Der Natur (zu) nahe

Auf einem Boot zu leben bedeutet auch sehr nahe bei der Natur zu leben. Das altgewohnte leicht distanzierte Verhältnis zu ihr ist verändert. Obwohl wir früher schon, gerade wegen und mit den Hunden, uns viel draussen bewegt haben, blieb da stets eine gewisse Barriere. Wir hier in der Stadt, im Dorf, im Haus, in der Wohnung und dort draussen die Natur, separat, abgetrennt vom täglichen Leben. Die Natur ist dafür da, um entspannte Stunden zu verbringen, ein Picknick abzuhalten, zu wandern, herumzutoben, die Abendstunden zu geniessen.
Auf einem Boot wird diese Trennwand zwischen Innen und Aussen sehr dünn, im plastischen und übertragenen Sinn. Ich mache einen Schritt und bin von der Küche in freier Natur. Stürmt es, gibt es bloss etwas Blech, das mich schützt, die Vertäuung des Bootes muss kontrolliert und den Bedingungen angepasst werden, die Geräuschkulisse der Natur ist unmittelbar neben dem offenen Bullauge, die Gerüche wabern ungehindert herein, sei es der Duft eines blühenden Strauchs oder der Gestank von Fuchskot.

Sicher hat die Trockenheit, die immer noch andauert, uns dazu verholfen, uns mal richtig und bewusst umzusehen und zu erleben, was da eigentlich alles abgeht, was wir uns für ein irrwitziges Verhalten angewöhnt haben, wie respektlos und verschwenderisch wir leben. Wir haben die Not der Natur jeden Tag gesehen und in den Dörfern und Städten ging das Leben seinen gewohnten Gang, unbehelligt von den Problemen draussen. Mich hat das etwas schockiert. Die Trockenheit, die zum Teil wirklich dramatische Ausmasse angenommen hatte, fanden viele toll; ist doch schön, nie Regen, immer Sonnenschein, wie Ferien, ich habe es gerne warm. Ich weiss nicht genau, was ich erwartete. Aber etwas mehr Wahrnehmung der Bedeutung dieses Wassermangels ganz bestimmt.

Deutlich sichtbar: nur noch wo ab und zu Baumschatten hinfällt ist es noch grün
Deutlich sichtbar: nur noch wo ab und zu Baumschatten hinfällt ist es noch grün

Wir persönlich haben vor Allem verstanden, dass scheinbar Selbstverständliches nicht für immer und ewig und in Mengen zur Verfügung stehen wird. Verstanden, dass wir wohl Zeugen einer Entwicklung sind, die uns ins Verderben führen kann und möglicherweise wird. Als wir in den Kanälen unterwegs waren und das Wasser jede Woche etwas fiel, habe ich mir wohl zum ersten Mal in meinem Leben wirklich, wirklich Sorgen gemacht. Sorgen, dass uns das Wasser ausgeht, wir aufsitzen, unser Boot – das ja einziges Zuhause ist – nicht mehr flott kriegen, es Schaden nehmen könnte, unsere Zukunft in Frage gestellt werden könnte. Wir wohnen auf dem Wasser, es ist unser Boden der Existenz, und auf einmal ist da immer weniger davon und niemand kann etwas tun dagegen. Mich hat das extrem beeindruckt.

Rund um uns haben wir beobachtet wie die Felder, Wiesen und Wälder nach und nach vertrocknet sind. Im Wald roch es buchstäblich nach Trockenheit und gedörrtem Grün. Wir sahen es dem Gras an, ein Funke nur und es würde lichterloh brennen. Das Holz der Bäume wurde brüchig und kleine und grosse Äste donnerten herunter. Sobald Wind aufkam, war die Luft staubig und die Bäume rauschten nicht, sie knisterten. Beim Anlegen hielten wir Ausschau nach problematischen Bäumen, nach besonders trockenen Stellen, um nicht da festzumachen wo es Probleme geben könnte.

Auf den Feldern standen riesige Bewässerungsanlagen. Die Bauern pumpten Wasser aus jedem möglichen Gewässer bis zum vollständigen Austrocknen. Meistens für Maisfelder, Viehfutter. Vom Kanal aus entdeckten wir raffiniert versteckte Pumpanlagen, die vom Ufer oder aus einer gewissen Entfernung nicht mehr auszumachen waren. Wahrscheinlich illegales Auspumpen. Die Sprinkler-Anlagen liefen den ganzen Tag, bei sengender Hitze. Was für eine Wasserverschwendung.

