Ausmisten: Unterwegs zum leichten Leben

Mehr und mehr hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl einen Klotz am Bein zu haben. Da liest man in Zeitschriften, Blogs und anderen Medien wie toll es doch ist, all den Ballast an Besitztümern loszuwerden. Natürlich gleich versehen mit Anleitungen, wie da zu verfahren wäre. Das hat dann den Anschein als sei die Entrümpelung eine Riesenparty und gaaanz einfach. Also ehrlich, die kennen uns nicht. Wir sind da ganz andere Kandidaten in diesem Wettbewerb der Reduktion!In jungen Jahren sind wir oft umgezogen, meist aus beruflichen Gründen aber ab und zu einfach auch aus Spass an einer neuen Bleibe. Jedes Mal wurde zuerst die Wohnung und später das Haus ein wenig grösser. Wir haben beide Freude an schönen Dingen, gingen Jahre lang auf jeden Flohmarkt und vor allem ich konnte an keinem Deko- oder Möbelgeschäft vorbeigehen ohne wenigsten „reinzugucken“. Die Stilrichtung änderte sich dabei wenig; wir mögen einen Mix aus alten und modernen Sachen.  Aber es wurde immer mehr! Lange machte mir das enorme Freude, für jedes Gericht die passenden Teller zu haben, je nach Stimmung die entsprechende Bettwäsche aufzuziehen, die Wahl zu haben drinnen, draussen, auf der Holzterrasse oder unter der Pergola zu essen oder doch vielleicht lieber unter der japanischen Kirsche? Das letzte Haus haben wir zudem al ziemliche Bruchbude gekauft und in drei Jahren komplett umgebaut, vieles eigenhändig. Daher hatten wir auch eine gefühlt 3-fach bestückte Werkstatt mit kleinem Holzlager und Schrauben und Dübel für wirklich jeden Zweck!

Unwohl gefühlt hatte ich mich, wie bereits erwähnt, schon länger. Mit dem Startschuss zu unserem neuen Leben – dem Entscheid künftig auf einem Hausboot leben zu wollen – wurde das Thema Entrümpelung plötzlich sehr konkret. Ich machte Listen, darin bin ich extrem gut! Eine Aufstellung aller unserer grossen und kleinen Besitztümer mit Kolonnen für Verkaufen, Verschenken, Wegschmeissen. Dazu Meilensteine im Kalender bis wann was erledigt sein musste. Wir hatten über ein Jahr Zeit. Erst ging alles relativ glatt. Wir konnten Lieblingstücke an Freunde und Bekannte verkaufen. Aber im Haus sah man nicht wirklich etwas, alles schien wie immer. Raum für Raum kam dran. Es war nicht leicht. Viele Stücke bedeuteten uns viel. Es musste entschieden werden wie leer es werden durfte bevor das Haus zum Verkauf ausgeschrieben würde. Allzu leer macht sich ja auch nicht so gut. Zum Glück ging der Verkauf dann auf den für uns idealen Zeitpunkt schnell über die Bühne. Und dann ging es ganz ernsthaft zur Sache: alles, was aufs Boot mitdurfte aussortieren und der (riesige) Rest musste entsorgt oder von karitativen Werken abgeholt werden. Am Schluss blieb noch unser privates Büro. Leider, leider haben wir im privaten Leben den Schritt zum papierlosen Büro nie geschafft. Das rächte sich nun. Wir konnten unmöglich all die Ordner aufs Boot schaffen, dazu fehlte einfach der Platz. Also musste alles gesichtet und in alle Richtungen gebürstet werden. Zum Ende wurde die Zeit knapp. Wir waren müde und konnten fast nicht mehr. Es gab Momente – ich gebe das gerne zu – da hätte ich einfach nur noch heulen mögen. Aber wir habens geschafft! Nur noch zwei kleinere Kisten voll Papiere mussten mit aufs Boot kommen um hier eingescannt werden.

Wir haben unseren Besitz, der zuvor ein grosses Haus und viele Nebenräume gefüllt hatte, soweit reduziert dass man eine Zweizimmerwohnung (ohne Keller oder Dachboden) damit einrichten könnte. Unsere Kleider hätten wohl in einem grossen Koffer Platz. In unserm Boot haben wir eine ungefähre Wohnfläche von 50 m2, verteilt auf drei Räume. Voll und gemütlich eingerichtet, Alles was wir brauchen ist da und ein bisschen mehr. Wir vermissen nichts und ich fühle mich extrem erleichtert, im bildlichen und im übertragenen Sinn. Wir sind jetzt „light“ unterwegs. Ein sagenhaft gutes Gefühl!

Autor: suzyintheflow

Of Swiss origin, living in France on a houseboat with husband and two dogs. Intends to travel all over the navigable waterways of Europe in the years to come. No specific plans but open to any adventure and curious about the people and the places waiting to be met!

Ein Gedanke zu „Ausmisten: Unterwegs zum leichten Leben“

  1. Ich kann sehr gut mitfühlen. Letztes Jahr bin ich von einer 65qm Wohnung in Deutschland in eine 25qm Wohnung in Irland umgezogen. Da musste rigoros ausgemistet werden! Aber wenn’s dann geschafft ist….
    Hausboot finde ich übrigens super, davon hab ich als Kind immer geträumt und es hat seinen Reiz für mich nie verloren.

    Gefällt 1 Person

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