Testfahrt und Entscheid!

Fortsetzung von Es muss etwas ändern!
Da waren wir also. Das Boot in Empfang genommen, kurzer Lehrgang mit dem Vermieter absolviert (Vous comprenez? C’est facile! Alles klar, hoffentlich). Unsere ersten Test-Gäste sind da und es geht los. Von Tournus aus sollte es hinunter zur Seille gehen, hinauf bis Louhans, dann die Seille wieder stromabwärts via Tournus – Gäste abladen – und zu zweit nach St-Jean-de-Losne. St-Jean ist das Zentrum der Freizeit-Binnenschifffahrt in Frankreich und wir wollten die vielen dort zum Verkauf angebotenen Boote sehen. Dann einen neuen Gast an Bord nehmen, mit ihr stromaufwärts bis Mantoche und wieder zurück, in St-Jean Gast wieder an Land lassen und „heim“ nach Tournus. Ein Trip von zwei Wochen.

Die erste Schleuse

Die relativ schlecht sichtbare Einfahrt in die Seille haben wir gut gemeistert, nach den ersten paar lieblichen Biegungen kam die erste Schleuse in Sicht. Nun muss ich zugeben, wir hatten noch nie ein so schweres Boot gesteuert und die erste Schleuse war eine echte Herausforderung. Wir mussten warten, in der Schleuse befand sich ein Boot, das stromabwärts kam. Im Becken vor der Schleuse windete es heftig von steuerbord und wir trieben in eine ungünstige Einfahrtsposition. Als wir endlich einfahren konnten, lagen wie derart abseits, dass ein gerades Einfahren unmöglich wurde. Heftige Aufregung an Bord, jeder mit Bootshaken bewaffnet, mit viel Herumschreien und nach einigen Stupsern an die Schleusenwände, konnten die Leinen dem Schleusenwärter zugeworfen werden. Aus dieser ersten Lektion haben wir gelernt:

  • Schreien hilft keineswegs bei Manövern. Wenn man sich nicht versteht liegt es nicht immer an der Lautstärke
  • Das Boot verfügt über 6 Klampen aber nur 3 Leinen (Normaldeutsch: das Boot kann an 6 Haken festgemacht werden, es hat aber nur 3 Seile). Das ist ärgerlich und bedeutet, es muss vorausgedacht werden. Leinen in letzter Sekunde wechseln zu müssen ist absolut stressig (und peinlich!)
  • Bei der „Mississippi“ sind die Heckklampen nur erreichbar indem man a) die Leiter runterklettert oder b) durch das Boot geht. Bei Manövern muss diese Tatsache mit eingeplant werden.
  • Um chaotische Manöver zu vermeiden sind wenige Beteiligte, die ungefähr wissen was zu tun ist, besser als viele gutmeinende Helfer.

Die Reise

Die Fahrt auf der Seille, ein bis auf wenige hundert Meter frei fliessender Fluss, mit den vielen Windungen war absolut toll. Die vorbeiziehende Landschaft und am Schluss das Städtchen Louhans mit seinem grossen Wochenmarkt (Montag) waren ein Erlebnis. Anlegeplätze sind zwar nicht zuhauf vorhanden, wild anlegen fast unmöglich und die weiteren drei Schleusen bis Louhans manuell zu bedienen, aber es lohnt sich die Seille zu entdecken.

Die Saône wiederum ist von Süden her bis auf die Höhe von St-Jean-de-Losne sehr breit und ruhig, mal fast gerade und fliesst dann wieder in grossen Schlaufen. Über lange Strecken sieht man kaum Dörfer oder Städte, dafür weidende Charolais-Rinder und Pferde. Der Fahrkanal ist gut bezeichnet und zu respektieren, denn die Uferzone ist sehr flach und Auflaufen eine reale Gefahr. Tournus, ein Cluny-Ort, ist mit seiner Abtei und der Altstadt besuchenswert, der Anlegesteg relativ klein, Châlon-sur-Saône hat eine lebhafte Innenstadt mit hübschen Plätzen, Geschäften und Restaurants und eine schön gelegene, nicht sehr grosse Marina. Seurre verfügt über schöne Gästeplätze gleich neben dem renovierten Quai und Verdun-sur-le-Doubs überrascht mit einer fast südfranzösischer Atmosphäre. Allerdings ist die Einfahrt in den Doubs und das Anlegen Heck voran wegen der heftigen Seitenströmung nicht einfach. Auf der Höhe von St-Jean schliesslich, wo Gäste besser am Quai anlegen als einen Platz im Hafen zu suchen, fährt man dann in die Petite-Saône ein. Nicht dass auf einen Schlag alles ändert, aber beim weiter nordwärts fahren bemerkt man die Veränderung tatsächlich: der Fluss wir deutlich schmaler, die Ufer rücken in die Nähe und die Biegungen sind enger.