So riesige Bewässerungsanlagen laufen Tag und wohl auch Nacht
So Bewässerungsanlagen laufen Tag und wohl auch Nacht
Monster-Sprinkler in einem Maisfeld von oben mit der Drohne aufgenommen.
Monster-Sprinkler in einem Maisfeld

Bei den Temperaturen ist das allermeiste Wasser auf den Blättern verdunstet, bevor es überhaupt auf der Erde ankommt, geschweige denn diese durchdringen kann. Ich habe verstanden, woher die Rechnung kommt, dass die Produktion von Rindfleisch Unmengen an Wasser verschlingt. Es ist nicht nur das, was ein Rind säuft! Es sind die tausenden von Hektaren, ja Quadratkilometern Mais und Sojabohnen.

Nun sind wir nicht mehr unterwegs, aber richtig geregnet hat es immer noch nicht. Für nächste Woche ist der erste Schnee gemeldet. Bloss ein paar Flocken. Was passiert, wenn es erst bei tiefen Temperaturen regnet? Die Gewässer werden sich diesen Herbst nicht mehr erholen können. Die Wiesen und Felder ebenfalls nicht. In den Bergen wird es schneien und nächstes Frühjahr werden die Flüsse anschwellen mit Regen und Schmelzwasser. Ich wage mir noch nicht auszudenken, wozu das führen kann.

Heute habe ich beim ersten Haus an unserem Weg in die Stadt erstmals eine bereits bekannte, aber nie verstandene Inschrift deuten können: 4 N 1840

Es ist die Marke des Wasserstandes der Reyssouze, des örtlichen Flüsschens, am 4. November 1840. Diese liegt viele, viele Meter über dem Fluss. Damals war das gesamte Vallée de la Saône unter Wasser. Ich glaube, die Hochwasser vom letzten Winter waren nicht die einzigen, die wir vom Boot aus erleben werden, hoffe aber, so eine Marke werde nie mehr erreicht! Dann würden wir zwar schwimmen, aber weit über dem Hafenbecken hinaus irgendwohin dümpeln. Cross the fingers.

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

9 Kommentare zu „Der Natur (zu) nahe“

      1. Ich fahre jeden Tag auf dem Weg zur Klinik des Ehemanns über den Rhein – ich muss immer hin gucken. 2003 war es schon mal so niedrig, aber da endete mit dem Sommer auch die Dürre und bald floss das Wasser wieder wie gehabt. Diesmal will es scheinbar gar nicht enden…

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  1. Bei uns ist auch weiterhin alles trocken. Das hindert manche Menschen aber nicht daran auf einer Wiese im Wald direkt neben den Bäumen ein großes Lagerfeuer zu entzünden, trotz Verbotsschilder. Ein paar Meter weiter hätte es zumindest eine eingefasste Grillstelle gehabt.

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  2. Ja, auch mir machte der diesjährige Sommer und Herbst zwischendurch Angst. Ganz einfach wegen des Wassermangels für Mensch, Tier und Pflanzen – und wegen der Entwicklung des Klimawandels in der Zukunft …
    Eine kleine Ergänzung möchte ich jedoch bezüglich Rindfleisch anzubringen: Unser Vieh liefert nicht nur Fleisch, sondern vor allem Milch. Und eine Kuh produziert nur dann Milch, wenn sie jährlich ein Kalb zur Welt bringt. Am zugegeben hohen Wasserverbrauch sind also nicht nur das Fleisch, sondern genauso die Milch, Käse, Butter und alle anderen Milchprodukte schuld.

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  3. Hallo Suzy,
    vielen lieben Dank für deinen sehr einfühlsamen Bericht.
    Hier im Pott, Duisburg, hat es sogar bis jetzt kaum geregnet. Gestern einmal ein sehr heftiger Schauer mit kleine Hagelkörnern, aber ansonsten blieb auch hier der Regen im Großen und Ganzen aus. Kann mich persönlich nicht an eine so lange Trockenheit, paar kleinere Regenfälle, erinnern.
    Liebe Grüße, Peter

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  4. Ich arbeite ja in der Schifffahrt und habe, vorallem in Deutschland noch, aber auch in Canada zB, immer mitbekommen, wenn Hoch- oder Niedrigwasser war. Es ist schon Wahnsinn, wie sich der Pegel innerhalb von wenigen Tagen verändern kann! Ich beobachte das eher aus der Distanz, wenn Niedrigwasser ist, gibt es einen Kostenaufschlag bzw irgendwann fährt halt nichts mehr. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es für die ist, die auf den Booten leben – wie es für euch ist!

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