Blauäugig ins Blaue

Je mehr wir über unser Boot lernen, merken wir wie ahnungslos und naiv wir uns in dieses neue Leben begeben haben. Auch erfahren wir von anderen Bootlern, was sie für Probleme und Schwierigkeiten haben, zum Teil Dinge an die wir noch nie gedacht haben. Manchmal fragen wir uns, ob wir nun besonders mutig oder einfach blöd waren.

Nur damit eines ganz, ganz klar ist: wir waren uns noch nie eine Minute reuig den Entscheid, in Zukunft auf einem Boot zu leben, getroffen zu haben! Im Gegenteil, wir sind begeistert und möchten gar nichts anderes mehr!

Es passt wohl einfach zu uns, unserem Bauchgefühl zu gehorchen und der Nase nach zu gehen. Das war schon immer so und mit dem Alter wird man nicht klüger, das ist ein Ammenmärchen. Auch wenn wir uns gelegentlich grosse Sorgen machen ob irgend eines Geräuschs, eines Geruchs oder sonst einem Indikator, dass vielleicht nicht ganz alles so funktioniert wie es sollte, den Spass an diesem doch eigentlich freien und unbekümmerten Leben verdirbt es uns nicht. Ausserdem meine ich, wenn man sich allzu lange Gedanken macht und alles ganz genau abwägt, kommt man nirgends hin, sondern bleibt letztendlich hinter dem Ofen sitzen.

Trotzdem haben wir mit der Wahl unseres Bootes unglaubliches (und unverdientes) Glück gehabt. So haben wir zum Beispiel überhaupt nicht erfasst, wie wichtig – und gar nicht selbstverständlich – eine gute Isolation, Doppelverglasung, Zentralheizung und vieles anderes mehr sind! Dies war einfach schon da, wir fanden das cool aber relativ selbstverständlich. Heute realisieren wir, dass wir einfach Schwein gehabt haben; kein persönlicher Verdienst also.

Wenn ich so um mich blicke sehe ich viele total verrammelte und eingepackte Boote. Einige hier leben den Winter über unter Planen und allen Möglichen Arten von Plastikschutz, also mehr oder weniger im Dunkeln und ohne Aussicht nach draussen. Wir sehen viele angelaufene Fensterscheiben und wissen, dass die Bewohner unter Feuchtigkeit, ja Nässe, zu leiden haben im Winter.

Jetzt ist mir erst klar, was unser Hausarzt gemeint hat mit seiner Bemerkung, die Feuchtigkeit auf den Kanälen und Flüssen würde dann unseren Gelenken nicht gut tun. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass es wirklich zu einem gesundheitlichen Problem werden kann, wenn das Kondenswasser winterlang nur so an den Scheiben und Wänden runterläuft! Wir haben ein Riesenglück, dass die Escapade zumindest diese Probleme nicht hat. Wir haben es wohlig warm und trocken, aktuell liegt die Luftfeuchtigkeit so bei knappen 40%, also sogar eher zu trocken. In unserer Naivität hatten wir einfach das Glück, dass wir auf diesem Boot Ferien gemacht haben, es dann auch in den Verkauf gelangte und wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und somit gleich zuschlagen konnten. Auch Dumme finden mal ein Körnchen! Oder so ähnlich.

