Ein zwiespältiges Verhältnis

Was habt ihr für ein Verhältnis mit eurem Kopf, genauer, mit eurem Gehirn?

Mein Hirn ist Teil meiner selbst, ganz klar. Und doch, es führt ein Eigenleben! Es will nicht immer so wie ich will. Es ist eigensinnig und lässt mich manchmal auch einfach hängen. Unsere Beziehung ist zwiespältig und manchmal etwas belastet.

Beispiel: ich möchte schlafen oder einfach mal meine Ruhe. Mein Hirn nicht, es läuft auf Hochtouren, brumm, brumm, brumm:Hast du an das gedacht? Wolltest du nicht noch…! Und was ist mit dem Wäscheberg? Habe eine Idee für einen Blogbeitrag! Schreib auf.

Jetzt, mitten in der Nacht?! Ich war ja nur kurz auf um etwas zu trinken und jetzt brumm,brumm, brumm.

Wenn ich es dann wirklich gerade brauche, dringend brauche, streikt es. Niemand zuhause. Hallo, ich brauch ganz dringend den Namen dieses Film, du weisst schon! Bin grad mitten in einem Gespräch und möchte das einbringen. Oder, was heisst schon wieder Schreibwaren auf englisch? Schnell, bitte! Funkstille. Oder, wo habe ich meine Schlüssel, Brille, Maus hingelegt? Hirn weiss es genau, aber es will den Zeitpunkt der Mitteilung selber bestimmen. So gemein.

Die abgerufenen Infos kommen also dann erst viel später, meist in einem völlig unpassenden Moment. Da sitzen wir gemütlich in einer Runde zu Abend und plötzlich rufe ich aus „RED“ (Film R.E.D. – Retired Extremly Dangerous – mit einer umwerfenden Helen Mirren in der Hauptrolle). Konsternierte Blicke. Eine neue Art von Tourette-Syndrom? Umständliche Erklärungen. Unangenehm. Sehr.

Letztens spielte mir mein Hirn wirklich einen argen Streich. Auf dem Ponton in Tournus war extrem viel los, es waren viele Nationalitäten vertreten und wir hörten alle möglichen Sprachen. Die allermeisten am Ponton festgemachten Boote hatten auf der Flussseite noch ein weiteres Boot dran. Wir waren gerade am nett plaudern mit französischsprachigen Schweizern, da kamen Südafrikaner an und suchten verzweifelt einen Platz. Da wir gerade kein Boot an unserem hatten, ging ich sie zum „Bord an Bord Anlegen“ einladen und helfen mit den Leinen. Ein kleiner Schwatz ist da natürlich immer interessant, vor allem wenn die Frau an Bord auch Mitglied in der grossen, weltweiten FB-Gruppe „Women on Barges“ ist (wir erkennen uns an einer speziellen Flagge). Danach kam ich zurück zu unseren Nachbarn und wollte mich wieder ins Gespräch einklinken. Ging nicht. Mein Hirn sprach englisch! Ich schaffte den Satzanfang, die ersten zwei Worte in Französisch, danach hörte ich mich wiederum auf Englisch. Mann guckte mich ganz seltsam an, die zwei Romands auch. Ich nahm mehrere Anläufe, es ging einfach nicht. Ich kam mir so saublöd vor und wäre am liebsten in einem Loch verschwunden oder in den Fluss gesprungen! Mein Hirn hat mich total im Stich gelassen. Uiuiui, das sind schlimme Vorboten, nicht?

Jetzt frage ich mich, wie das Gehirn Sprache überhaupt abspeichert. Egal was die Forschung sagt, wahrscheinlich habe ich so eine Art Schubladen, eine pro Sprache. Irgendwer/irgendwas hat da meine Schubladen kurzfristig arg durcheinander gebracht! So peinlich!

Normalerweise, also bisher, sind meine Schubladen ziemlich aufgeräumt und Sprache wechseln mache ich seit Jahrzehnten andauernd. Irgendwie sind diese Boxen aber doch nicht optimal miteinander vernetzt. Ich habe nämlich grosse Mühe für Dritte von einer in die andere Sprache zu übersetzen. Schriftliche Texte übersetzen geht recht gut, aber so in einem Gespräch, simultan: schwierig. Ist doch einfach auf die Frage „was hat er gesagt?“ kurz zu umreissen, was geredet worden ist. Für mich fast unmöglich. Ich kann das einfach nicht. Früher an der Arbeit sollte ich ab und zu in einer Sitzung spontan einspringen und übersetzen, von Muttersprache zu X, oder X zu Muttersprache. Ich schwitzte Blut, gab eine beschämende Leistung und war hinterher total ausgelaugt! Das ist sowas von anstrengend. Chapeau an all die Simultanübersetzer und -Übersetzerinnen!

Wie ergeht es euch mit Fremdsprachen? Macht euer Hirn auch manchmal was es will und lässt euch im Stich? Eure Erfahrungen würden mich vielleicht etwas beruhigen. Ich mache mir nämlich gerade etwas Sorgen!

Ach, übrigens: Ich habe da letztens einen wahnsinnig lustigen Vortrag über den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirne gesehen, hat bloss am Rand mit obigem Thema zu tun, trotzdem hier den Link: Mark Gugnor

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

6 Kommentare zu „Ein zwiespältiges Verhältnis“

  1. Ich musste gerade Tränen lachen, deinen Beitrag hätte ich Wort für Wort selber verfasst haben können. Simultan übersetzen oder kurz irgendwas Geschriebenes zusammen zu fassen ist halt schwer, weil man ja den Anspruch an sich selber hat grammatikalisch richtige Sätze von sich zu geben, aber man die Wörter dann anders verteilen muss.
    Dass mir irgendwelche Namen, Titel oder einfach das richtige Wort nicht einfallen wollen, das ist erst in den letzten Jahren so schlimm geworden.
    Vielleicht Schlafmangel, weil man an jedem Pups aufwacht, dann das Hirn auf Hochtouren vor sich hin denkt und frau nicht wieder einschlafen lässt?

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  2. Ja ja ja! Ja! Amen! Mir gehts genau gleich! Gerade wieder gemerkt beim Besuch meiner Eltern. Ich kann entweder deutsch oder englisch sprechen aber nicht vom einem ins andere übersetzen. Manchmal wenn ich müde bin oder sehr emotional vergesse ich Wörter. Viele Wörter. In beiden Sprachen. Dann stottere ich nur noch rum… peinlich. Und dass mein Hirn macht was es will…ja, auch das. Immer! Dauernd.

    Gefällt 1 Person

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