denn überhaupt nicht anders geht). Schecks sind alltäglich und beliebt in Frankreich. Ob Kaugummi für 99 Cents, oder einen Einkauf für 99 €, überall wird das Scheckheft gezückt und ein Scheck ausgestellt. Die Verkäuferin muss den dann umständlich prüfen, Unterschriften werden abgegeben, Visum gesetzt, der Scheck in die Kassenschublade gesteckt und …. endlich …. heisst es „der Nächste bitte“. Kein Schwein regt sich auf und wir Schweizer Bünzli geben uns assimiliert und wagen keinen Mucks zu machen. Jetzt, mit unserem eigenen Scheckheft, gehören wir endlich wirklich dazu. Aber ich glaube kaum, dass wir je einen lächerlichen Einkauf von € 7.36 mit einem Scheck bezahlen werden. Ausser ich hätte Lust, mich für diese Rückständigkeit zu rächen und die Schlange hinter mir zur Abwechslung auf mich warten zu lassen! Aber das wäre mir wohl viel zu peinlich.

Weshalb wir sie denn jetzt haben? Weil vieles in Frankreich fast nicht anders bezahlt werden kann! Franzosen lieben dieses veraltete Zahlungsmittel und hassen Bargeld und Banküberweisungen. Wenn wir mal nach der IBAN-Nummer fragen, geben sie einem das Gefühl wir hätten ihnen soeben angekündigt, ihnen damit Geld vom Konto abziehen zu wollen! Die IBAN-Nummer bleibt geheim, basta. Beim Physiotherapeuten wollte mein Mann kürzlich mit Karte zahlen (da zu wenig Bargeld dabei). Leider nicht möglich. Dann halt eine Überweisung, wird noch heute erledigt, versprochen! Uh, aber sicher nicht; am liebsten einen Scheck. Haben wir nicht. „Dann bezahlen sie halt das nächste Mal, wenn sie in der Nähe sind“. Der gute Mann hatte meinen Mann vorher noch nie gesehen!

Ich muss regelmässig einen Labortest machen lassen. Das letzte mal funktionierte das Kartenlesegerät nicht. Ein Scheck ist auch gut! Ich habe keine Schecks. Oh! Grosses Problem. Wie wäre es mit Bekanntgabe der IBAN-Nummer der Bank des Labors? Klappte (!!!). Nach der Überweisung, dann ein Anruf:

„Haben sie uns Geld überwiesen?“

„Äh, ja. Warum?“

„Unsere Buchhaltung mag das gar nicht; wir wussten erst nicht, wohin mit dem Geld“

„Äh ???“

„Tja, also, wir akzeptieren das jetzt, aber woher haben sie überhaupt unsere Bankverbindung“

„Hatte ihre Kollegin mir angegeben“

„Das hätte sie nicht tun dürfen“

„Äh, ?????“

Wieso zieht mir jemand die Ohren lang, wenn ich bezahle, was ich schulde? Eine IBAN-Nummer ist doch kein Passwort!

Wie auch immer, wir sind jetzt be-checkt und können in diversen, unverständlichen Spielchen mitspielen. Wir integrieren uns langsam, auch in Dingen die unseren Horizont übersteigen, und fühlen uns ein wenig wie in folgendem Wortspiel (selbst erfunden und vielleicht etwas schwach auf der Brust):

Les chèques, c’est l’échec

(zu Deutsch: die Schecks, sind ein Fiasko, ausgesprochen genau identisch: le schek, s’e l’eschek)

Wir sind also jetzt endlich doch noch in Besitz von Schecks, haben aber das irre Gefühl, einen Kampf verloren zu haben.

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

11 Kommentare zu „Kulturschock IX: Widerstand zwecklos“

    1. Das ärgerlichste Problem sind das Bezahlen von Rechnungen. Da stossen wir immer an, weil nur auf wenigen Rechnungen die Bankverbindung steht; die wollen dann stets Schecks. Aber die Angewohnheit, auch Kleinstbeträge mit Schecks zu bezahlen, beobachten wir jeden Tag. Mit Kreditkarten bezahlen können wir eigentlich immer, ausser die Maschinchen sind gerade „en panne“. Da haben sie dann gerne Schecks statt grosse Noten. Aus Angst vor Fälschungen !

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  1. Ich hatte noch nie einen Check in der Hand! 😂 Unglaublich, dass die Franzosen derart darauf abfahren. Ich finde beispielsweise die „Cash-/Contactles“-Funktion das Grösste! Bis zu einem gewissen Betrag sogar ohne Passwort. Spitze.. nur hab ich so manchmal blöderweise fast kein Bargeld mehr dabei, was natürlich sehr peinlich ist, wenn ich in der Bäckerei das Brot mit Karten zahlen muss. 😫 Kommt selten vor, bzw. es gibt dann einfach kein Brot. 🙃

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  2. Hallo Suzy,
    wieder etwas dazu gelernt. Ich kenne noch Schecks, gerade Bar-Schecks waren vor Jahren noch ein beliebtes Zahlungsmittel, dass aber unser wundervolles Nachbarland noch auf so etwas abfährt war mir nicht bewusst und um ehrlich zu sein. Ich dachte Banküberweisung wären üblich. Ha. Ich ziehe nach Frankreich, da fühle ich mich in meine Jugend versetzt.
    Danke dir.
    Liebe Grüße, Peter

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    1. So ist es. Wir fühlen uns auch manchmal, als ob wir in die 70er Jahre zurück gebeamt worden wären. Aber andererseits muss ich zur Ehrenrettung meines Gastlandes zugeben, dass auch Frankreich Fortschrittliches vorzuweisen hat. Jedoch sicher nicht in Bezug auf Bürokratie und Zahlungswesen 🤣. Schönen Sonntag, Suzy

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