Elektronisches Ja oder Nein

Wir gehören, seit wir wieder ausgewandert sind, zur „Fünften Schweiz“. So werden die Ausgewanderten genannt. Diese sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes gar nicht so Wenige, über 750’000 nämlich, oder in Prozent über 11% aller Inhaber eines Schweizer Passes.

Alle, die einen Schweizer Pass haben, bei einer Auslandvertretung registriert und erwachsen sind haben ein Stimm-und Wahlrecht auf nationaler Ebene. Einige Kantone geben diese sowohl das Stimm-als auch das Wahlrecht auch für kantonale Belange. Es ist wohl bekannt, dass Schweizer im Rahmen einer direkten Demokratie ziemlich weitreichende politische Rechte haben. Dazu gehören eben nicht nur das Wahlrecht, sonder auch das Stimmrecht und das Recht Initiativen zu lancieren oder ein Referendum zu ergreifen. Wir Schweizer lieben das, aber alles ist auch viel Arbeit, denn Abstimmen ist eine ernste Sache. Es ist von Vorteil sich ein genaues Bild zu machen und gut abzuwägen, bevor man über eine Sachlage abstimmt. Stets auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, ist nicht wünschenswert. Wichtig sind Gesellschaft, Sicherheit, Ökonomie, Umwelt usw. als Ganzes. Deshalb wollten wir vor einigen Jahren auch keine obligatorische 5. Ferienwoche; ganz Europa hat darüber gestaunt (und gelacht). Wir haben immer noch deren vier. Natürlich sind die Betriebe frei, das zu erhöhen oder Angestellte können mehr Ferien aushandeln. Na ja.

Unsere Stimmunterlagen für die nächste Abstimmung (23. November) sind gestern eingetroffen. Mit einer Neuheit! Wir stimmen und wählen ab sofort elektronisch! Bislang konnten wir von Frankreich aus beide leider weder wählen noch abstimmen. Es gab da nämlich ein kleines Problem: Die Unterlagen kommen in einem ganz speziell durchdachten Umschlag. Dieser muss unbedingt an einer Lasche aufgerissen werden. Damit wird eine Papierklappe mit einem selbstklebenden Streifen frei. Denselben Umschlag muss man für die Rücksendung verwenden und mit ebendiesem Selbstklebestreifen verschliessen. Nun geht unsere Post aber an eine Servicestelle und die kennen diesen Umschlag natürlich nicht. Eine Maschine schneidet den Umschlag einfach standardmässig auf und Upps! Wir dürfen den nicht mehr verwenden. Aus. Amen. Fertig.

Hier steht es klar und deutlich: nicht aufschneiden!
klar und deutlich: nicht aufschneiden!

Aber jetzt ändert sich das gewaltig. Der Umschlag spielt keine Rolle mehr! Lange erwartet und jetzt in der Testphase. Getestet wird der elektronische Stimm-und Wahlvorgang mit jenen Auslandschweizern, die im Kanton Waadt (le canton de Vaud) als Wähler registriert sind, also auch wir. Wir sind von einer Gemeinde nördlich des Genfersees aus ausgereist und damit bleiben wir der Waadt zugeordnet. Ausserdem sind wir auch Bürger dieses Kantons, aber dies ist nicht stimmrelevant. Erst war mir nicht klar weshalb gerade dieser westschweizerische Kanton als Testkanton gewählt wurde; es war dieser Kanton der diese Umstellung gefordert hatte. Voilà, und nun dürfen wir das ausprobieren. Aber gerne und mit Vergnügen!

Wir sind jetzt auch da online und modern. Früher bemühten wir noch die Post oder warfen den Umschlag direkt in den dafür vorgesehenen Briefkasten am Gemeinde-oder Stadthaus. Persönlich ins Stimmlokal – nun DAS habe seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht. Das wäre jetzt wirklich antiquiert. Aber es gibt Wähler, die lieben das immer noch. Das dürfen sie von mir aus ja, müssen einfach sonntags früh aufstehen. Nichts für mich!

 

Vielleicht interessiert es die Eine oder den Anderen

worüber wir im November abstimmen? 3 Sachfragen liegen vor:

  • Eine Volksinitiative für die Verankerung der Würde von Nutztieren in der Verfassung (entstanden aus der Überzeugung, dass zB. Kühe und Ziegen nicht einfach standardgemäss enthornt werden dürfen).
  • Eine Volksinitiative über die Selbstbestimmung der Schweiz in richterlichen Fragen (keine Einmischung der EU-Richter)
  • Die zu schaffende legale Basis für eine Observierung von möglichen Versicherungsbetrügern (vor allem im Falle von unberechtigter Sozialhilfe und ähnlichen Bezügen)

Tja, damit schlagen wir uns jetzt herum. Es gibt noch etwas Lektüre, die ebenfalls im Stimm-Umschlag war, da lesen wir über Pro und Contra und was die verschiedenen Parteien empfehlen in die -virtuelle- Urne zu legen. Und dann entscheiden wir. Also jeder für sich, im geheimen Zimmerchen. Das Stimmgeheimnis ist bei Schweizer fast so wichtig wie das Lohngeheimnis. Pssst!

 

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

2 Kommentare zu „Elektronisches Ja oder Nein“

  1. Muss man da auch anklicken, dass man ganz alleine wissentlich und willentlich seinen Klick gesetzt hat?
    Es hört sich ein bisschen schwierig an. Und kann man diese Sachverhalte denn immer auf ein Ja oder Nein reduzieren?
    Ich bin bei Volksentscheiden immer ganz hin und her gerissen. Es erscheint eine gute Sache zu sein, wenn denn alle sich informieren und ihre Meinung wohl durchdacht kundtun. Aber wenn es auf Emotionen basiert, scheint es doch manchmal eine ungewisse Sache zu sein.
    Wie viele Volksentscheide fallen denn da so pro Jahr an? Gibt es nur Abstimmungen für die ganze Schweiz oder gibt es auch regionale bzw. im Kanton? Hat man da immer noch Lust abzustimmen und vor allem sich zu informieren?

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  2. Es sind einige Male pro Jahr, ich würde sagen so 4 Mal. Die Themen sind stets gebündelt. In allen Medien werden die Themen ausgiebig diskutiert. Ich denke, wer will ist gut informiert bevor die Stimmunterlagen eintreffen, und da liegt ja nochmals ein Heft bei mit genauer Erklärung was passiert im Falle von Annahme oder Ablehnung. Wir sind das gewohnt und bislang hat das Volk meistens recht gehabt, aber nicht immer. Ab und zu wird emotional abgestimmt, je nach Kampagne, aber meist kommt es danach zu einer Korrektur. Das hin und her dauert ein wenig, aber es ist demokratisch und ich denke wir fahren nicht schlecht bisher. Es gibt auf jeder Stufe Abstimmungen und Wahlen. Die Schweiz ist politisch von unten nach oben organisiert. Gemeinden, Kantone und Staat. Politiker Arbeiten sich nach oben. In den Gemeinden werden Unfähige oder Tendenziöse meist schon ausgemustert. Schule, Polizei u.v.a.m. sind kantonal. Da kennt man die Leute und schaut genau hin.Die Schweiz ist verglichen mit Deutschland ein Dorf! Wir haben ja noch ein paar Orte wo die lokalen Abstimmungen auf dem Dorfplatz stattfinden (Stichwort Landsgemeinde)!

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