Freud und Leid

… in einer kleinen Gemeinschaft. Einer willkürlich zusammen gewürfelter Gemeinschaft!

Auf einem Steg wohnt man sehr nah beieinander, noch viel näher als in einer Strasse oder in einem Haus mit mehreren Wohnungen. Man kennt sich, aber durch die Nähe, diese extreme Nähe, ist man auch sehr diskret. Wenn bei uns jemand ins Boot guckt, ist es ein neugieriger Fremder, der ein wenig Boote guckt. Die Bewohner hier tun das nicht, und ein Boot betreten ohne Erlaubnis des Besitzers ist ein Tabubruch. Ich persönlich finde es ein schöne Sitte, höflich gefragt zu werden ob man an Bord kommen dürfe. Der Aussenbereich des Boots ist unser Garten, der Innenraum privat und sofort ziemlich intim, es gibt ja keinen Empfangsbereich oder Korridor!

Nichts desto trotz kriegen wir jede Menge mit an so einem Bootssteg. Kollegial hält man ein Auge offen auf die Boote die den ganzen Winter oder auch vorübergehend unbesetzt sind. Wir melden Ungewöhnliches wie etwa Leinen die sich lösen, Planen die beginnen im Wind zu flattern, verdächtige Öllachen im Wasser, offen geblieben Luken oder, bewahre, ein langsam sinkendes Boot.

Ganz persönliche Erlebnisse oder Erfahrungen der Stegnachbarn kriegt man mit. Ein neuer Enkel ist auf die Welt gekommen und soll irgendwo auf diesem Planet begrüsst werden, es wird geheiratet, da möchten die Bootler natürlich dabei sein, Ferien werden gemacht, ein Winterjob angetreten, jemand darf an irgend einem schönen Erdenplätzchen ein Haus hüten oder zieht glücklich als neuer Besitzer auf einem soeben gekauften Boot ein.

Noch viel mehr geben die kleinen und grossen Probleme am Ponton zu denken und  reden. Etwa wenn jemand Knall auf Fall wegen einer familiären Tragödie für eine Zeitlang vom Boot wegmuss. Andere werden krank oder haben einen Unfall. Ein Boot macht massive Probleme. Eine finanzielle oder persönliche Lage verändert sich und das Boot wird zur Last, oder man hat sich in der Illusion gewiegt, dass das Leben auf einem Boot besonders günstig ist und merkt erst im Nachhinein, dass das nicht der Fall ist.

Wir wohnen hier fast auf Tuchfühlung mit unseren Nachbarn. Von einigen kannten wir nach eineinhalb Minuten Bekanntschaft deren ganzes Leben. Andere sind viel bescheidener und diskreter. Nach und nach erfahren wir von einer Rugby-Karriere, einem Job im Topkader bei der französischen Post, dem Knochenjob auf Gross-Baustellen, einer lebenslangen Passion für die Perma-Kultur oder von 40 Jahren Arbeit in Afrika. Die Menschen hier haben alle ihre Rucksäckchen an und abgesehen von der Leidenschaft für die Boote gibt es kaum einen gemeinsamen Nenner. Das macht diese saisonale Gemeinschaft so ungemein spannend! Kaum wird es wärmer schippern wir ja in alle Richtungen davon und sehen uns vielleicht jahrelang nicht wieder.

Es gibt Hochs und Tiefs. Nicht bloss bei uns. Bei unserem Nachbar wurde es, nach einem sehr aktiven Herbst und Frühwinter mit viel Besuch von seiner Regenbogen-Familie plötzlich still. Nachdem auch noch Leute eines bekannten Brokers für Boote kamen und Bilder schossen vom seinem Schiff, begannen wir uns schon Fragen zu stellen. Beim nächsten Treffen auf dem Steg erfuhren wir dann, von einem in Tränen ausbrechenden Mann, dass er kurz vor Sylvester und ohne Begründung von seiner langjährigen Lebenspartnerin verlassen worden sei und die ganzen Pläne, die sie gemeinsam gehabt hätten den Bach runter seien. Der Mann ist am Boden zerstört und sieht keine andere Möglichkeit als sich von seinem mit viel Geschmack und Investitionen hergerichteten, hochseetauglichem Boot zu trennen. Ein zerschmetterter Lebenstraum. Er tut mir so Leid, aber was können wir da tun ausser zuhören?

Oder der Brite etwa, der es sich als einfacher vorgestellt hatte, vor Ort einen Job zu finden und nun realisiert, dass es durch den Brexit noch schwieriger werden wird, etwas zu finden. Die Kasse leert sich langsam und er sieht sich mit fast unüberbrückbaren Problemen konfrontiert. Ein Entscheid drängt sich auf und er scheint sich einfach nicht festlegen zu können.

Jacques, der Sonderling den ich vor einigen Wochen mal vorgestellt hatte, verliess den Hafen vor einem Monat; Er sei ein Mann des Südens und brauche Sonne. Deshalb düse er mit seinem Camper jetzt in die Provence. Kaum war er weg, fing hier der Frühling an mit Temperaturen um die 16°C und tagtäglichem knallblauem Himmel. Am Samstag, pünktlich zum Regenbeginn kam Jaques zurück. Es ist wohl seine persönliche Tragik,  jemand zu sein, der ständig zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Auf jeden Fall ist er aktuell schon wieder mal frustriert.

Derweil glänzt Alexandre durch Abwesenheit. Sein Boot sieht immer vernachlässigter aus. Ein Fenster steht seit Wochen offen, es regnet und stürmt sein ein paar Tagen hinein. Die Ponton-Katze hat sich drinnen wohl ein besonders schönes Plätzchen geschaffen. Wir sehen sie rein und rausklettern. Alexandre ist dies offensichtlich egal, er taucht nicht auf und wir haben ein aufgegebenes Boot neben unserem. Ungeliebte Boote sind etwas absolut Trauriges!

Zum Glück ist trotz allem im Hafen eine allgemeine Aufbruchsstimmung zu spüren. Plötzlich sich mehr Boote bewohnt, es wird geputzt und geflickt. Abenteuerlust liegt in der Luft! Schon ist März und die diesjährigen Reisepläne werden diskutiert und nach guten Tipps gefragt. Der Austausch ist offen, Ratschläge werden ausgetauscht und Erfahrungen mitgeteilt. Positives vibes überall!

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

7 Kommentare zu „Freud und Leid“

    1. Beides! Dieser Winter ist total anders als der Letzte. Vor genau einem Jahr waren wir z. B. eingefroren und heute haben wir einen Frühlingssturm! Natürlich sind wir jetzt schon alte Hasen 😉 und erschrecken uns nicht wegen jedem Muckser den das Boot von sich gibt! Insgesamt alles etwas lockerer, also 😁

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  1. Super auf den Punkt gebracht! Wir lagen den ganzen letzten Sommer in Südfrankreich neben einem an Krebs dahinsiechenden Engländer, bis ihn seine Frau zum Sterben nach England geschleppt hat – er wollte lieber auf seinem Segelboot sterben… Auch hier in Rotterdam ist die Nachbarschaft bunt gemischt, interessant und gelegentlich von Dramen heimgesucht.

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  2. Irgendwie klingt das ein bisschen traurig. Also der zweite Teil des posts. Das regt sicherlich zum nachdenken an, wenn man solche Geschichten hautnah mitbekommt.

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