Bitter-süss

Demenz ist eine gemeine Krankheit! Vor allem wenn es unsere Lieben betrifft, die sich langsam und über Jahre geistig verabschieden. Als bei meinem Vater vor bald 15 Jahren die erste Anzeichen auftraten, realisierten wir nicht gleich, womit wir es da zu tun bekommen werden.

Er selber bemerkte seine Aussetzer sehr wohl und versuchte sie -uns wurde später gesagt, das sei typisch – mit viel Fantasie und noch viel mehr Nachdruck zu überspielen. Die Anderen täuschten sich, hatten seine Sachen böswillig versteckt oder sie ihm gar gestohlen; er selbst hatte jedoch alles im Griff.

Nun, Jahre später und nach der ganzen entwürdigenden Krankheitsentwicklung kennt er uns nicht mehr, spricht nicht und schaut meist einfach ins Leere. Hart für uns, einen früher so fröhlichen, lebhaften und stattlichen Mann derart auf ein in sich zusammengefallenes Männchen reduziert zu sehen.

Er lebt weit weg von uns – geistig und geografisch – und Besuche sind mit einigem Aufwand verbunden. So sind diese nicht gerade häufig und halt meistens auch relativ kurz. Stundenlang bei ihm zu sitzen, ohne sich mit ihm austauschen zu können ist hart. Hart für uns als Töchter, die halt immer noch den vertrauten Vater gerne zurückhaben möchten.

Das letzte Mal war es aber ziemlich lustig. Nicht, dass mein Vater wundersam die Sprache und seinen Humor wiedergefunden hätte. Im Aufenthaltsraum, in dem wir ihn vorgefunden hatten, sassen noch ein paar andere Bewohner und Betreuer mit ihm zusammen. Eine alte Dame war gut gelaunt und sehr kussfreudig. Sie verteilte grosszügig Küsschen, an jeden der Schmatzer auf die Wangen wollte, immer und immer wieder. Sie verbreitete eine fröhliche Stimmung. Ich dachte, der Mann neben meinem Vater, der unverwandt zum Fenster hinaus auf die umliegenden Berge hinausschaute, so wie andere in den Fernseher gucken, sei blind. Als eine Betreuerin ihn fragte, ob er Durst habe, erfolgte erst null Reaktion und dann erklärte er ihr, er hätte jetzt keine Zeit solange das Rennen laufe. Erstaunt wollte sie – und ich auch! – wissen,“ was denn für ein Rennen!?“ “ Ja, die Radfahrer!“ Er schaue doch den Giro d’Italia und eben sei der ganze Trupp vorbei gefahren!“

Er hatte so unrecht nicht. Draussen kurvten einige Tauben herum, erschienen und verschwanden wieder aus dem Blickfeld, respektive dem Viereck des Fensters. Natürlich hatten sie keine Räder, aber es sah schon etwas aus wie Radfahrer, welche die letzten Runden vor dem Ziel fuhren, jeder um den besten Platz kämpfend!

Irgendwie traurig aber eben doch lustig.

Am Tag danach besuchten wir die jüngere Schwester meines Papis. Sie wird nächstens neunzig und ist klar im Kopf wie eh und je. Ich freute mich sehr darauf, sie zu sehen. Gleichzeitig fand ich es jedoch auch etwas gemein, dass es meinem Vater nicht vergönnt sein soll, auch so fit, aufgeweckt und voller Leben zu sein! Das Leben ist eben doch nicht planbar und nicht alles ist endlos aufschiebbar. Jeder einzelne Moment sollte einfach möglichst bewusst genossen werden. Wie habe ich es heute auf einem Rastplatz am Heck eines Landcruisers, ausstaffiert für Wüstenfahrten, gelesen: Du hast bloss ein Leben, lebe es! Recht so.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

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