Aber mal abgesehen von Eigenheiten, die aus Planung und Bau eines Bootes resultieren, haben wir genauso wie Andere auch immer mal wieder eine Überraschung. Das letzte Mal, als ich von einem Bordrätsel berichtet hatte (unerklärliches Wasser im Rumpf) war der Übeltäter die Waschmaschine, deren Wassereinlauf sich, wahrscheinlich wegen Erschütterungen, sich leicht gelöst hatte. Das Wasser lief nicht etwa unter der Maschine hervor auf den Badezimmerboden, sondern verschwand durch alte Löcher im Boden in den Rumpf und sammelte sich dann Meter entfernt an der tiefsten Stelle in der Bilge. War nicht einfach, die ‚Quelle‘ zu finden. Derzeit beschäftigt mich ein Rauchgeruch – mein Mann riecht ihn nicht – den ich periodisch schon seit Tagen nur und ausschliesslich beim Abgang in die Bugkabine ausmache. Er bringt ich zum Wahnsinn! Im Boot haben wir alles durchgecheckt. Das klingt jetzt sehr fachmännisch, in Wahrheit krochen wir beide auf dem Boden und in jede Ritze, wie Hunde überall herumschnüffelnd: Nichts. Die einzige mögliche Erklärung: Wir haben verschiedene Boote hier am Hafen, die mit Holz heizen; vielleicht zieht es einfach von irgendwo her einen feinen Feuerungsgeruch rein? Mag sein, unangenehm ist es allemal.

Dazu kam noch ein anderes Rätsel: Die letzten paar Tage hatten wir Probleme mit der Hauptsicherung. Sie sprang immer wieder raus, die einzelnen Sicherungen im Sicherungskasten blieben jedoch drin. Grosses Fragezeichen. Naheliegend wäre mal alles auszuschalten und nacheinander wieder einschalten um zu sehen was es sein könnte. Wir sind beide nicht so elektrisch begabt, aber auf diese Lösung kamen wir relativ schnell. Trotzdem dann alles tot war zeigte die Kontrollanzeige des Victrons (elektrische Zentrale) immer noch einen Verbrauch von 700 Watt! What? Und die Hauptsicherung sprang immer noch raus.

Mir kommt die Lösung eines Rätsels oft im Schlaf. Echt. So auch dieses Mal. Während einer eher unruhigen Nacht mit einem Ohr auf das Knacken der rausfliegenden Sicherung lauschend und ein Nasenloch die Luft nach Rauch testend, war es plötzlich klar: Es muss der Wassererwärmer (Boiler) sein! Der schaltet sich automatisch ein und da muss ein Problem sein.

Am Tag danach ein kurzes Telefonat mit dem Konstrukteur und Verkäufer des Boots. Er wusste nach dem ersten Halbsatz was los war – der Heizkörper im Boiler ist defekt – und hatte auch eine Erklärung, weshalb bloss die Hauptsicherung, jedoch nicht die Sicherung des Boilers raussprang! Diese versuche ich hier jedoch nicht zu wiederholen, ich würde mich nur lächerlich machen.

Hat etwas Gutes, sich tagelang Sorgen zu machen und sich Fragen stellen zu müssen: wir lernen es viel besser und das nächste Mal können wir hoffentlich auch einfach sagen: Moment mal, A plus B ergibt C, ganz klar: Der Heizkörper des Boilers ist hin. Bingo!

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

4 Kommentare zu „Blauäugig ins Blaue“

  1. Für die meisten Boote gilt wohl dasselbe, wie für Ferienhäuser: Sie sind nicht für dauerhaftes Wohnen oder Schlechtwetter gedacht.
    Wir sind auch schon wie die Hunde schnüffelnd durchs ganze Haus gerannt, weil es plötzlich nach verkohlter Elektronik stank. Panisch haben wir alle Geräte ausgesteckt und einige Sicherungen ausgeschaltet. Half alles nichts!
    Es waren dann die Nachbarn, die mit allen möglichen Chemikalien versucht haben ihren Grill anzufeuern. Sehen konnten wir das nicht, weil sie hinter unserem Brennholzstapel saßen, nicht mehr als zwei Meter von einer mit Heu und Stroh gefüllten Fachwerkscheune entfernt….

    Gefällt 2 Personen

    1. Das kann ich mir gut vorstellen! Etwa so panisch wie wir diesen Sommer als wir, gerade so gemütlich auf Deck entspannend, ein kleines Motorboot gleich neben uns entdeckten, dessen Kapitän Benzin bei laufendem Aussenbord-Motor nachfüllte! Der kriegte aber was geflüstert!

      Gefällt 1 Person

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