Kulturschock VIII: Gesundheitswesen

Blutentnahme

Nicht dass ich bereits den Durchblick habe, aber eine Ahnung des französischen Gesundheitswesens habe ich mittlerweile schon.

Absolut vital ist die Carte vitale und um die muss man kämpfen. Mann hat sie schon, ich noch nicht. Aus einem einfachen Grund: Beim Antrag Anfang Jahr dachten wir mit den 2 Anträgen von uns inklusiv allen erforderlichen Dokumenten sei’s geritzt. Weit gefehlt!

Wir wussten, dass es ewig gehen würde bis die administrativen Hürden genommen sein werden. Persönliches Vorsprechen, nur ohne Anmeldung möglich, Wartezeit Stunden, wenn nicht Tage, Einreichung der Dokumente, Stempel hier, Unterschrift da, viele Arbeitsschritte der Angestellten, deren Zweck sich uns nie erschloss, irgendwann doch: ich glaube wir haben jetzt alles. Na, hoffe ich doch!!!

Monatelang blieben wir ohne Nachricht, dann fragten wir nach. Erst haben sie uns gar nicht gefunden, dann den Antrag aber ohne jedes Dokument, unsere Schweissperlen wurden zu Schweissbächen. Ah, doch, da sind sie ja, alles in Ordnung, sollte nicht mehr lange dauern.

Das ist relativ: Was ist nicht lange und was lange in Frankreich? Tage, Wochen, Monate?

Monate. Das Gesicht von Mann, als er die carte vitale vor ein paar Wochen endlich in den Händen hielt, hätte ich fotografieren sollen: Ein grosser Lottogewinn sähe wohl ähnlich aus!

Ja, und wo ist meine? Ah, da haben wir noch nicht alle Dokumente. Grosses Erstaunen unsererseits. Was fehlt denn da noch? Der Beweis, dass ich mit Mann verheiratet bin.

Da musste ich ehrlich leer schlucken und war einige Augenblicke einfach sprachlos. Ich bin doch nicht 12 und Papa muss für mich bürgen! Ehrlich jetzt: in Frankreich ist eine Ehefrau gesundheitsmässig ein Anhängsel ihres Mannes. Hätte ich das gewusst, ich hätte nie geheiratet. Wenn mich etwas erbost, dann wenn ich nicht für voll genommen werde. Aber da hilft leider nichts, die Verwaltung ist am längeren Hebel und ich muss Kröten schlucken. Das entsprechende Dokument ist eingereicht und meine carte vitale trifft vielleicht noch vor Ende Jahr ein. Das wäre, glaubt man anderen Expatriates, eine ziemlich rassige Abwicklung eines Antrags: innerhalb eines Jahres, wow!

Daumen hoch
thumbs up

Ein kleines Anekdötchen habe ich noch

Wir müssen beide in regelmässigen Abständen gewisse Labor-Kontrollen machen lassen. Diesen Herbst haben wir dies das erste Mal in Frankreich erledigt. Bei Mann ging alles glatt, er konnte die Rechnung gleich mit Karte vor Ort und vor der Blutentnahme bezahlen. Ich wollte das ein paar Tage später ebenfalls so abwickeln. Ging nicht. Weshalb. Zu komplexe Laboruntersuchung, ich würde eine Rechnung erhalten. OK, kein Problem. Der Laborbescheid traf ein, mit Rechnung. Beides per Email. Die Rechnung führte keine Zahlungs-oder Bankverbindungen an. Ich rief da an um zu erfahren, wohin ich das Geld überweisen soll. In Frankreich benötigt man dazu einen RIB (Relevé Information Bancaire) ohne den geht nichts, absolut gar nichts und nirgends. Ich könne nicht per Banküberweisung bezahlen, sondern müsse vorbeikommen und per Cheque oder bar bezahlen. WAS? Vorbeikommen, Cheques? Meine Bank in der Schweiz gibt keine Schecks mehr aus, und überhaupt, wer bezahlt denn noch mit Schecks (ganz Frankreich!). Vorbeikommen liege nicht drin, ich wohne auf einem Boot und wir sind schon wieder weg. Mit viel Überzeugungsarbeit erhielt ich dann doch noch den RIB. Habe postwendend bezahlt, nur um danach nochmals angerufen zu werden. Eine nette Dame wollte sich versichern, dass das via Bank eingetroffene Geld von mir sei (!) und für das Labor bestimmt wäre (!) und wenn ja für welchen Zweck (!). Stand alles, alles, alles auf der Überweisung. In diesem Land wird an Cheques geglaubt und einer Banküberweisung misstraut! Unglaublich.

Die gute Dame konnte sich zum Schluss die Bemerkung, das sei eine sehr, sehr ungewöhnliche Art zu bezahlen und es sei das überhaupt erste Mal, das ihr das passiere, nicht verklemmen. Hä?

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

5 Kommentare zu „Kulturschock VIII: Gesundheitswesen“

  1. In Polen wird der Arzt oft schon vor der Behandlung problemlos mit Kreditkarte bezahlt. Dafür stand ich einmal wie der Ochs vorm Berg vorm Postboten, weil der einen recht hohen Bartbetrag als Nachnahme von mir wollte, als er mir den reparierten Staubsauger überbrachte. Hätte nicht zufällig die allerliebste Nachbarin einen größeren Barbetrag da gehabt, wäre der Postbote wieder mit Staubsauger verschwunden. Und ich hatte extra bei der Firma angefragt, wie ich das denn bezahle. Ob ich (wie ind en meisten Fällen in Polen) vorher überweisen soll. Man, das ist sooooo vorsintflutlich!!!

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