Boote gucken

Auf St-Jean freuten wir uns. Wir wollten da ja viele Boote, die wir schon aus dem Internet kannten besichtigen. Den ganzen Winter über hatten wir viel Zeit im Internet verbracht und sahen uns schon auf einer Luxmotor oder auf einer Tjalk. die klassischen Schiffsformen hatten es uns angetan! Wir dachten auch, unser Boot sollte schon 20 Meter lang sein, damit wir genug Platz haben würden. Inzwischen hatten wir uns jedoch schon an die „Mississippi“ und deren Komfort gewöhnt, das bequeme Einsteigen, die geräumigen Kabinen, die grossen Fenster, die wenigen Stufen im Innern, die grosse Sonnenterrasse und der tolle Rundblick. Die Manöver gingen schon ziemlich glatt von statten und auch zu viert war es gross genug; jeder konnte sich auch mal zurückziehen. Von der Besichtigung der vorgemerkten Boote war dann so ziemlich ernüchternd: der Zustand war allgemein nicht so gut wie erhofft, hier musste man über eine Hühnerleiter einsteigen (mit Hunden?!), da hatte man kaum Platz um zu husten, dort muffelte es ganz gewaltig. Auf der Hinfahrt hatten wir vor Châlon wild übernachtet und festgestellt, dass dies mit einem 20-Meter-Boot unmöglich wäre. Es war wunder-wunderschön! Keinen Menschen haben wir getroffen, sahen von weit her einen Kirchturm, und sonst waren da nur wir, die Natur und die vielen Wasservögel. Nach diesen Besichtigungen hatte unsere Ferienboot noch bessere Karten als zuvor. Nein, eigentlich war der Entscheid schon getroffen. Sie war schon „unser“ Boot geworden; noch nicht perfekt, unser Stempel fehlte noch, zum voll bewohnen fehlte noch einiges. Aber wir hatten Wind und Wetter, Sonne und Regen, grosse und kleine Schleusen, schwierige und weniger schwierige Anlegeplätze gemeistert. Wir haben zusammen mit den Gästen gekocht und gemütliche Abende drinnen und auf Deck verbracht, wir mussten heizen und Wasser bunkern, Einkäufe für vier Personen und mehrere Tage unterbringen, und alles hat wunderbar geklappt. Klar ist sie von aussen keine Schönheit, aber was ist wichtiger: die inneren oder äusseren Werte? Eben.

…und der Entscheid, der unser Leben verändern sollte

Der zweite Teil der Testfahrt stand noch bevor. In St-Jean schliesslich kam auch meine Schwester an Bord. Zu dritt fuhren wir erst bei regnerischem dann sonnigerem Wetter über Auxonne (wo wir jetzt den Winter verbringen und wir uns damals in die Sonnenuntergänge und die schöne Lage verliebt hatten) nach Mantoche. Mantoche ist ein kleines Dorf mit einer sehr schönen, kleinen Anlegestelle. Ein kleiner Park mit Tischen  und Bänken unter Weiden und Platz für fünf Boote. Richtig romantisch! Hier war unsere Reise nordwärts zu Ende. Am nächsten Morgen ging es Saône abwärts, über mehrere Etappen wieder nach Tournus zurück. Meine Schwester (die seither regelmässige Besucherin ist) verabschieden, und dann hatten wir es irgendwie eilig. Der Bootsbesitzer war bereits informiert worden, dass wir unbedingt zusammensitzen müssen um über einen Kauf zu reden. Am Freitag Abend fand das Gespräch statt und am Samstag Vormittag fuhren wir nach Hause – beide konnten wir es kaum glauben, dass wir soeben ein Hausboot gekauft hatten! Fortsetzung folgt!

 

 

 

 

 

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

5 Kommentare zu „Testfahrt und Entscheid!“

    1. Ich denke es ist ganz Europa gleich geregelt: auch wenn man ein Ferienboot mietet, braucht es einen Führerschein! Nur wird der zusammen mit dem Boot für genau die Zeit des Urlaubs so quasi vom Vermieter mit verliehen. Als Boots-Mieter merkt man davon kaum etwas, es ist einfach in den Leistungen inbegriffen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s