Lieber den Spatz in der Hand …

Smiley mit verschütteten Kaffeebohnen

… als die Taube auf dem Dach‘. An dieses Sprichwort musste ich in den letzten paar Tagen immer wieder denken.

Es gibt offenbar Menschen, die immer und ewig die Taube möchten und andere, die sind mit dem Spatz vollends zufrieden. Die Einen sehen in Allem doch noch etwas Schönes oder Lustiges, die Andern konzentrieren sich nur auf das, was nicht klappt oder das sie nicht erreichen konnten.

Zwischen Weihnacht und dem vergangenen Wochenende hatten wir diesbezüglich einen Anschauungsunterricht der Sonderklasse. Wir laden gerne Leute ein, auch wenn wir sie nicht näher kennen. So geschehen in den letzten Tagen. Die Protagonisten: zwei geschiedene Männer, beide mit schon grossen Kindern, beide sind auf ein Boot als Wohnort geflüchtet. Aber was für ein Unterschied zwischen diesen Männern!

Einer, nennen wir ihn Jacques, hat nach eigenen Angaben eine erfolgreiche Karriere und ein interessantes Leben im In-und Ausland hinter sich und ist offensichtlich gut situiert, hat ein tolles Boot und ein kleinen Luxus-Camper. Der andere, Alexandre, scheint alles andere als einen gradlinigen Berufs-und Lebensweg hinter sich zu haben und muss finanziell wohl ziemlich unten durch. Sein Boot hat zwei defekte Motoren, er heizt mit einem kleinen Umluftofen der gerade dazu reicht, dass er nicht erfriert. Er arbeitet irgendwas im Tiefbau und hat Baustellen jeweils irgendwo in Frankreich. Zur Zeit gerade an der Atlantikküste. Er weiss nicht mehr, was ihn geritten hat, ein altes Boot im Burgund zu kaufen!

Eigentlich würde man denken Jacques sei frohgemut, aufgestellt, hätte viel zu erzählen und geniesse sein Leben auf dem Wasser. Alexandre hingegen ist eine arme Socke und wäre dem entsprechend betrübt und in den Seilen hängend. Das Gegenteil ist aber der Fall!

Der reiche Rentner sieht nur seine alten Erfolge, bezieht seinen Selbstwert einzig aus diesen und ist verbittert über Kinder und Exfrau, weil die ihn offenbar auch nicht bewundern. Er hält sich für kompetent in allen Dingen und scheut sich nicht, seine Meinung anderen aufzudrängen. Gespräche findet er offensichtlich bloss interessant, wenn er über sich reden kann, so ein Pfau! Er nimmt sich und seine Probleme sehr, sehr ernst und … nun, ich glaube, diese Message ist bei euch schon angekommen!

Alexandre hingegen – wir läuteten mit ihm das alte Jahr aus und das Neue ein – ist ein toller Gesprächspartner, offen, humorvoll, interessiert und interessant, nimmt seine Kümmernisse locker und scheint ein richtiger Überlebenskünstler und Stehaufmännchen zu sein. Er lacht über seine Naivität, ein Boot gekauft zu haben, ohne dass er die Motoren geprüft hatte und sich hat reinlegen lassen. Wir hatten einen absolut tollen Abend, stundenlang über alles Mögliche geredet und uns nicht eine Minute gelangweilt.

Im Nachhinein macht mich dieser riesige Unterschied, an das Leben und seine Widrigkeiten heranzugehen, betroffen. Es ist offenbar das alte Lied des halbvollen oder halbleeren Glases. Jacques hat sichtlich die Variante des halbleeren Glases gewählt und strahlt eine negative Grunddisposition aus. Er wundert sich wohl, weshalb ihn andere Menschen nur kurz ertragen. Klagen und über andere herziehen sind eben kein Gespräch! Angeben und sich selber loben ebenfalls nicht.

Alexandre hingegen hat den Dreh schon eher raus, ist differenziert und trotz allem Ungemach positiv. Er nimmt sich auch mal zurück und hört zu; richtig zuhören ist ein seltenes Talent! Die meisten warten bloss auf ihr Stichwort. Gespräche und auch Freundschaften sollten wie ein Ping Pong sein, mal hat der Eine den Ball etwas länger und dominiert, mal der Andere. Alle kommen auf ihre Rechnung und fühlen sich wohl.

Jacques und Alexandre sind uns eine gute Lehre! Mir ist das noch nie und so klar  bewusst geworden, wie wir Menschen ticken und was ein guter zwischenmenschlicher Kontakt ausmacht. Leute wie Alexandre: bitte, hereinspaziert!

 

 

 

 

 

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

3 Kommentare zu „Lieber den Spatz in der Hand …“

  1. Hallihallo
    Das ist uns auch schon mehrmals aufgefallen… die einen sind eben Opfer und bleiben es. Schade für sie selbst… Kann ich nicht nachvollziehen… 😉
    Und das sind wohl die mühsamsten Gespräche mit solchen Monolog-Haltern 😂
    Mag Alexandre‘s eindeutig auch – da staunt man oft – haben nichts, aber machen das Beste draus! Hut ab!

    Einen wunderbaren Abend euch beiden. 🥂

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  2. Hallihallo
    Das ist uns auch schon mehrmals aufgefallen… die einen sind eben Opfer und bleiben es. Schade für sie selbst… Kann ich nicht nachvollziehen… 😉
    Und das sind wohl die mühsamsten Gespräche mit solchen Monolog-Haltern 😂
    Mag Alexandre‘s eindeutig auch – da staunt man oft – haben nichts, aber machen das Beste draus! Hut ab!

    Einen wunderbaren Abend euch beiden. 🥂

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